Deep Dive Consulting – Kolumne von Jörg Hossenfelder Nicht den Anschluss verlieren - Wie Künstliche Intelligenz die Consulting-Branche rasant verändern wird

Die meisten Beratungshäuser haben die Potenziale Künstlicher Intelligenz als Geschäftsfeld und als Beschleuniger interner Prozesse erkannt. Um sie optimal zu nutzen, gilt es sich einigen Herausforderungen zu stellen, beobachtet Kolumnist Jörg Hossenfelder. Dazu gehören Datenqualität und Fehlerquote ebenso wie ethische und regulatorische Aspekte.

Künstliche Intelligenz (KI) ist eine Technologie, die bereits heute mit KI-Co-Piloten wie Siri, Alexa und anderen den Alltag vieler Menschen begleitet. Auch in der Beratungsbranche ist KI inzwischen angekommen – als internes Tool sowie als neuer Part im Consulting-Portfolio. Die Entwicklung schreitet rasch voran – die Übersicht zu halten, fällt entsprechend schwer. Inwiefern bietet diese Technologie Wachstums- und Effizienz-Potenzial für die Branche? Wo wirkt KI disruptiv? Welche Fähigkeiten werden benötigt, und wie können sich Unternehmen auf die Entwicklung vorbereiten? Es folgt der Versuch einer Einordnung.

Gemäß der Geschäftsklimabefragung des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberatungen (BDU) aus dem Juni 2023 betrachtet die Consulting-Branche das Thema KI optimistisch. Fast die Hälfte der Teilnehmer nutzt bereits sehr häufig KI-Lösungen in ihrem Beratungsangebot. Dies spiegelt sich auch in den Plänen großer Beratungsunternehmen wie Accenture und Capgemini wider, welche in den kommenden Jahren Milliardensummen in diesen Bereich investieren wollen. Auch BCG, McKinsey und andere Strategieberater möchten sich bei diesem sogenannten „next big thing“ positionieren.

Es ist zu erwarten, dass ein noch stärkerer Wettbewerb entstehen wird als im Segment Nachhaltigkeit.

Es zeigt sich, dass Künstliche Intelligenz in immer mehr Beratungshäusern keine Zukunftsmusik mehr ist, sondern zum Alltag gehört. Auch im Rahmen unserer diesjährigen Lünendonk®-Studie zum Managementberatungsmarkt stellten wir den teilnehmenden Consultants Fragen, welche diese Entwicklungen bestätigten. Fast 70 Prozent der Unternehmen verfügen bereits über ein zentrales Kompetenzzentrum für KI und Data Analytics.

Abb. 1 (Bild: Lünendonk & Hossenfelder)

Herausforderungen und Potenziale

Mit einer neuen Geschäftswelt ergeben sich jedoch auch Herausforderungen, wie etwa die (noch) fehlende Datenqualität und -verfügbarkeit. Zudem können Quellen im Rahmen einer eigenen KI begrenzt werden, um Ergebnisse zu verbessern. Hinzu kommen die wachsenden Erwartungshaltungen der Kunden sowie eine gewisse Portion Skepsis in die Technologie – sei es Fehlerquote, sei es Urheberrecht.

Es lohnt sich, sich diesen Herausforderungen zu stellen, denn die Potenziale beim Einsatz von KI in der Beratung sind enorm. Beispielsweise bei der Effizienzsteigerung oder der Optimierung von Prozessen und Strukturen.

Künstliche Intelligenz kann die Berater gerade bei Routinearbeiten beispielsweise im Bereich Recherche, Charting und Datenaufbereitung wesentlich unterstützen. Auch als Unterstützung bei der Entscheidungsfindung oder Umsetzung von Change-Management-Prozessen bietet sich der Einsatz von KI an. Der Reifegrad variiert je nach Branche. Derzeit sind Generative KI-Systeme wie ChatGPT und DALL-E führend. Auch bei der Datenauswertung und Sammlung von Informationen für das ESG-Reporting werden Potenziale gesehen.

Anschluss nicht verlieren

BCG verglich jüngst die Performance von Beratern mit und ohne KI-Einsatz. Es zeigte sich, dass Consulting-Häuser, die ChatGPT-4 nutzen, um ein Vielfaches produktiver seien: Sie schlossen zwölf Prozent mehr Aufgaben ab, waren um 25 Prozent schneller und lieferten die Ergebnisse mit 40 Prozent höherer Qualität ab. Die BCG-Studie betrachtete bei der Leistungsmessung unterschiedlichste Anwendungsfälle: von Modedesign über Marktanalysen bis hin zu Pressemeldungen.

Hier zeigen sich bereits disruptive Ansätze für die Branche;  jedoch werden die Beratungshäuser durch das Wachstum weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigen – mit einem anderen Aufgabenspektrum.

Denn mittels KI werden sich die Fähigkeiten der Mitarbeitenden verschieben, weg von sich wiederholenden, rein operativen Tätigkeiten und hin zu mehr strategischen Aufgaben insbesondere bei direktem Kundenkontakt. Eine Verlagerung der Fähigkeiten in den nächsten Jahren zeigt sich auch in unserer Studie. Neben Know-how im Bereich Data Analytics, Big Data und Data Science stehen vor allem Agile Arbeitsmethoden (z. B SCRUM, SAFe, etc.) im Fokus (Quelle: https://www.oneusefulthing.org/p/centaurs-and-cyborgs-on-the-jagged).

Abb. 2 (Bild: Lünendonk & Hossenfelder)

Gemäß der Umfrage des BDU schätzen über 90 Prozent der Lünendonk-Befragten die Mitarbeiterqualifikationen als einen entscheidenden Faktor für den erfolgreichen Einsatz von KI im Unternehmen ein. Zudem können Prozesse im HR-Bereich durch den Einsatz von KI effizienter gestaltet werden. Diese ermöglicht beispielsweise eine objektivere Vorauswahl und damit fairere und gerechtere Entscheidungen. Allerdings ist hierfür ein ethisch verantwortungsvoller Umgang mit dieser Technologie unabdingbar.

Wenn eine KI beispielsweise von Menschenhand mit bestimmten Daten gefüttert und somit beeinflusst wird, können schnell voreingenommene Entscheidungen getroffen werden.

Auch bei KI gilt allgemein, dass man sich nicht blind auf die Ergebnisse verlassen sollte und diese immer überprüft werden müssen. Selbst die in diesem März veröffentlichte Version 4.0 der Open AI-Anwendung ChatGPT ist nicht fehlerfrei. Es ist zudem zu beachten, dass KI kein neues Thema ist, sondern lediglich neue Möglichkeiten bietet. Früher wurden durch technologische Entwicklungen nur die Blue Collar Jobs verändert, heute sind es auch die White Collar Jobs.

Künstliche Intelligenz als Hoffnungsträger

Generell kann festgestellt werden, dass nur wenige davon ausgehen, KI würde den Beruf des Beraters negativ beeinflussen oder möglicherweise sogar zu einem Stellenabbau führen. Schließlich kann eine Künstliche Intelligenz keine menschliche Intuition oder auch Erfahrung ersetzen. Gerade in der Beratung ist der Faktor Mensch von essenzieller Bedeutung, denn es handelt sich um ein "People Business". Vielmehr wird erwartet, dass KI zukünftig die Berater unterstützen, verstärken und beschleunigen wird.

Obwohl das Thema KI allgemein hoffnungsvoll und positiv betrachtet wird, braucht es klare Richtlinien von der Politik, um Missbrauchsmöglichkeiten zu vermeiden. 

Ein erster Schritt wurde bereits auf EU-Ebene durch den „AI Act“ unternommen. Am 14. Juni bezog die EU-Kommission hierzu Stellung und legte somit den dritten Entwurf vor, womit nur noch der Trilog aussteht. Die Idee hinter der europäischen KI-Strategie? Zum einen eine Positionierung der EU als „Drehkreuz für KI von Weltrang“ und zum anderen die Sicherstellung, dass KI nicht nur menschenzentriert, sondern auch vertrauenswürdig ist. Es werden konkrete Regeln aber auch direkte Verbote eingeführt, beispielsweise der Einsatz von Systemen, welche eine direkte Bedrohung für die Bürgerinnen und Bürger darstellen (z. B Social Scoring). Ebenfalls ein zu hohes Risiko stellen Systeme dar, welche ein unverhältnismäßig hohes Potenzial besitzen, Sicherheit, Gesundheit und Grundrechte der Menschen zu gefährden. Auch Consultants sollten diese Richtlinien kennen, ob sie nun KI selbst verwenden oder ihre Kunden hierzu beraten.

Angesichts der darin enthaltenen Bußgeldvorschriften ist es zudem ratsam, mögliche bestehende Risiken im eigenen Unternehmen bereits vor dem Inkrafttreten zu analysieren.

Jedes Consulting-Haus muss sich mit dieser Materie befassen. Es gilt unter anderem, die Belegschaft durch Schulungen und Weiterbildungen mit den geeigneten Fähigkeiten auszustatten. Denn die Künstliche Intelligenz ist gekommen, um zu bleiben, und hat das Potenzial, die Weltwirtschaft rasant zu verändern.

 

Über die Person

Jörg Hossenfelder ist Kommunikations- sowie Politikwissenschaftler und studierte bis 2000 an den Universitäten Mainz und Bologna. Nach seinem Studium beriet er als Kommunikations-Berater B2B-Unternehmen. 2004 übernahm er die Leitung der Research-Abteilung bei Lünendonk & Hossenfelder. Seit Juli 2005 ist Hossenfelder Geschäftsführer, seit 2009 Geschäftsführender Gesellschafter. Jörg Hossenfelder verantwortet die Marktsegmente Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Advisory und Business Consulting.

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