Wird Deutschland auch die zweite Halbzeit der Internetökonomie verlieren?

Eine Bestandsaufnahme

03.02.2015

©magdal3na - fotolia.com

©magdal3na - fotolia.com


Von Patrizia Trolese

Für das Jahr 2015 prognostizieren die Volkswirte des Instituts der deutschen Wirtschaft für Deutschland ein Wachstum von 1,5 Prozent – bei nach wie vor schwachen Investitionen.

Seit der Wiedervereinigung, die einen kleinen Investitionsboom auslöste, gehen die privaten Investitionen in Deutschland zurück. Zwischen 2000 und 2014 lagen die Bruttoanlageinvestitionen im Durchschnitt bei 20 Prozent der Wirtschaftskraft. Selbst in Italien und Frankreich waren es mehr, in Amerika sowieso. Gerade einmal 0,02 Prozent des BIP, 500 Millionen Euro, wurden hierzulande als Risikokapital angelegt. Der Anteil in den USA ist mit 0,17 Prozent des BIP und umgerechnet 21 Milliarden Euro neun Mal so hoch.

Dabei ist unter Ökonomen unbestritten, dass Investitionen der Schlüssel zu Wachstum und Beschäftigung sind. Auf kurze und vor allem auf lange Sicht bestimmen sie die Wettbewerbsposition eines Landes und sind deshalb viel mehr als nur ein kurzfristiger Konjunkturimpuls. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher mahnt: "Seit 1999 hat Deutschland einen Investitionsrückstand von rund einer Billion Euro aufgebaut und dadurch erhebliche Wachstumschancen verpasst." Dadurch wird die Zukunft Deutschlands gefährdet.

Die erste Halbzeit der digitalen Transformation hat unser Land bereits verloren. Derweil konnten Gründer wie Mark Zuckerberg, Larry Page, Jeff Bezos und Steve Jobs in den USA Unternehmen aufbauen, die die Old Economy gehörig unter Druck setzen. Dank viel Risikokapitals für die erste Wachstumsphase konnten sich ihre Ökosysteme - technische Standards und digitalen Netzwerke - im Markt durchsetzen. Schließlich bestimmen in der New Economy Nutzerzahlen den Wert von Waren und nicht deren Knappheit so wie in der Realwirtschaft. Erreichen die Nutzerzahlen solcher Ökosysteme eine kritische Größe, wachsen sie exponentiell. "Adieu Kodak, Nokia, Quelle, Neckermann! Willkommen Amazon, Google und Zalando!"

Alles, was ein "dummes" iPhone zu einem intelligenten Smartphone gemacht hat - ob Touchscreen oder Sprachassistentin Siri – ist mit staatlichen Subventionen entwickelt worden. Davon ist Mariana Mazzucato, Innovationsexpertin von der englischen Universität Sussex sowie neuer Leitstern in der ökonomischen Debatte, überzeugt. Sie vertritt die These: Der Staat ist der ultimative Risikokapitalgeber, der allein die Mittel hat, um umwälzende Techniken auf den Weg zu bringen, gerade weil die meisten dieser Versuche scheitern: "Für jedes Internet gibt es zehn Concordes."

Die Internetriesen konnten mit staatlicher Unterstützung ihre Unternehmen aufbauen. Die Risiken wurden vergesellschaftet, die Erträge hingegen privatisiert, verstärkt durch die Steuervermeidung dieser Konzerne. Auch darauf weist Mariana Mazzucato hin. Nun betätigen sich die Internetgiganten selbst als potente Investoren. Im Jahr 2013 machte Amazon einen Umsatz von fast 75 Mrd. Dollar. Obwohl der Online-Handel profitabel ist, fiel der Nettogewinn des Unternehmens mit 274 Mio. Dollar bescheiden aus: Jeff Bezos investiert lieber in den Ausbau neuer Geschäftsfelder, als Aktionären Dividenden zu zahlen. Der Visionär Bill Maris spielt bei Google Ventures sogar mit einem gigantischen Fondsvermögen von insgesamt 1,5 Milliarden US-Dollar.

Auf in die zweite Halbzeit der digitalen Revolution! Als nächstes steht in weiteren Branchen wie im Banken- und Industrie-Sektor ein rapider Strukturwandel an. Wissen wird ein wichtiger Produktionsfaktor, Old und New Economy wachsen zusammen und ein neuer technologischer Sprung steht bevor.

Das Wettrennen der Systeme beim mobilen Bezahlen hat bereits begonnen. Käufer werden künftig nicht mehr mit der Karte der Sparkasse oder Commerzbank zahlen, sondern mit dem Handy. Apple, Google, Facebook, Amazon, Twitter und Facebook haben bereits mobile Bezahlsysteme entwickelt oder werden sie in Kürze anbieten. Branchenkenner schätzen, dass alleine Google bereits rund eine halbe Milliarde Dollar in sein System investiert hat.

Ein Milliardengeschäft lockt. Derzeit erwirtschaften die Banken mit der Zahlungsabwicklung weltweit mehr als 1000 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Rund ein Drittel ihres gesamten Umsatzes erzielen sie mit Provisionen, Überziehungszinsen oder Darlehen auf Kreditkarten. Daran wollen die Internetgiganten partizipieren.

Zudem nehmen sie den Finanzdienstleistern deren wichtigstes Gut ab: den direkten Kontakt zu Kunden. Die Internetriesen haben es auf die Zahlungsinformationen der Käufer im stationären Handel abgesehen. Wer diese besitzt, kann das Einkaufsverhalten der Konsumenten prognostizieren. Wer diese Information mit den Spuren der Verbraucher im Netz kombiniert, verfügt über totale "Customer Ownership". Dieses Wissen werden die Internetkonzerne schließlich meistbietend an Händler und die Werbeindustrie verkaufen.

Für die Analyse großer Mengen von Kundendaten hat Google für rund 500 Millionen Dollar 2014 das Start-up-Unternehmen DeepMind gekauft und damit Facebook ausgebootet. Nest Labs, ein Thermostat- und Feuermelderhersteller, ging gar für 3,2 Milliarden Dollar an Google. Damit hat der Internetkonzern auch Zugang zu Daten von Kunden erhalten, die in Zukunft ihre Hausgeräte vernetzen werden.

Auch wenn es um den nächsten technologischen Sprung geht, spielt Google in der ersten Liga mit. 2014 hat der Konzern den Prototyp eines Autos für autonomes Fahren vorgestellt. Entstanden war die Technik als Teil eines Forschungsprojekts der Münchener Universität der Bundeswehr in Zusammenarbeit mit Daimler und einer neunstelligen Fördersumme der europäischen Forschungsorganisation Eureka. Diese Technik aus Deutschland hat Google anlässlich eines Wettrennens von Roboter-Autos 2004 übernommen. Ausgerichtet worden war das Wettrennen von der zum Pentagon gehörenden, sagenumwobenen Defense Advanced Research Project Agency (DARPA).

Ende 2013 übernahm Google Boston Dynamics. Ein großer Teil des Geldes, das das Robotik-Unternehmen für die Entwicklung eines humanoiden Laufroboters investiert, stammt von der DARPA. Roboter, die selbständig lernen und mit der Umwelt interagieren, sollen zukünftig Soldaten ersetzen. Sie lassen sich aber auch in der zivilen Logistik und Industrie der Zukunft einsetzen. Aus dieser Sicht passt es, dass die ehemalige DARPA-Chefin Regina Dugan, die 2012 überraschend zu Google wechselte, bei der Pentagon-Agentur unter anderem die Stärkung der Produktion in den USA verfolgte.

An der Zukunftslogistik zu Luft wird im Geheimlabor "Google X" getüftelt: an Ballons, die das Internet in abgelegene Regionen tragen sollen. 2014 übernahm Google hierzu für geschätzte 60 Millionen US-Dollar den Drohnenhersteller Titan Aerospace. Mark Zuckerberg hat für sein neues Projekt, die Entwicklung Facebook-eigener Drohnen und Satelliten, im letzten Jahr Kommunikations- und Luftfahrtexperten der US-Raumfahrtbehörde Nasa gewinnen können. Die kommerzielle Nutzung von unbemannten Fluggeräten ist in den USA zwar noch nicht erlaubt. Amazon sucht aber schon seit Ende 2014 in Großbritannien nach Mitarbeitern für seinen Dienst Prime Air, der hier noch in diesem Jahr Pakete mit Drohnen ausliefern soll.

Bereits das Internet ging bekanntlich aus dem Arpanet der DARPA hervor. Nun wird offenbar auch der nächste technologische Sprung hin zu autonomen Land- und Luft-Maschinen in den USA mit erheblichen finanziellen Staatsmitteln vorangetrieben, wenn auch nicht unmittelbar für kommerzielle Zwecke. Dabei geht die Rolle des Staates, insbesondere der DARPA, weit über die eines Förderers von Grundlagenforschung hinaus, wie Mariana Mazzucato betont: Er leitet Ressourcen gezielt in bestimmte Bereiche, bringt öffentliche und private Akteure für technische Entwicklungen und Venture Capital zusammen und betreibt Marketing für Start-Ups und Spin-Offs. Gemeinsam mit den Internetkonzernen und zahlreichen weiteren Investoren mit Fonds in Milliardenhöhe schreiten die Vereinigten Staaten jedenfalls weiterhin mit großer Kriegskasse in die technologische Zukunft.

In Deutschland bestimmt Sparmentalität das Handeln. Das Wettrennen mobiler Bezahl-Systeme hat beispielsweise die Telekom offenbar aufgegeben: Nachdem Hunderte von Millionen Euro in die Entwicklung eines eigenen Systems geflossen waren, hat Telekom-Chef Höttges 2014 die Investitionsmittel für diesen Bereich gekürzt. So gehen Wettrennen technologischer Systeme für Deutschland verloren.

In der Industrie 4.0 möchte Deutschland sogar Vorreiter werden. Das ergibt Sinn in einem Land mit traditionellen Stärken im Maschinenbau und in der Elektrotechnik. Hierzu hat Deutschland einen High-Tech Gründerfonds gemeinsam mit der KfW und Deutsche Post sowie mit privatwirtschaftlichen Akteuren wie Daimler, SAP, Bosch, Metro und Tengelmann aufgelegt. Dieser Fonds ist aktuell mit rund 300 Millionen Euro ausgestattet. Zappalot!

Das ist viel zu wenig, sind sich die Fachleute einig. Sigmar Gabriel appelliert nun an den Mittelstand, mehr in Start Ups zu investieren. Tatsächlich hat sich die Eigenkapitalausstattung mittelständischer Unternehmen in Deutschland in den letzten Jahren auf aktuell 21% gesteigert. Kapital ist also vorhanden. Für Unternehmen ist es derzeit günstig wie nie, sich zu verschulden: Die Zinsen liegen nahe null. Aber es fehlt der Mut. Gerade der Mittelstand erlebte in der letzten Finanzkrise, wie Banken über Nacht Nachfolgekredite nur noch restriktiv vergaben oder gar auf sofortige Rückzahlung alter Darlehen bestanden. Manche Unternehmen mussten Insolvenz anmelden. Deshalb sparen viele Mittelständler in dieser volatilen Zeit für den nächsten Einbruch.

Aber auch in der Professional-Service-Branche wird nicht genug investiert. Die wenigen Venture-Capital-Gesellschaften werden in Deutschland mit jeweils bis zu 1.500 Businessplänen pro Jahr förmlich überschwemmt. Realisiert werden letztlich aber nur 3 bis 10 Projekte. In London ist es umgekehrt: Hier begeben sich Investoren aktiv auf die Suche nach neuen Ideen und Anlagemöglichkeiten für ihre Kunden. In Deutschland fehlt Personal für Scouting, Fundraising und Dienstleistungen, die Start Ups nutzen können. Lediglich Rocket Internet bildet eine rühmliche Ausnahme bei der Professionalisierung der Branche. Bisher werden die Brüder Samwer von der "alten" Investorengarde jedoch als "Copycats" gering geschätzt.

Nimmt man die USA zum Maßstab, wo bei einem Risikokapitaleinsatz von 0,17 % des BIP eine Konsolidierung des Marktes begonnen hat, fehlen in Deutschland, wenn man etwa 0,15 % des BIP ansetzt, rund 3,5 Milliarden Euro als Risikokapital für die Entwicklung der Internetökonomie. Möchten Venture-Capital-Gesellschaften ihrer Rolle als Vordenker und Treiber der Zukunftsindustrie und -logistik gerecht werden, müssen sie nachdrücklich mehr Kapital bei der Öffentlichen Hand und in der Industrie einfordern. Auch hierbei ist Oliver Samwer Vorreiter.

Rasches Handeln ist notwendig, denn Innovationen entstehen weltweit zeitgleich. Die nächste Zäsur, die Verschmelzung von Mensch und Maschine, ist jedenfalls schon in Sicht. Werden die Cyborgs der Zukunft etwa miniaturisierte Versionen von "Google Glass" unter der Haut tragen?

Zur Person:

Patrizia Trolese (pt profession)

 

Patrizia Trolese berät unter dem Firmennamen pt profession (www.pt-profession.de) von Berlin aus seit vielen Jahren Professional Service Unternehmen – u.a. Marktforschungsinstitute, Management- und IT-Beratungen – in Bezug auf das strategische und operative Personalmanagement.

 

Werbung

Über CONSULTING.de

consulting.de ist das zentrale Informationsportal für Unternehmensberatungen. Unser breites Informationsangebot rund um Consulting richtet sich sowohl an Management- und Strategieberatungen, Personalberatungen, Controlling- und Finanzberatungen, Wirtschaftsprüfungen, Marketing- und Kommunikationsberatung und IT-Beratungen als auch deren Kunden aus Industrie, Handel sowie Dienstleistung.