Der Einsatz von Case-Interviews im Consulting

Fachartikel zu Fallstudieninterviews im Recruiting-Prozess von Beratungshäusern

Das Case-Interview ist als Methode im Bewerbungsprozess von Unternehmungsberatungen weit verbreitet. Doch es mehren sich die Belege dafür, dass die Methode wissenschaftlich nicht das hält, was sie verspricht und dadurch falsche Personalentscheidungen getroffen werden. Wir haben bei den Consultinghäusern Horváth, der hkp/// group und Pawlik Recruiters nachgefragt, welche Rolle die Fallstudie innerhalb des Recruiting-Prozesses spielt und was beim Einsatz besonders beachtet werden muss.

Case Interview Beitrag (Bild: picture alliance / PhotoAlto | Eric Audras)

Case-Interviews werden im Consulting vor allem dazu genutzt, analytische Fähigkeiten und die Problemlösekompetenz von Bewerbenden zu überprüfen. (Bild: picture alliance / PhotoAlto | Eric Audras)

„Warum Beratungen die falschen Leute einstellen“, so titelte der renommierte Harvard Business Manager kürzlich in seinem Berater-Special (03/2022). Die beiden Autoren Atta Tarki, Gründer und CEO der Personalberatung ECA Partners, und der schwedische Wissenschaftler Tino Sanandaji, haben dafür verschiedene wissenschaftliche Studien zusammengefasst und sind zu dem Schluss gekommen, dass Case-Interviews eine „schreckliche Bewertungsmethode“ sind und es an der Zeit wäre, die aus dem Recruiting zu verbannen.

Was sind Case Interviews?

Unter einem Case Interview versteht man eine Methode, die im Rahmen von Vorstellungsgesprächen gerade im Consulting häufig eingesetzt wird. In diesen Interviews wird, um eine Arbeitssituation zu simulieren, eine fiktive Kundensituation, eine Fallstudie, vorgegeben, die innerhalb einer kurzen Zeit analysiert werden soll. Im Anschluss wird die Lösung des Problems gefunden und präsentiert. Dabei gibt es meist keine „richtige“ Antwort, es geht vielmehr um den Angang an das Problem. Case Interviews werden vor allem dazu genutzt, die analytischen Fähigkeiten und die Problemlösekompetenz von Bewerbenden zu überprüfen.

 

Was sind die Kritikpunkte gegenüber Fallstudieninterviews?

Diese Punkte sehen die beiden Autoren in Bezug auf die Verwendung von Case-Interviews im Recruiting-Prozess kritisch:

  • Mit Fallstudieninterviews ließe sich die spätere Leistung im Job nicht vorhersagen. Das liegt daran, so die Autoren, dass „ein zu hohes Maß an Informationen die Urteilskraft und Treffsicherheit von Personalverantwortlichen verringert."
  • Da es außerdem keine klare und strukturierte Bewertungsmethode gibt, sei es lt. den Autoren wahrscheinlicher, dass sich Interviewende von ihren Vorurteilen leiten lassen.
  • Dadurch, dass es bei Case-Interviews in der Regel keine richtige oder falsche Antwort gibt, führe das Case-Interview zu willkürlichen Entscheidungen.
  • Es gäbe außerdem keine empirischen Beweise dafür, dass sich durch Case-Interviews tatsächlich die spätere Arbeitsleistung vorhersagen lassen würde.
  • Es gäbe etablierte und zuverlässigere Indikatoren die Problemlösefähigkeiten von Menschen zu testen. Als Beispiel nennen die Autoren die allgemeine Intelligenz, die der beste Prädiktor für fluide Intelligenz sei, also die Fähigkeit Probleme zu lösen.

Ein Beispiel für ein Case-Interview:

Sie wurden eingestellt, um den Inhaber eines Fahrradladens als Unternehmensberater zu unterstützen. Der Fahrradladen hat im letzten Jahr einen erheblichen Umsatzrückgang erlitten, und nun möchte der Eigentümer, dass Sie die Situation und die Optionen für das weitere Vorgehen bewerten. Er möchte wissen, wie sich der Umsatzrückgang auf den Gewinn des letzten Jahres ausgewirkt hat und welche Maßnahmen vorrangig sind, um das nächste Jahr zu überstehen. Darüber hinaus möchten sie die strategische Wettbewerbsposition des Geschäfts besser verstehen und wissen, wie sie die Einnahmen mittel- bis langfristig wieder steigern können.

Wie ist die Sicht von Experten aus dem Consulting auf Case-Interviews?

Wir haben eine redaktionelle Anfrage an verschiedene größere deutsche Beratungshäuser gerichtet. Nicht alle Unternehmen, die wir angeschrieben haben, waren zu einer Stellungnahme bereit. Man wolle sich dazu nicht äußern, so der Tenor einiger Absagen.

Glücklicherweise blieben nicht alle Türen verschlossen. Die für das Recruiting verantwortlichen Mitarbeitenden von Horváth, Pawlik Consultants und der hkp/// Group waren dazu bereit sich in die Karten schauen zu lassen.

Ihr Fazit: Richtig eingesetzt können Case-Interviews durchaus dabei helfen die richtigen Bewerbenden zu identifizieren, allerdings ist dafür einiges an Standardisierung im Prozess notwendig. Die Methode funktioniert nur dann gut, wenn sie auch richtig angewendet wird. Eingesetzt werden Case-Interviews fast ausschließlich bei der Auswahl für Junior-Positionen. Sobald Berufserfahrung bei den Bewerbenden vorhanden ist, verliert die Methode an Relevanz.

Wichtig war den Experten auch, dass nur ein Methodenmix im Recruiting-Prozess gute Ergebnisse erzielt. In dem Mix hätten Case-Interviews aber durchaus ihre Daseinsberechtigung, da sie über eine hohe inhaltlich Validität verfügen. Konkrete empirische Belege für die Sinnhaftigkeit der Methode wurden auch von den drei Experten nicht angeführt, sehr wohl aber positive Erfahrungen im Umgang damit.

Lesen Sie hier die ausführlichen Antworten von Natascha Nowotny, Arne Adrian und Frank Gierschmann.

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