Deep Dive Consulting: Kolumne von Jörg Hossenfelder, Lünendonk Die grüne Verheißung - löst ESG die Digitalisierung als Topthema im Consulting ab?

Das Handelsblatt widmete dem Thema Nachhaltigkeit in der Beratung kürzlich einen sehr interessanten Beitrag – darin geht es nicht nur um die Bedeutung als Beratungsfeld, sondern auch um die Auswirkungen von ESG auf die Branche selbst. Dass das Topthema Environmental Social Governance die Branche verändern wird, steht für unseren Kolumnisten Jörg Hossenfelder außer Frage. Doch wie stark wird Nachhaltigkeit im Consulting bereits jetzt konzipiert, verkauft, gelebt?

Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Beratungsthema, sondern verändert auch die Consulting-Branche selbst. (Bild: picture alliance / Fotostand | Fotostand / K. Schmitt)

Geht es nach Werner Sinn, Deutschlandchef der weltweit drittgrößten Strategieberatung Bain & Company, hat Nachhaltigkeit die Digitalisierung als Topthema in vielen Führungsetagen der deutschen Wirtschaft bereits abgelöst. Bei Bain hat aktuell beinahe jedes zweite Projekt einen ESG-Bezug. In der Tat könnte ESG das immense Geschäft, das Berater in den vergangenen Jahren mit der Digitalisierung gemacht haben, gar noch übertreffen.

Mehr Nachhaltigkeit durch externe Akquisitionen und interne Qualifizierungen

Unbestritten ist: Die Beratungen bringen sich in Stellung, um für das Thema Nachhaltigkeit gerüstet zu sein. Sie tun dies, indem sie zum einen extern Expertise zukaufen. BCG akquirierte erst kürzlich den Schweizer Nachhaltigkeits-Spezialisten Quantis, McKinsey verstärkte sich mit Material Economics und Vivid Economics und Accenture ist mit der Integration der Unternehmen Carbon Intelligence, Akzente sowie Avieco auch im Bereich ESG in Kauflaune.

Sie tun dies auch, indem sie interne Qualifizierungsmaßnahmen in großem Stil lancieren – im Falle von Bain umschließt diese praktisch alle 14.000 Mitarbeiter weltweit. Für die Beratungen wird es allerdings nicht damit getan sein, dass sie Nachhaltigkeit „können“ – sie werden das Thema auch für die eigene Organisation angehen müssen. Denn: Ein „grünes“ Image ist in Zeiten von Fachkräftemangel im Kampf um die besten Talente ein wichtiges Asset. Und was noch mehr wiegen dürfte:

Die Einkaufsabteilungen der Kundenunternehmen schauen inzwischen bei der Verpflichtung ihrer Dienstleister sehr genau darauf, wie diese es mit ESG halten. Davon sind auch die Beratungen nicht ausgenommen.

Die Mehrheit der Beratungsunternehmen hat bereits die Erfahrung gemacht, gegenüber Kunden Rechenschaft bezüglich eigener Nachhaltigkeitsaktivitäten ablegen zu müssen. Zum Vergrößern anklicken. (Quelle: Lünendonk-Studie 2022: Managementberatung in Deutschland)

Auch die aktuelle Lünendonk-Studie zur Managementberatung in Deutschland zeigt, dass ESG im Procurement-Prozess von zunehmender Bedeutung ist. Danach bestätigen bereits 57 Prozent der an der Studie teilnehmenden Consulting-Häuser, dass sie im Einkaufsprozess vermehrt zu den eigenen ESG-Aktivitäten Rede und Antwort stehen müssen. Und die Aussage „Nicht nur unsere Kunden, sondern auch wir müssen eine ESG-Strategie haben“ erfährt gar einen Zustimmungswert von 77 Prozent. Befragt nach den wichtigsten Maßnahmen, die die Beratungen in den jeweiligen Bereichen im vergangenen Jahr ergriffen haben, werden am häufigsten Nachhaltigkeitszielsetzungen und interne Initiativen sowie die Steigerung der Diversität genannt.

Aktuell wiesen nur 10 Prozent der Beratungsprojekte ESG-Bezug auf

Dass das Geschäft mit der Nachhaltigkeit für die Beratungen bereits auf Hochtouren läuft, lässt sich aus Lünendonk-Studie (noch) nicht ableiten. Im Geschäftsjahr 2021 hatten im Mittel 10 Prozent der Beratungsprojekte einen ESG-Bezug. Hier zeigen sich auch keine relevanten Unterschiede beim Blick auf die Gesamtheit der Studienteilnehmer, die Top 20 und die internationalen Consultants. Bei den ESG-Projekten überwiegen im Übrigen die Environment-Themen, 54 Prozent entfallen auf diesen Komplex. Mit 30 Prozent Anteil geben die Consultants Governance-Themen bei ESG an, gefolgt vom Schlusslicht Social (16 %). Internationale Beratungen setzen dabei etwas häufiger Social-Projekte um, die Top 20 der deutschen Consulting-Häuser sind hingegen bei Environmental-Themen relativ stärker gefragt.

Wenn sie Nachhaltigkeitsprojekte durchführen, tun Unternehmensberatungen dies überwiegend im Umweltbereich. Initiativen mit sozialem Bezug werden häufiger von international aufgestellten Consultancies in Angriff genommen. Zum Vergrößern anklicken. (Quelle: Lünendonk-Studie 2022: Managementberatung in Deutschland)

Auch wenn das Thema Nachhaltigkeit nach unseren Erhebungen derzeit also noch verhalten läuft – es wird kommen, dafür wird unter anderem die Regulierung Sorge tragen, die ab 2023 die Pflicht zur ESG-Berichterstattung ausweitet.

Und auch die Investoren entdecken immer mehr ihr Herz für nachhaltige Investments.

Nichts geht mehr ohne Digital Experience

Die Digitalisierung bleibt als Beratungsthema ein Dauerbrenner. Dies gilt heute mehr denn je, da Unternehmen sich digitalen Geschäftsmodellen und der Digital Experience ihrer Kunden zuwenden, nachdem sie in den vergangenen Jahren vor allem die interne IT-Modernisierung und Effizienzen vorangetrieben haben. Die Art und Weise, wie Kunden und Kundinnen Marken wahrnehmen und mit ihnen interagieren (wollen), hat sich in den letzten Jahren fundamental verändert. Eine neue Art der Digital Experience entsteht aber nicht nur durch die Qualität der Touchpoints, sondern als Summe des Kundenerlebnisses entlang der gesamten Customer Journey – also Beratung, Vertrieb, Kundenservice und Marketing. Das Rennen um die beste Digital Experience läuft. Und wie die aktuelle Lünendonk-Studie „Der Markt für Digital Experience Services in Deutschland“ zeigt, sehen sich nur 11 Prozent der befragten Anwenderunternehmen als Digital-Experience-Vorreiter. Vielmehr sieht das Gros der Unternehmen, dass es am Ball bleiben muss: Über 90 Prozent der Unternehmen investieren 2023 weiter in die Digitalisierung ihrer Marketing- und Vertriebskanäle und erwarten, dass in Zukunft der überwiegende Teil der Kundengewinnung und -kommunikation über digitale Kanäle erfolgt.

Die digitale Transformation u.a. von Vertrieb und Kommunikation bleibt weiter ein zentrales Thema auf Kundenseite und wird Beratungen weiterhin beschäftigen. Zum Vergrößern anklicken. (Quelle: Lünendonk-Studie 2022: Managementberatung in Deutschland)

89 Prozent treiben darüber hinaus die vollständige Integration aller kundenzentrischen Bereiche voran, um ihren Kunden entlang aller Kanäle und Touchpoints ein hochwertiges und konsistentes Markenerlebnis zu bieten. Doch treiben sie diese Entwicklung in den wenigsten Fällen inhouse mit eigenen Experten voran. Der Mangel an Fachkräften führt in rund 60 Prozent der Unternehmen dazu, dass sie vermehrt mit externen Beratern und Dienstleistern zusammenarbeiten, um diese digitalen Lösungen zu entwickeln und zu implementieren.

Davon profitiert ganz besonders eine neue Art Dienstleister: Die Anbieter von Digital Experience Services (DXS).

Sie agieren als Full-Service-Dienstleister mit einem End-to-End-Portfolio und bieten die Disziplinen Strategie, Kreation, Design, Mediaproduktion, Systemintegration und Plattformbetrieb vollintegriert an. Eine Art Rundum-Sorglos-Paket, weshalb diese Service Provider ihr Umsätze 2021 auch um durchschnittlich 15,6 Prozent steigern konnten. Unter den Spitzenreitern dieser Lünendonk-Liste finden sich aufgrund der Sortierung nach dem Gesamtumsatz in Deutschland die führenden internationalen Beratungskonzerne wie Accenture, Capgemini, Deloitte, IBM und PwC ebenso wie IT-Beratungen wie Adesso und Reply.

Ergo: Das Beratungsgeschäft mag ESG zunehmend als Wachstumsfeld für sich entdecken. Die digitale Transformation wird indes so schnell nicht abgehakt sein. Als Topthema wird es die Beratungen und die Kundenunternehmen weiterhin beschäftigen.

Quellen:
Lünendonk-Studie 2022: Managementberatung in Deutschland
Lünendonk-Studie 2022: Der Markt für Digital Experience Services in Deutschland

 

Über die Person

Geschäftsführender Gesellschafter - Lünendonk & Hossenfelder GmbH

Jörg Hossenfelder ist Kommunikations- sowie Politikwissenschaftler und studierte bis 2000 an den Universitäten Mainz und Bologna. Nach seinem Studium beriet er als Kommunikations-Berater B2B-Unternehmen. 2004 übernahm er die Leitung der Research-Abteilung bei Lünendonk & Hossenfelder. Seit Juli 2005 ist Hossenfelder Geschäftsführer, seit 2009 Geschäftsführender Gesellschafter. Jörg Hossenfelder verantwortet die Marktsegmente Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Advisory und Business Consulting.

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