Interview mit Professor Dr. Thomas Rieger, University of Europe for Applied Sciences „Die beste Position ist die nächste“ – Belastungen im Home-Office reduzieren

Die University of Europe for Applied Sciences hat verschiedene Studien zum Home-Office analysiert und herausgefunden, dass mentale und körperliche Beschwerden von Arbeitnehmenden im Home-Office zugenommen haben. Wir sprachen mit Prof. Dr. Thomas Rieger über die Analyse, über die Fürsorgepflicht von Unternehmen und warum der Gesundheit im Home-Office insgesamt mehr Beachtung geschenkt werden sollte.

Manchmal kann die nächste Position auch gefährlich sein. Gerade im Home-Office ist ein guter Bürostuhl für die Gesundheit der Mitarbeitenden essentiell (Bild: picture alliance / photothek | Ute Grabowsky).

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass es vermehrt zu mentalen und körperlichen Beschwerden im Home-Office kommt. Wie erklären Sie sich trotz dessen den zunehmenden Wunsch aus dem Home-Office zu arbeiten?

Thomas Rieger: Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass der aktuelle Forschungsstand zu diesem Untersuchungskomplex größer und nachvollziehbarer wird. Erste wichtige Tendenzen lassen sich allerdings bereits aus den Ergebnissen vorliegender Studien ableiten: Mitarbeitende waren bedingt durch COVID19 dazu gezwungen im Home-Office zu arbeiten, dies hat vermehrt zu Angstzuständen und depressiven Zuständen geführt, die aber nicht primär auf die Bedingungen im Home-Office, sondern eher auf die durch die Pandemie ausgelösten Unsicherheiten und fehlende Orientierungslosigkeit zurückzuführen waren. Ein wichtiger Indikator sind die Verhältnisse, in denen zu Hause gearbeitet wird. Entspricht die technische Ausstattung nicht den Arbeitsanforderungen, so kann sich dies auch negativ auf Gesundheit und Zufriedenheit auswirken.

Der Wunsch nach mehr Home-Office gründet sich wohl auf der Anpassung an aktuelle Lebensumstände der Arbeitnehmenden. Die Möglichkeit, Arbeitsverpflichtungen um kurzfristige, private Ereignisse von zu Hause aus zu planen, reduziert zudem Komplexität. Unternehmen sollten sich auf diese neue Realität einstellen, da sie selbst davon profitieren können.

Studien zeigen zudem, dass Mitarbeitende im Home-Office genauso produktiv und kreativ sind wie vor Ort im Büro. Flexibilität und Unterstützung von Arbeitgeberseite werden somit immer wichtiger.

Welche mentalen Beschwerden treten vor allem seit Corona vermehrt im Home-Office auf?

Thomas Rieger: Im Home-Office treten stellenweise Gefühle der Einsamkeit, der sozialen Isolation, Angstgefühle und depressive Verstimmungen auf. Alle diese Beschwerden werden und wurden aber sehr stark moderiert durch eine einseitige Nutzung der Home-Office-Option beziehungsweise durch ein erzwungenes Verhalten von z. B. behördlichen Anweisungen (COVID-Lockdown).

Wie können Unternehmen Mitarbeitende im Home-Office dabei unterstützen, Arbeits- und Privatleben voneinander zu trennen? Schließlich spielt dieser Faktor auch eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von gesundheitlichen Problemen oder etwa nicht?

Thomas Rieger: Für Unternehmen ist es wichtig, für das Home-Office verlässliche Rahmenbedingungen mit den Mitarbeitenden zu schaffen.

Ich würde nicht von konkreten Regeln sprechen, sondern eher von Rahmenbedingungen, um von vornherein eine zu starke Bürokratisierung der Home-Office-Nutzung einzuschränken, davon haben wir im unternehmerischen Kontext bereits genug.

Laut Studien realisiert nur eine geringe Anzahl europäischer Unternehmen gesundheitsfördernde Strategien für ihre Mitarbeitenden. Warum ist die Relevanz des Themas bei vielen Unternehmen noch nicht angekommen? Immerhin sind gesunde Mitarbeitende von ökonomischem Vorteil.

Thomas Rieger: Der ökonomische Vorteil kommt erst zu spät in den Bilanzen der Unternehmen an, da implementierte Strategien und Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements erst mittel- und langfristig einen Effekt haben. Unternehmen müssen hier aber Ressourcen investieren, beispielsweise Personal einstellen und Infrastruktur aufbauen. Dieser Entscheidungsprozess ist schwierig, da der Return on Investment nicht unmittelbar erwartbar ist. Diese Gemengelage führt zu einer zögerlichen und nicht konsequenten Haltung bei Unternehmen.

Welche Vorkehrungen könnten getroffen werden, um auch zuhause einen ergonomischen Arbeitsplatz zu schaffen und die körperliche Gesundheit der Arbeitnehmenden zu garantieren?

Thomas Rieger: Das Home-Office sollte wie das reguläre Büro konzipiert sein. Unternehmen sollten darauf achten ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das gesundheitsbezogenes Verhalten für Mitarbeitende leichter macht. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein höhenverstellbarer Schreibtisch, der es Mitarbeitenden ermöglicht Arbeitspositionen stetig zu wechseln, um so auch in den Arbeitsprozessen körperlich aktiver zu sein. Mittlerweile gibt es bereits sogenannte Walkingpads für den Schreibtisch, die sogar ein Gehen während der Schreibtischarbeit ermöglichen. Das Verhalten folgt dann den Verhältnissen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist Vertrauen: Unternehmen sollten an die Eigenverantwortung glauben und die durch das Home-Office geschaffene Eigenständigkeit von Mitarbeitende eher als Chance statt als Risiko sehen.

Wir wissen von einigen Unternehmen, dass bereits versucht wird, eine Vielzahl an Möglichkeiten für den sozialen Austausch zu schaffen. Allerdings nehmen Mitarbeitende daran oft nicht teil, obwohl sie soziale Interaktionen im Home-Office vermissen. Woran könnte dies liegen? Wo können Unternehmen ansetzen?

Thomas Rieger: Einen konkreten Vorschlag habe ich hier nicht, glaube aber, dass ein Schlüssel in einer wichtigen ökonomischen Grundregel liegen könnte:

Menschen reagieren auf Anreize, wie immer Anreize auch ausgestaltet sind. Diese Anreize führen in der Regel zu einer höheren Nachfrage.

Mitarbeitende müssen zudem das Gefühl bekommen, durch diesen Austausch einen persönlichen Nutzen zu haben.

Welche Maßnahmen können Arbeitnehmende selbst ergreifen, um die Belastungen zu reduzieren?

Thomas Rieger: Arbeitnehmende können eigeninitiativ einen abwechslungsreichen und aktiven Arbeitstag gestalten. Auch wenn der Weg zur Arbeit entfällt, kann die Zeit, die üblicherweise für den Arbeitsweg anfällt, für einen Spaziergang genutzt werden.

Ferner können Arbeitnehmende bewusst und aktiv Pausen in ihren Arbeitsalltag integrieren, unter der Prämisse: ‚Die beste Position ist die nächste'.

Den Zugang zur eigenen Küche können Arbeitnehmende auch für eine gesundheitsorientierte Versorgung mit Essen und Getränken nutzen, denn Mahlzeiten lassen sich zuhause einfacher vorbereiten und umsetzen.

 

Über die Person

Thomas Rieger lehrt und forscht als Professor für Sportmanagement seit 2007 an der University of Europe (UE). Er studierte Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitswissenschaften in Bielefeld und promovierte in Sportwissenschaft an der Eberhard-Karls Universität in Tübingen. An der University of Europe for Applied Sciences übte er vielfältige Funktionen im Hochschulmanagement aus, u.a. als Dekan, Prodekan und Studiengangsleiter. Er war Gründungsdekan des Fachbereichs Sport, Medien & Event im Jahr... mehr

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