Deutscher Beratertag in Frankfurt Nachhaltigkeit im Consulting? „Wir machen das, weil es richtig ist“

Am vergangenen Freitag fand der erste Beratertag des BDU seit Beginn der Corona-Pandemie im Steigenberger Airport Hotel in Frankfurt statt. Im Vordergrund standen die Themen Nachhaltigkeit, Diversity und die Zukunft der Branche. Und immer wieder wurde Bezug auf den Spiegel-Artikel „Die Diversity-Lüge“ genommen.

Diskussionsrunde zum Thema ESG und Nachhaltigkeit (von links): Ricarda Memel, Christoph Weyrather und Dr. Wiebke Rasmussen. (Bild: BDU)

Mit rund 280 Teilnehmenden war der "Deutsche Beratertag" des Bundesverbandes der Deutschen Unternehmensberatungen bereits wieder über dem Besucher-Niveau von 2019. Im Vordergrund der größten Veranstaltung für Beratende in Deutschland standen die Themen, die die Branche aktuell bewegen: Nachhaltigkeit, Recruiting, Diversity und die Zukunft der Branche. Moderiert wurde die Veranstaltung von Bert Fröndhoff vom Handelsblatt. Neben den drei Keynote-Vorträge standen weitere interessante Sessions und Diskussionsrunden auf der Agenda.

Das „Wir“ zahlt sich aus: Identity Leadership

Den Auftakt machte Prof. Rolf van Dick von der Frankfurter Goethe Universität, der Studienergebnisse zum Thema „Identity Leadership“ zusammenfasste, für die Consultingbranche deutete und Anwendungsfelder aufzeigte. Seine Kernbotschaft: Umso höher die Identifikation mit dem eigenen Team, desto positiver die zahlreichen Effekte. Wenn Führungskräfte als identitätsfördernd für das Team wahrgenommen werden, steigen Arbeitszufriedenheit und das Vertrauen in die Führungskraft. Weiterhin sinken Burnout-Rate und die Kündigungsneigung. In diesem Zusammenhang zitierte van Dick eine Studie von Fladerer et. al. (2021), die sich um den Zusammenhang von kollektiver Sprache in Geschäftsberichten und Kapitalrendite drehte. Die Ergebnisse zeigten einen sehr deutlichen Zusammenhang: Firmen, in denen Führungskräfte das „Wir“ betonen, erzielen einen deutlich höheren Jahresumsatz.

Consultants brauchen für die Zukunft vor allem drei Power-Skills

Im zweiten Keynote-Vortrag sprach Sophia von Rundstedt, Geschäftsführende Gesellschafterin der v. Rundstedt Personalberatung, über „Was sind die Skills der Zukunft?“.

Ihre Hauptaussage: Es gibt drei Power-Skills im Beratungs-Business:

  • Ein offenes Mindset für Veränderung (Changing yourself & others)
  • Ein Verständnis für Zahlen und Zusammenhänge (Algorithmic based Consulting)
  • Die Fähigkeit mit starken Geschichten begeistern zu können (Storytelling by data)

Anhand von Beispielen aus ihrem Unternehmen beschrieb sie anschaulich, wie sich diese Skills konkret im Arbeitsalltag manifestieren. Neben den genannte Power-Skills benötigen Consultants außerdem zwanzig sogenannte Meta-Skills, um im Beratungsalltag Erfolg zu haben. Und daneben noch etliche Mikro-Skills in Abhängigkeit des jeweiligen Berufsprofils. Insgesamt ein inspirierender und praxisnaher Beitrag, der noch einmal deutlich machte, auf welche Eigenschaften Beratungshäuser bei der Rekrutierung vor allem achten sollten. Von Rundstedt empfahl bei der Suche und Ausschreibung gezielt nach den Power- und Meta-Skills zu fahnden, statt sich wie bislang zumeist auf Mikro-Skills zu konzentrieren.

Können Beratende etwas aus der Krebsforschung lernen?

Die undankbare letzte Keynote kurz vor Ende des Beratertags hielt Dr. Rainer Wessel, Chief Innovation Officer vom Heidelberger DKFZ (Deutsches Krebsforschungszentrum). Als ausgewiesener Experte in der Gesundheitsindustrie faszinierte Wessel mit zahlreichen Anekdoten über erfolgreiche und missglückte Start-ups in der deutschen Bio-Technologie. Allerdings blieb die konkrete Übertragung auf die Consultingbranche aus, sodass die verbliebenen Zuhörenden zwar viel über das DKFZ gelernt, ansonsten aber wenig Greifbares für ihr Beraterleben mitgenommen haben dürften.

Zahlreiche Diskussionen im Plenum und in Fokusforen

Neben den Keynote-Vorträgen gab es im Plenum und parallelen Fokusforen diverse Diskussionen zu aktuellen Themen der Beraterlandschaft. Dabei gab es spannende Talkgäste, wie z. B. Nora Dahmer, die sich nach 30 Jahren als erfolgreicher Restrukturierungsberater 2021 dazu entschieden hat, eine Transfrau zu werden. Gemeinsam mit ihr auf dem Diversity-Panel war außerdem der offen homosexuell lebende Berater Georg Schreiber vertreten.

Auch BDU-Chef Ralf Strehlau stellte sich den Fragen des Moderators Bert Fröndhoff. Seine Kernaussage: In der Summe geht es der Beratungsbranche noch immer hervorragend. Allerdings würden gerade Einzelberatende mittlerweile massiv Druck in ihrem Geschäftsmodel spüren. Und auch die Steigerung der Tagessätze und Honorare könne nicht mit den Lohnerwartungen der Beratenden Schritt halten. Nicht nur in diesem Gespräch wurde mehrfach Bezug genommen auf den Spiegel-Artikel vom 22. November „Arbeitsdruck bei Beraterfirmen – Die Diversity-Lüge“. Hier positionierte sich Strehlau deutlich:

„So wie BCG sind wir nicht“.

Das Panel zum Thema „ESG – vom Nice-to-have zum absoluten Must have“ dürfte für viele Beratende hilfreich und inspirierend gewesen sein. Zunächst stellte Stefanie Reinartz, Projektleiterin beim BDU, den Stand bei der Ausarbeitung eines Branchenleitfadens für Unternehmensberatungen vor. Anschließend interviewte das Beratertag-Urgestein Christopher Weyrather, Geschäftsführer des BDU, das frisch gewählte BDU-Vorstandsmitglied Ricarda Memel, Geschäftsführerin von TEAMWILLE, und Dr. Wiebke Rasmussen, Global Lead Sustainability bei Bearing Point.

„Wir machen das, weil es richtig ist“,

so die klare Antwort von Wiebke Rasmussen auf die Frage, ob man Nachhaltigkeitsreports wegen Anforderungen der Kunden oder den Erwartungen von Mitarbeitenden aus der Gen-Z machen müsse.

Auch wenn es nicht darum ginge, Mitarbeitende zu belehren, gäbe es Nachhaltigkeitsvergehen wie z. B. Inlandsflüge, bei denen Ricarda Memel nach eigenen Aussagen „penetrant“ wird. Das Fazit beider Nachhaltigkeitsexpertinnen: "Es braucht eine Leitlinie in Bezug auf Nachhaltigkeit im Unternehmen, sonst bleiben wir bequem."

Auch Beratende machen Fehler, aber wenigstens systematisch

Die Runde zur Vision für die Unternehmensberatung der Zukunft (von links): Bert Fröndhoff, Alexander Rehn, Diane Robers, Egbert Schark, Dorothea Schmidt und Söhnke Reimers. (Bild: BDU)

Auch die Podiumsdiskussion „Vision für die Unternehmensberatung der Zukunft“ war interessant besetzt, auch wenn dabei wenig Neues und Visionäres herauskam. Das Panel sah die Zukunft der Branche weiterhin rosig, auch wenn es der Beraterzunft immer schwieriger fällt, die Löhne, die in der Industrie gezahlt werden, mitgehen zu können, so Alexander Rehn von der T&O Unternehmensberatung. Sein Credo:

„Was nützt mir ein High-Potential, der nicht zu uns passt“.

Großer Vorteil der Berater sei, so der Chef der Mediengruppe Deutscher Fachverlag, Söhnke Reimers, der die Auftraggeberseite in der Runde vertrat:

„Der Berater macht zwar Fehler, aber er macht sie wenigstens systematisch“.

Unterstrichen wurde die Bedeutung des persönlichen Kontakts zwischen Kunde und Beratendem, auch wenn die Beratenden nicht mehr fünf Tage beim Kunden vor Ort sitzen müssen. Aber die persönliche Interaktion in der Kaffeeküche sei für den Vertrauensaufbau nach wie vor wichtig. Dabei sorgte vor allem Prof. Dr. Diane Robers von der EBS Business School für das ein oder andere Bonmot wie z. B. „Am Ende ist es ein People‘s Business“ (zur Frage nach Remote- vs. Vor-Ort-Consulting), „Man muss das Humanisierungsthema bei der Digitalisierung mitdenken“ oder „Die Frau, um der Frau willen, ist Quatsch“ (zur Frage nach der Frauenquote).

Am Vortag des Kongresses wählten die BDU-Mitglieder übrigens ein neues Präsidium. Wer die neuen und alten Amtsinhaber sind, erfahren Sie hier.

Impressionen zum Deutschen Beratertag 2022

Ein persönlicher Eindruck

Ich war das erste Mal auf einem Beratertag. Da ich wegen der Pandemie über zwei Jahre darauf warten musste, waren meine Erwartungen entsprechend groß. Bedenkt man, dass die Branche ca. 180.000 Personen beschäftigt, fällt die Veranstaltung mit 280 Teilnehmern aber vergleichsweise klein aus. Auf der Marktforschungsmesse succeet, die jährlich an zwei Tagen im Oktober stattfindet, trafen sich dieses Jahr über 2.000 Teilnehmende. Da sind 280 Beratende im Vergleich wenig, obwohl es wahrscheinlich zehnmal so viele Beratende gibt wie Marktforschende.

Dafür, dass selbst viele kleine Beratungshäuser international aufgestellt sind, überraschte der Beratertag damit, dass es keinen einzigen internationalen oder zumindest englischsprachigen Beitrag gab. Die Keynote-Vorträge stammten stattdessen aus Heidelberg, Frankfurt und Düsseldorf.

Thematisch drehte sich der Beratertag genau um die Themen, die die Branche aktuell beschäftigt. Interessant, dass beim Top-Nachfragethema „Nachhaltigkeit“ der Raum prall gefüllt war, bei der Session zum Thema „Diversity“ aber viele Plätze leer blieben.

 

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