Interview mit Nora Dahmer Aus einem Transgender-Leben – wie aus dem Berater Jens Dahmer die Frau Nora Dahmer wurde

Bis Mitte 2020 lebte Nora Dahmer 57 Jahre als Mann, akzeptiert inmitten der Gesellschaft. Dann entschied sie sich, nach einer erfolgreichen Karriere als Restrukturierungsberater, als Transfrau in der Gesellschaft weiterzuleben. Mit CONSULTING.de sprach sie über ihr Leben, über ihren Beruf als Restrukturierungsberater und ihre Erfahrungen vor und nach der Geschlechtsanpassung.

Nora Dahmer (Bild: Monika Plump Fotografie)

Nora Dahmer (Bild: Monika Plump Fotografie)

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Gedanke, eine Frau zu sein, schon relativ früh vorhanden war. Inwieweit hat diese Erkenntnis eine Rolle gespielt bei der Frage, was Sie mit Ihrem Leben machen, etwa nach dem Abitur?

Nora Dahmer: Mit 14 Jahren war mir klar, dass ich transident bin. Ich wusste damals nicht, dass es das gibt und was das ist. Ich wusste nur, ich bin eine Frau. Ich empfand das damals als abartig und pervers. Es gab ja keine theoretischen Grundlagen, die mir zur Verfügung hätten stehen können. Dazu war ich ein heterosexueller Mann, das passte für mich alles überhaupt nicht zusammen. Ich hatte vielleicht eine schwerere Pubertät, in der ich etwas härter mit mir gekämpft habe.

Nach meinem Studium fing ich bei einer Unternehmensberatung an, zwei Jahre als Assistent, und habe Organisationsberatung gemacht. Dann war ich zehn Jahre lang Geschäftsführer bei einer Industrieholding im Ruhrgebiet mit 700 Mitarbeitern und 14 Unternehmen. Dabei habe ich das Thema Transsexualität durchgehend verdrängt. Ich konnte damit überhaupt nichts anfangen, ich lernte eine tolle Frau kennen, heiratete und gründete eine Familie.

Wie fühlten Sie sich in dieser Zeit?

Nora Dahmer: Ich wusste nur, ich bin das nicht. Man kann sagen, dass ich es geschafft habe, das Ganze ein Stück weit zurückzudrängen. Ich war erfolgreich im Beruf und habe so meinen Ausgleich gesucht. Ich war ein bisschen bekloppter als andere Menschen, weil ich außergewöhnliche Hobbys hatte. Ich bin Fallschirm gesprungen, habe Handball gespielt und Zehnkampf gemacht, mir einen Flugschein zugelegt. Ich begann Hobbys, die alle als sehr männlich gelten, um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, dass ich eigentlich eine Frau bin.

Auf der anderen Seite heißt Transidentität Identität. Ich habe 40 Jahre in den Spiegel geschaut und einen Menschen gesehen, der ich nicht war. Man sieht den biologischen Mann, der man faktisch nicht ist. Das ist ein sehr belastendes und quälendes Gefühl. Aber es ging eben nicht anders und ich habe mich in die Arbeit gestürzt.

2004 sanierte ich in der Nähe von Bremen einen Lieferanten von Airbus in meinem ersten Sanierungsprojekt recht erfolgreich. Seit dem Tag war ich ausschließlich in Norddeutschland durch Mund-zu-Mund-Propaganda in der Restrukturierung von mittelständigen, inhabergeführten Unternehmen tätig. Meine innere Thematik, also dass ich eine Frau bin, führte dazu, dass ich in vielen Punkten etwas anders auf die Menschen, ihre Handlungen und Muster geschaut habe, als „Testosteron gesteuerte“ Berater.

Woran macht sich dieser andere Blick fest?

Nora Dahmer: Ich hatte vielleicht einen weiblicheren Blick auf die Sachen. Man hört mehr zu und überlegt, was will dieser Mensch. Warum macht er das? Und ich konnte sehr, sehr gut überzeugen. Ich hatte eine gewisse Menschenfänger-Qualität.

2009 gründete ich dann meine eigene Firma. Zuvor – als Partner – merkte ich, dass diese ganzen Alphatiere in den Diskussionen mir nicht behagten. Daher wollte ich ein eigenes Unternehmen haben, um meine Denkweisen umsetzen zu können, ohne permanent diskutieren zu müssen. Daher habe ich die Firma auch bis zum Schluss – 2020 – als Einzelgesellschafter betrieben. Ich hatte Angestellte und Berater, die auch richtig gut waren, aber nicht den Anspruch zugestanden bekamen, Partner zu werden. Das war für mich eine Maxime. Es gibt keine Partnerschaft.

Auch weil ich durch meine eigene Hintergrundthematik merkte, dass ich nicht wusste, ob und wann der Vulkan explodiert. Ich wusste nicht, wie lange ich diszipliniert genug bin, um mit diesem Rollenspiel klarzukommen.

Das war eine ganz schwierige Thematik, es war ja nichts Anerzogenes.

Frau zu sein war mir von der Natur gegeben. Aber man muss in dieser Zwei-Geschlechter-Gesellschaft, in der wir groß geworden sind, funktionieren. Ich konnte mir nie vorstellen, da auszubüxen, ohne meinen wirtschaftlichen Rahmen zu verlieren. Dazu gehörte auch, meine Familie nicht zu gefährden. Und vor allem meine Kinder, die zum Teil in der Pubertät waren. Das war ein heftiger innerer Kampf, den ich führen musste.

Bei einer Restrukturierung müssen unterschiedliche Player zusammengebracht werden. Es gilt, zu vermitteln. Dafür benötigt man starke Netzwerkfähigkeiten. Hat Ihnen ihr weiblicher Blick bei der Arbeit geholfen?

Nora Dahmer: Die Restrukturierung habe ich mir nicht bewusst ausgesucht. Es war mehr Fügung, dass ich dazu kam. Wir hatten in der Regel auch nicht die Hardcorefälle, bei denen es um Insolvenzen ging. Wir waren immer vorinsolvenzlich aktiv.

Ich weiß, dass ich immer ein bisschen anders getickt habe. An manchen Stellen konnte ich meine Eigenschaften einsetzen. Aber das Ganze geschah intuitiv. Man sagt nicht: So, jetzt spiele ich mal Frau. Aber bei manchen Dingen dachte ich dann schon, das hast du jetzt weiblich clever gemacht, ich bin die Themen ein wenig subtiler angegangen.

Und ich glaube auch, dass junge Frauen, wenn sie in die Restrukturierung gehen, ihrer sozialen Kernkompetenz wegen vielleicht besser geeignet sind. Ob sie dann die Anerkennung in den Unternehmen, bei den Banken und anderen Gläubigern erhalten, ist eine andere Frage.

Restrukturierung ist ein gutes Betätigungsfeld für toughe Frauen, weil man neben Durchsetzungsfähigkeit auch Empathie benötigt, um den Job gut zu machen.

Ergänzend hinzu kam, dass ich studierte Mathematikerin bin. Dadurch hatte ich ein sehr gutes Gefühl für Zahlen. Ich ging dann immer in Unternehmen und besorgte mir Millionen Datensätze, um mir daraus mein eigenes Datenmodell zu erstellen. Ich baute mir die Firma selbst nach, bevor ich Interviews führte. Dadurch wusste ich schon vieles und konnte die Geschichte der Firma, die jeder aus seiner Sicht erzählt, objektivieren. Das merkten die Leute und ich habe über meine einnehmende Art versucht, eine Art Gemeinschaft zu schaffen. Den Menschen war klar, dass sich mich nicht veräppeln konnten, weil ich einfach schon zu viel wusste. Das ist der Vorteil, wenn man Mathematik studiert hat. Ich kann logisch denken und große Zahlenmengen abstrahieren. Ich ziehe Deckungsbeiträge raus, wenn niemand damit rechnet. Mir gelang es, die Daten so zu verknüpfen, dass das machbar war.

Sie sagen, dass Sie stark rational und logisch denken. War das nicht ein wenig kontraproduktiv, um Ihren weiblichen Gefühlen nachzukommen? Man unterscheidet ja zwischen rationalen und gefühlsorientierten Typen.

Nora Dahmer: Ich glaube, die Kombinationen von beiden hat mir geholfen – was eigentlich nicht so typisch ist. Dieses rational Analytische auf der einen Seite und dann das Zugewandte auf der emotionalen Ebene andererseits. Nach außen hin war ich aber immer dominant aufgetreten, weil ich keinen spüren lassen wollte, dass ich eigentlich eine Frau bin. Also ich war ein ziemlicher Macho in der Außendarstellung. Das war eigentlich eine gute Mischung, die sich da herausgebildet hat.

Nach meinem Coming-out gab es bei den Kunden dann auch viele überraschte Gesichter. Denn genau das hatte man nicht erwartet. Gerade bei mir wäre man nicht auf diese Idee gekommen.

In Bezug auf Ihre Transidentität: Was waren die Momente, in denen Sie gesagt haben, ich muss da etwas ändern? Gab es da einschneidende Erlebnisse?

Nora Dahmer: 2019 habe ich mich geoutet und 2020 mein Leben komplett umgestellt. Wenn Sie mich 2017 auf meine Weiblichkeit angesprochen hätten, hätte ich gesagt, ich nehme das mit ins Grab. Ich hatte oberflächlich ein sehr glückliches Gebilde mit einer tollen Familie. Das hat auch dazu geführt, dass ich mit deren Unterstützung meine Transition heute erfolgreich gemeistert habe.

Aber es gab eigentlich keinen Grund, etwas zu ändern. Ich war erfolgreich, ich hatte meine eigene Firma und gutes Geld verdient. Ich war ein Workaholic und – wie gesagt – ich hätte das Thema mit ins Grab genommen. Aber dann hat meine Gesundheit verrückt gespielt. Meine Blutwerte waren schon eine Zeit lang im Keller, aber 2018 bekam ich zusätzlich erhebliche Schlafprobleme. Also musste ich gute Miene zum bösen Spiel machen in der Firma, wo Projekte auf mich warteten. Damals ging ich auf dem Zahnfleisch und habe auch meine Frau stark vernachlässigt. Ich stand vor der Wahl: Entweder ich gehe körperlich zugrunde oder ich entscheide, mich zu offenbaren.

Daraufhin folgten mehrere Zwischenstufen und dann sprach ich am 14. Juni 2019 mit meiner Frau über dieses Thema. Ich erklärte ihr, dass ich in einem falschen Körper lebe, der nicht zu mir passte. Sie fiel natürlich aus allen Wolken. Und dann hat sich das Ganze entwickelt. Es folgten die Coming-outs bei meinen Eltern, Kindern, Geschwistern und Freunden und so weiter. Aber ich wollte beruflich weiter der Mann sein. Das Coming-out war dafür da, um den Druck von meiner Seele zu nehmen, aber ich wollte nicht mein Leben ändern.

Wie gelang Ihnen der Start in ein „neues“ Leben?

Nora Dahmer: Mit meiner Familie hatte ich die Übereinkunft, dass ich privat diese Rolle als Frau auslebe. Ich trug dann zum ersten Mal Frauenkleider. Das musste ich alles erst einmal lernen. Ich hatte niemals in meinem Leben eine Handtasche in der Hand. Ich wollte dann privat Nora sein. Den Namen hatte mir meine Frau beim Coming-out geschenkt. In dieser Zeit stand ich morgens vor dem Spiegel und frage mich: Als was verkleide ich mich jetzt, als Mann oder als Frau? Ich fühlte mich in beiden Rollen verkleidet. Als Mann zur Arbeit gehen, das geht auf Dauer nicht. Dann ist da diese Zerrissenheit.

Ich konnte aber wieder besser schlafen, war leistungsfähiger im Job. Einige Mitarbeiter merkten auch, dass es mir anscheinend wieder besser geht, ohne zu wissen, was los war. Zum Jahreswechsel von 2019 auf 2020 war ich mit meiner Frau in Südafrika und Namibia im Urlaub, wie schon oft zuvor. Dort traf ich dann in der Wüste Namib die Entscheidung: Das geht so nicht weiter, ich lebe jetzt ausschließlich als Frau. In Abstimmung mit meiner Frau, mit der ich heute kein Paar mehr bin, aber noch zusammenwohne, leitete ich im ersten Halbjahr 2020 die Schritte ein. Wir beschlossen, die Firma zu liquidieren, weil wir uns nicht vorstellen konnten, in der Restrukturierung weiterzuarbeiten, gerade bei neueren Kunden. Ich glaubte, die Vorurteile gegenüber transidenten Menschen waren einfach zu groß.

Es ist aber bis heute so, dass ich von Kunden, für die ich früher Krise gemanagt habe, immer noch kontaktiert werde, wegen strategischen Fragen, Businessplänen oder Ähnlichem. Heute bin ich rund 50 Stunden im Monat freiberuflich aktiv. Und das ist eine schöne Geschichte. Mich rufen noch alte Kunden an, die noch nichts von der geschlechtlichen Veränderung wissen. Zwei Dinge habe ich denen dann gesagt: Sie müssen wissen, dass ich meine Firma geschlossen habe und dass ich jetzt als Frau lebe. Darauf folgen gefühlt zwei bis vier Minuten Schweigen am Telefon. Dann kommt meist ein lieb gemeinter, aber sehr verunglückter Satz wie „Das ist doch nicht schlimm“. Und dann arbeiten wir in dem angefragten Thema zusammen.

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Es ist verständlich, dass man in der Zeit einer solchen Transition von Mann zu Frau keine Firma führen kann. Können Sie erklären, warum das auch jetzt so nicht mehr für Sie passt?

Nora Dahmer: Das ist auch eine Frage der persönlichen Work-Life-Balance. Ich war vorher ein extremer Workaholic und ein Krisenmandat bedeutet, dass man sich zu 100 Prozent reinhängen muss. Das hat dann nichts mehr mit einer 40-Stunden-Woche zu tun. Außerdem braucht man für so etwas ein Team, das ich nicht mehr habe, weil ich es aufgelöst hatte. Und ganz ehrlich, ich wollte das nicht mehr. Also inhaltlich hat mir meine Arbeit sehr viel Spaß bereitet. Aber die Transition war für mich auch ein Schritt in ein neues Leben.

Ich wollte nicht mehr in dieses Hamsterrad reinspringen, weil ich auch gemerkt habe, dass es für mich wahnsinnig wichtig ist, diese Pausen zu haben, auch um mich als Mensch zu finden.

Restrukturierungsberater sind auch oft menschlich ausgehöhlt. Der Job frisst sehr viel Seele.

Sie leben für das Thema, sie versuchen, die Krise zu lösen. Natürlich auch mit dem Egoismus, Geld zu verdienen. Aber vor allem, um Lösungen für den Kunden zu finden. Und ich glaube, kein Berater kann sich davor verschließen, dass er in eine solche Sache reinwächst. Es ist immer schwer, die Grenze zu finden zwischen „Jetzt Reißleine ziehen“ oder Lösungen zu finden auf der anderen Seite.

Inhaltlich wäre es überhaupt kein Thema, weiter Restrukturierung zu machen. Aber ich war zu dem Zeitpunkt schon wirtschaftlich ausreichend unabhängig, ich wusste, dass ich das nicht mehr machen muss. Und somit habe ich für mich die Karten neu gelegt. Ich habe Restrukturierung geliebt. Aber ich habe jetzt eingesehen, dass das für mich ungesund ist.

Meine Transition war irgendwie mein Hobby, um wieder abgelenkt zu werden. Ich habe heute so ein schönes und glückliches Leben, und ich kann nur jedem raten: Wer ein Problem hat mit seinem Leben, wer mit dem Beruf oder mit einer toxischen Beziehung hadert, sollte das ändern. Man lebt nur einmal. Und danach ist man mit sich im Reinen und ist zufrieden.

In der Beraterbranche reduziert sich das Thema Diversität auf Frauen auf der Führungsebene. Die Großen schreiben es sich auf die Fahne. Wie sehen Sie das Thema Diversität in der Beratungsbranche?

Nora Dahmer: Da ist Aufklärung nötig wie in anderen Branchen auch, weil die Gesellschaft aus einer anderen, veralteten und verkrusteten Struktur kommt. Wir können Diversität in einem eigenen Unternehmen leben, wenn es ehrlich gelebt ist und auch sichtbar nach außen getragen wird. Dabei muss man persönlich Vorbild sein. Jede Person muss für sich selbst seine Vorurteile und Klischees hinterfragen. Nur wenn ich die verstehe und überwinde, kann ich Diversität leben und offen auf andere Menschen, die nicht den „alten“ Normen entsprechen, zugehen.

Ich kann nicht Diversität leben, wenn ich sie nur in die AGBs oder in das Unternehmensleitbild schreibe. Es ist ein Thema, was wachsen muss in der Gesellschaft, und darf kein Trend sein.

Die Consulting-Branche ist da etwas weiter weg von dem Thema als andere Branchen. Vielleicht liegt das an den vielen Alphatieren. Eigentlich müsste die Beratungsbranche aber Vorbild sein.

Über Nora Dahmer

Nora Dahmer (Bild: Monika Plump Fotografie)
Heute ist Nora Dahmer, geb. 1963, neben freiberuflichen Beratungsaktivitäten auch als Vortragsrednerin für LGBTQIA+ aktiv. Sie führt Veranstaltungen in Unternehmen und Berufskollegs zu dem Thema durch, um Führungs- und Lehrkräften mehr Hintergrundwissen zu vermitteln. Ziel ist es, einen selbstverständlicheren Umgang mit betroffenen Menschen zu erreichen und für mehr Offenheit und positiver Diversität im Berufsleben zu werben. Als Autorin des Buches „Endlich Nora!“ will sie zudem auch über die Medien neben interessierten Menschen insbesondere für Angehörige mentale Unterstützung geben, indem sie offen ihre eigene Geschichte erzählt.

 

Das Interview führte Holger Geißler, Chefredakteur CONSULTING.de.

 

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