PwC Autofacts Brexit könnte unangenehme Folgen für britische Automobilindustrie haben

Auch wenn der britische Automarkt dem Brexit bislang trotzt - der Ausblick beginnt sich zu verdüstern. So kommt PwC in einer Szenarioanalyse zu dem Ergebnis, dass die Autoproduktion auf der Insel bis 2022 im schlimmsten Fall unter 1 Million Fahrzeuge sinken könnte.


Das wäre ein Einbruch von rund 50 Prozent verglichen mit dem voraussichtlichen Rekordjahr 2016. Falls die britische Automobilwirtschaft den ungehinderten Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren sollte, wären die Folgen laut PwC gravierend. Dann drohe ein Szenario wie in den 1980er- und 90er-Jahren, als die Autoindustrie in UK schon einmal durch eine tiefe Krise gegangen sei.

Die Automobilindustrie habe sich bisher nicht einheitlich positioniert, so PwC weiter. Die Brexit-Debatte fokussiere sich aktuell vor allem auf zwei große Themen - die Freizügigkeit der Arbeitnehmer und die Finanzbranche. Die Autohersteller müssten aufpassen, dass ihre Interessen nicht mit diesen extrem komplexen Themen verquickt würden. Je länger die Verhandlungen dauerten, desto größer werde die Unsicherheit. Das könne dazu führen, dass Investitionen immer weiter aufgeschoben oder sogar komplett gestrichen würden. Wenn die Automobilindustrie dies verhindern wolle, solle sie zumindest ein klares Signal aussenden, dass die spezifischen Anliegen der Branche pragmatisch gelöst werden sollten.

Brexit-Schock bisher keinen Einfluss auf den Absatz

Dieser Warnruf mag auf den ersten Blick überraschen - denn bis dato ist in den Absatzzahlen von einem Brexit-Schock wenig zu sehen. Für dieses Jahr geht PwC Autofacts für Großbritannien von 2,69 Millionen verkauften PkW aus, was ein Plus von noch 2,2 Prozent im Vergleich zu 2015 bedeuten würde. Und auch für das nächste Jahr rechnet PwC immerhin noch mit einem Zugewinn von 0,5 Prozent. Die Binnennachfrage sei bisher intakt, was unter anderem an den guten Finanzierungsbedingungen liege, so die Berater. Im Export kommt den Herstellern zudem der durch das Brexit-Votum verursachte Wertverlusts des Pfunds zugute. Allerdings zeigt diese Entwicklung auch schon ihre Kehrseite: Die britischen Autobauer beziehen viele Teile von Zulieferern aus dem Euroraum. Dementsprechend sind die Beschaffungskosten zuletzt bereits deutlich gestiegen. Analog haben einige Hersteller begonnen, die Fahrzeugpreise zu erhöhen - was die Marktdynamik weiter verringern wird.

Einzelne Investitionsvorhaben wurden bereits zurückgestellt

Die entscheidenden Jahre dürften 2018 und 2019 werden. Denn dann gehen die Brexit-Verhandlungen in ihre finale Phase - während viele international tätige Hersteller laufend vor wichtigen Investitionsentscheidungen stehen. Zwar sind von den Automobilherstellern bislang keine Ankündigungen zu vernehmen, britische Standorte wegen des Brexits aufgeben zu wollen. Allerdings hat die Unsicherheit der vergangenen Monate sehr wohl dazu geführt, dass einzelne Investitionsvorhaben zurückgestellt wurden. Ein Automobilhersteller kündigte offen an, auf der Insel künftig nur dann zu investieren, wenn die möglichen Folgen des Brexits - also etwa erhobene Zölle - finanziell kompensiert werden.

Werden Kapazitäten in die EU verlagert?

Was die Lage so unsicher macht, sind die sehr rigiden Investitionszyklen, denen die Automobilbranche folgt. Normalerweise richten die großen Hersteller ihre Kapazitäten an der Produktionsdauer ihrer Fahrzeuge aus, die in der Regel mit sieben Jahren veranschlagt wird. Autobauer könnten große Investitionsentscheidungen, nachdem diese erst einmal getroffen sind, jahrelang nicht revidieren. Dies führe wiederum dazu, dass sich das Management im Zweifel für den Standort entscheide, der die geringsten Risiken berge - selbst wenn damit zunächst Verlagerungen und höherer Aufwand verbunden seien, erläutert PwC. Mit anderen Worten: Wenn das Szenario eines harten Brexits auch auf die Automobilbranche Anwendung finden würde, würden die Hersteller womöglich gar nicht anders können, als Kapazitäten in die EU zu verlegen.

Mögliche Zukunftsszenarien klaffen weit auseinander

Dementsprechend klaffen die Szenarien von PwC Autofacts für die Zukunft der britischen Automobilindustrie ungewöhnlich weit auseinander. Im besten Falle werden die Hersteller trotz des Brexit den ungehinderten Zugang zum europäischen Binnenmarkt behalten. Das hieße, dass die ursprünglich geplanten Investitionen bald freigegeben werden - und die Produktion nach zwei auch konjunkturbedingt etwas schwächeren Jahren 2020 wieder richtig anzieht. In diesem Szenario hält es PwC sogar für möglich, dass 2022 in Großbritannien erstmals überhaupt mehr als zwei Millionen Fahrzeuge vom Band laufen, da der günstige Wechselkurs, günstigere Arbeitskräfte und möglicherweise geringere regulatorische Auflagen die Wettbewerbsfähigkeit weiter verbessern würden.

Demgegenüber geht das Basis-Szenario davon aus, dass die britische Wirtschaft ihre Produkte zwar nicht mehr ungehindert in die EU exportieren darf - aber die Automobilindustrie eine Art Sonderstatus erhält. In diesem Fall dürfte die Autoindustrie zunächst einmal in eine leichte Rezession rutschen, bevor sich die Produktion Anfang des 2020er bei etwa 1,7 Millionen Fahrzeugen allmählich stabilisiert. Heute schon werden knapp 80 Prozent der britischen Automobilproduktion exportiert, davon wiederum drei Viertel in die EU-Länder. Andererseits wird ein Großteil der Zulieferteile für die britische Automobilproduktion aus der EU importiert, so dass entsprechende Kostensteigerungen empfindlich auf die Hersteller durchschlagen würden. Ein eventueller Rückgang der Exporte würde in diesem Szenario durch eine Steigerung des Anteils der in Großbritannien selbst verkauften Fahrzeuge kompensiert werden - nach Basisprognose im Jahr 2019 immerhin 2,46 Millionen PKW.

Im "Downside"-Szenario hingegen wird die EU den Briten nur noch den Meistbegünstigungs-Status nach den Regeln der Welthandelsorganisation zugestehen. Unter diesen Umständen würden laut PwC die Autohersteller einige britische Standorte wahrscheinlich aufgeben, um Zöllen und anderen Handelsbarrieren zu entgehen. Für diesen Fall rechnet PwC Autofacts mit einem strukturellen Rückgang, der schließlich dazu führen könnte, dass die Zahl der auf der Insel hergestellten Fahrzeuge 2022 unter die Eine-Million-Grenze rutscht. Gegenüber dem Rekordjahr 2016 mit erwarteten 1,9 Millionen produzierten Fahrzeugen würde dies einen Rückgang um fast 50 Prozent bedeuten und dabei noch unterhalb des Niveaus des Krisenjahres 2009 liegen. Dieser schnelle Rückgang ist insbesondere dadurch möglich, dass auf Markenebene für 75 Prozent der in Großbritannien produzierten Fahrzeuge korrespondierende Kapazitäten in der EU bzw. Türkei installiert sind. Die Integration der britischen Automobilindustrie in die europäischen Produktionsnetzwerke würde eine Verlagerung der Produktion in die EU sogar erleichtern, konstatiert PwC. Umso wichtiger sei es, dass Automobilhersteller und Zulieferer eine klare und mit allen Seiten abgestimmte Strategie verfolgen.

ah

 

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