Wenn Berater durch Algorithmen ersetzt werden

Wann trifft die digitale Revolution die Beratungsbranche? Schon heute verändern Algorithmen das klassische Consulting.


Von Jens-Uwe Meyer, Innolytics GmbH

Es gibt fast keine Konferenz zum Thema Digitalisierung, in der nicht einer der folgenden drei Sätze fällt:

  1. Die Musikindustrie hat die Digitalisierung vollkommen verschlafen.
  2. Der Einzelhandel hat die Digitalisierung vollkommen verschlafen.
  3. Die Finanzindustrie ist gerade dabei, die Digitalisierung vollkommen zu verschlafen.

Aus dem Mund eines Beraters mit kerzengerader Haltung und tiefer Stimme klingen diese Worte gewichtig. Teilnehmer fragen sich: "Was ist mit mir? Bin ich auch gerade dabei, die Digitalisierung zu verschlafen?"

Jetzt werde ich ein wenig ketzerisch: Stellt sich der Berater in diesem Moment die gleiche Frage? Ich habe die letzten sieben Jahre damit verbracht, meine Doktorarbeit über die Innovationsfähigkeit von Unternehmen zu schreiben. Weil Doktorarbeiten traditionell niemand liest, habe ich vor drei Jahren begonnen, das Know-how zu digitalisieren und eine Software entwickelt, die Unternehmensaudits komplett automatisiert. Anders gesagt: Ich habe das, was zuvor in meinem Kopf war, digitalisiert. Seitdem wir die Software auf den Markt gebracht haben, wurde sie bei Unternehmen wie der Evonik, Dräger Systems und der Schott AG eingesetzt.

Warum schreibe ich das so ausführlich? Weil Sie nur so meine These nachvollziehen können: Die Digitalisierung verändert nicht nur die Musikindustrie, den Einzelhandel und die Finanzbranche, sondern auch die Consultingbranche.

Beispiel 1: Unternehmens-Audits

Beratungsunternehmen bieten heute so genannte "Unternehmens-Audits" an. Kern der Leistung ist die Durchführung der Befragung und die Auswertung. Dieses Produkt ist heute komplett standardisierbar. Wir haben früher bei Unternehmen eine Analyse der Innovationskultur durchgeführt und für die Auswertung zehn bis zwanzig Tagessätze in Rechnung gestellt. Durch Algorithmen geschieht die Auswertung heute in Echtzeit. Das klassische Geschäftsmodell – ein Partner verkauft einen Unternehmensaudit, den zwei Juniorconsultants kostengünstig durchführen – ist damit überholt. Standardisierte Audits sind genau wie digitalisierte Musik vielfältig replizierbar und skalierbar.

Möglicherweise werden Sie jetzt aufschreien: "Nein! Unser Know-how macht uns einzigartig!" In meinem ersten Buch "Journalistische Kreativität" habe ich 2003 prognostiziert, dass in wenigen Jahren das Know-how eines Nachrichtenredakteurs durch Algorithmen ersetzt wird. Ein Aufschrei ging durch die Nachrichtenredaktionen: "Nein! Niemals!" Google News hat es gemacht.

Beispiel 2: Strategieberatung

Es gab einmal Zeiten, da kam der Mann mit dem Koffer. Nicht Herr Kaiser von der Hamburg Mannheimer. Sondern der vertrauenswürdige Strategieberater von nebenan. Strategieentwicklung war fast wie die Papstwahl: Hinter verschlossenen Türen wurde intensiv geredet und debattiert, dann stieg weißer Rauch auf. Der Vorstand verkündete: "Habemus Strategam! Wir haben eine Strategie!" Ehrwürdig blickten die Mitarbeiter in Richtung Altar, der Mann mit dem Koffer stand stolz daneben. Die Digitalisierung verändert auch das. Co-creation und Crowdsourcing machen es möglich, strategische Themen vorzugeben, die von Mitarbeitern durch eigene Initiative und eigene Ideen zum Leben erweckt werden. Der Strategieprozess ist ein offener transparenter. Die Digitalisierung löst ein Problem, das auch der Mann mit dem Koffer nicht beantworten konnte: Wie lassen sich Mitarbeiter für die erarbeitete Strategie begeistern? Denn was nützt die beste Strategie, wenn sie nicht umgesetzt wird?

Müssen sich Berater vor der Digitalisierung fürchten?

Nein, sie müssen sie geschickt nutzen. Beratungsunternehmen, die die Digitalisierung ignorieren und nicht sehen, dass Fakten-Wissen und Analytik-Wissen ersetzbar sind, werden zu Dinosaurier der Branche. Was weiterhin gefragt sein wird, ist Erfahrung: Erfahrung in der Interpretation der Daten. Und Erfahrung bei der Umsetzung. Die Digitalisierung hat zwei wesentliche Auswirkungen auf die Consultingbranche:

  • Das Businessschool-Wissen der jungen Absolventen wird über kurz oder lang digitalisiert werden. Die Zeit der Powerpointschlachten ist vorbei.
  • Erfahrung, Authentizität und Machereigenschaften werden gefragter sein denn je.

Digitale Analysen wie die von uns entwickelte decken Defizite beispielsweise in der Unternehmensstruktur oder -kultur schonungslos auf. Es entsteht großer Handlungsdruck. Unternehmen brauchen Consultants, die sie dabei unterstützen, dieses Wissen schnell in die Praxis umzusetzen. Genau hier ist die Parallele zu anderen Industrien. Der kreative Teil – das Komponieren von Liedern, die Entwicklung kreativer Vermarktungsstrategien und die Konzeption innovativer Finanzkonzepte – lässt sich nicht durch Software ersetzen. Kreative Macher sind in der Beratungsbranche gefragter denn je.

Zur Person:

Dr. Jens-Uwe Meyer, Geschäftsführer der Innolytics GmbH, entwickelt innovative Software für Marktforschung und Unternehmensberatung. Sein Unternehmen führt Projekte zur Analyse versteckter Kundenbedürfnisse und Mitarbeiterbefragungen durch.

 

Diskutieren Sie mit!     

Noch keine Kommentare zu diesem Artikel. Machen Sie gerne den Anfang!

Um unsere Kommentarfunktion nutzen zu können müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Weitere Highlights auf CONSULTING.de

Editors Choice

alle anzeigen
Bitte warten, Verarbeitung läuft ...