Deep Dive Consulting – Kolumne von Jörg Hossenfelder Darf’s ein bisschen weniger sein? Über Overhead-Quote und Backoffice-Optimierung in Beratungshäusern

Der Stellenabbau bei einigen großen Consulting-Unternehmen sorgte in den vergangenen Wochen für reichlich Gesprächsstoff in der Branche. Wird das Schule machen? Unser Kolumnist Jörg Hossenfelder gibt eine Einordnung mit besonderem Blick auf die internen Services.

Es sind schon einige Wochen ins Land gezogen, seitdem die international führenden Beratungshäuser Accenture und McKinsey Ende März 2023 innerhalb weniger Tage einen massiven Stellenabbau angekündigt haben. Accenture, die globale Nummer eins im Consulting-Geschäft, plant, weltweit innerhalb der nächsten eineinhalb Jahre 19.000 Stellen zu streichen – das entspricht rund 2,5 Prozent der gesamten Belegschaft. Auch bei McKinsey wird im Zuge einer strategischen Neuausrichtung Personal reduziert, hier sind rund 1.400 Stellen betroffen.

Auffällig ist: Das Sparprogramm trifft vor allem Mitarbeitende im sogenannten Backoffice. Auf die internen Support Services – also Funktionsbereiche wie Marketing, IT, Finance & Controlling oder Sekretariats- und Backoffice-Dienstleistungen - entfällt der Großteil des Stellenabbaus. Im Consulting hat das für Aufruhr gesorgt – die Branche war in Habachtstellung, ob weitere Beratungshäuser dem Beispiel von Accenture und McKinsey folgen und ein personeller Abbau drohen würden – als Frühindikator einer Abkühlung des Beratungsgeschäfts. Diese Befürchtungen haben sich bisher nicht bewahrheitet, und mit etwas zeitlicher Distanz lassen sich die Stellenkürzungen auch etwas klarer einordnen.

Accenture und McKinsey passen ihre Organisation an das aktuelle Geschäftsmodell an

Sicherlich rüsten sich die Unternehmen mit den Einschnitten für das weltweit aktuell rauere wirtschaftliche Umfeld. So befindet sich auch Deutschland derzeit in einer Rezession, das BIP ist im ersten Quartal 2023 zum zweiten Mal in Folge ins Minus gerutscht. Der sanfte Tritt auf die Kostenbremse ist sinnvoll. McKinsey berichtet jedoch gleichzeitig von geplanten 8.000 Neueinstellungen in diesem Jahr und einem wachstumsstarken ersten Quartal – wie passt das zusammen?

Sowohl Accenture als auch McKinsey sind in den vergangenen Jahren immens gewachsen – teils organisch, teils durch Zukäufe. Zudem haben viele Beratungen angesichts der hohen Nachfrage überdurchschnittlich viele Consultants angeheuert. Die Strukturen des Backoffice und der Beratungs-Services werden nun an die neuen organisatorischen Rahmenbedingungen angepasst. So mögen die kommunizierten Stellenstreichungen zwar massiv erscheinen, vor dem Hintergrund des starken Wachstums wirken sie eher wie ein „Zurechtstutzen“ der Organisation an das aktuelle Geschäftsmodell. Mit Blick auf die Zukunft sollen die Resilienz und Transformationskraft des Unternehmens gestärkt werden.

Overhead-Quote in Beratungen liegt bei rund 15 Prozent

Daher lohnt ein Blick auf die Overhead-Quote in den Beratungsunternehmen. Dahinter verbirgt sich der Anteil der Beschäftigten, die nicht wie die Consultants und Partner direkt in Projekten verrechnet werden können, sondern interne Services wie Marketing, IT, Finance & Controlling oder Sekretariat erbringen. Lünendonk erhebt diesen Wert seit den vergangenen drei Studien zur Managementberatung in Deutschland.

Nach der Marktanalyse 2022 liegt die Overhead-Quote in den Consulting-Häusern in Deutschland im Mittel bei rund 15 Prozent. Im Vorjahr lag sie noch bei 12 Prozent, der Anteil der Beschäftigten im Backoffice legte also zu. Auffällig ist jedoch, dass die Overhead-Quote je nach Beratung und Geschäftsmodell deutlich variiert. Die höchste Overhead-Quote in dieser Befragung wurde mit 30 Prozent und die niedrigste mit knapp fünf Prozent angegeben. In der Vergangenheit lag der Anteil der Backoffice-, Research- und Analytics-Kräfte in den großen Strategieberatungen deutlich höher als in mittelständischen Beratungsunternehmen, zwischenzeitlich zeichnet sich eine Nivellierung über die Unternehmensgrößen hinweg ab - eine Entwicklung, die Hand in Hand geht mit den Stellenkürzungen im Backoffice bei Accenture, McKinsey und anderen.

Abb.: Die durchschnittliche Overhead-Quote beträgt 15 Prozent. Zum Vergrößern anklicken. (Quelle: Lünendonk-Studie 2022 „Managementberatung in Deutschland“ )

Backoffice-Leistungen: Intern erfüllen oder outsourcen?

Welchen Stellenwert die internen Services in Beratungshäuser haben, ist derzeit auch Schwerpunkt einer aktuellen Lünendonk-Erhebung. Mit durchschnittlich 14 Prozent Backoffice-Funktionen gemessen an allen Mitarbeitenden deckt sich das Bild mit unserer letztjährigen Managementberatungsstudie. Betrachtet man den Personalkostenaufwand innerhalb der internen Services, so entfällt der höchste Anteil auf den Bereich Finance & Controlling, gefolgt von HR und Teamassistenz.

Als Kostenfaktor stellen Unternehmen ihre Backoffice-Funktionen regelmäßig auf den Prüfstand – sollten sie besser intern erfüllt oder extern vergeben werden? Bei einigen Leistungen, beispielsweise IT & Infrastructure, zeichnet sich ab, dass diese in den Consulting-Häusern nicht selten intern und extern im Team erbracht werden. Besonders häufig sourcen die Beratungsunternehmen Leistungen im den Backoffice-Bereichen IT & Infrastructure sowie Business Excellence (Risk, Compliance, Legal) aus, am wenigsten werden externe Dienstleistungen im Einkauf in Anspruch genommen. Shared Service Center beziehungsweise eine Offshore-Vergabe kommen vor allem bei IT-Dienstleistungen, Human Resources sowie Finance & Controlling zum Tragen – mit wachsender Tendenz.

Mit Blick auf neue Möglichkeiten mittels Data Analytics und KI bleibt spannend zu sehen, wie sich die Overhead-Quote in den Unternehmensberatungen künftig entwickelt. Einen ersten Anhaltspunkt hierzu wird die neue Lünendonk-Studie 2023 „Managementberatung in Deutschland“ liefern, die Ende Juli erscheinen wird.

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Über die Person

Jörg Hossenfelder ist Kommunikations- sowie Politikwissenschaftler und studierte bis 2000 an den Universitäten Mainz und Bologna. Nach seinem Studium beriet er als Kommunikations-Berater B2B-Unternehmen. 2004 übernahm er die Leitung der Research-Abteilung bei Lünendonk & Hossenfelder. Seit Juli 2005 ist Hossenfelder Geschäftsführer, seit 2009 Geschäftsführender Gesellschafter. Jörg Hossenfelder verantwortet die Marktsegmente Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Advisory und Business Consulting.

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