Erste Anzeichen für mehr Vielfalt in den DAX-Vorständen

9. DAX-Vorstandsreport

Die Personalberatung Odgers Berndtson hat den aktuellen Dax-Vorstandsreport veröffentlicht. Der Vergleich der 191 Vorstandsprofile zeigt viele bekannte Muster: Einige Wirtschaftszweige haben zwar bereits kulturelle Wandel eingeleitet, doch im Durchschnittsalter der DAX-Vorstände zeigt sich seit 2005 kaum Veränderung. Und während der HR-Bereich von Frauen dominiert wird, zählt die Automobilbranche aktuell noch zu den konservativsten Segmenten.

drei selbstbewusste Business Frauen (Bild: Robert Kneschke, picture alliance) | CONSULTING.de

Im Juni wurde eine Quotenregelung von der Bundesregierung verabschiedet. Verspricht diese mehr Diversität auf Vorstandsebene? (Bild: Robert Kneschke, picture alliance)

Herrscht in den DAX-Vorständen Ruhe vor dem Sturm?

Der neue DAX-Vorstandsreport von Odgers Berndtson, in dem die Personalberatung seit 2005 die Profile der 191 Vorstandsmitglieder in den 30 größten börsennotierten Unternehmen analysiert, deutet auf eine Ruhe vor dem Sturm hin. Vor allem der erstmals durchgeführte Branchenvergleich zeigt, dass Industriezweige wie die Energie- oder Technologiewirtschaft, die bereits strukturelle Veränderungen eingehen mussten, auch in ihren Führungsgremien erste Schritte hin zu einem kulturellen Wandel eingeleitet haben. So sind die Vorstandsgremien in diesen Branchen durchschnittlich fünf Jahre jünger, internationaler und haben mehr branchenfremde Kollegen.

Durchschnittsalter der DAX-Vorstände steigt

Auf den ersten Blick herrscht jedoch weiterhin Kontinuität. Das Durchschnittsalter der DAX-Vorstände hat sich seit 2005 kaum verändert und zeigt mit knapp 54 Jahren 2021 sogar leicht nach oben. Das können auch die jungen Vorstandsvorsitzenden wie SAP-CEO Christan Klein oder Niklas Oesterberg, Chef von DAX-Neuling Delivery Hero, mit ihren 40 Jahren nicht ändern. Eine Verjüngung ist nicht zu erkennen. Vielmehr steigt das Durchschnittsalter der Vorstände bei ihrer Berufung seit 2014 sogar kontinuierlich an und liegt aktuell bei knapp 49 Jahren. In Krisenzeiten ist Kontinuität im Vorstand durchaus positiv zu bewerten. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob die Art der Führung auch künftig die Richtige sein wird. Denn nach der Pandemie wird es kein Zurück zu alten Strukturen und Verhaltensmustern geben.

Schafft die Quotenregelung Diversität?

Mehr Diversität erwartet sich die Politik durch die im Juni von der Bundesregierung verabschiedete Quotenregelung auf Vorstandsebene für große Unternehmen, die börsennotiert und paritätisch mitbestimmt sind. Die Realität zeigt, dass eine echte Vielfalt nicht allein qua Gesetz umgesetzt werden kann. Zwar steigt der Anteil der Frauen im Vorstand bereits. 2021 war aber nur jeder vierte Neuling im Vorstand eine Frau. Insgesamt sind derzeit 16 Frauen in den DAX-Vorstandsgremien. Von den Frauen wird sich im Besonderen ein Kulturwandel erhofft, den sie in einer seit Jahren von Männern geprägten Betriebskultur gestalten sollen. Doch bei allem Bemühen um mehr Frauen in Top-Positionen müssen diese erst einmal gefunden werden. Das Problem ist eindeutig: Im General Management, aus dem immer noch die meisten Vorstände kommen, wie der DAX-Report bestätigt, sind Frauen auf allen Ebenen stark unterrepräsentiert.

Die neue Frauenquote in Vorständen kann nach unserer Analyse tatsächlich mehr Diversität bringen. Mit Belén Garijo López vom Pharma- und Chemiekonzern Merck besetzt nur eine Frau die CEO-Position. Das Personalressort ist dagegen fest in weiblicher Hand. Zwei Drittel der aktuellen Positionen im HR-Bereich sind mit Frauen besetzt. Mehr als die Hälfte der Frauen in den Vorständen hat ausländische Wurzeln. Zudem sind sie verglichen mit ihren männlichen Kollegen deutlich kürzer im Unternehmen, bevor sie in den Vorstand berufen werden. Nur 30 Prozent haben die längste Zeit ihrer beruflichen Karriere in dem Unternehmen verbraucht, in dessen Vorstand sie berufen wurden. Die durchschnittliche „Eigengewächs“-Quote unter allen Vorstandsmitgliedern im DAX ist etwa doppelt so hoch.

Parität zwischen Doktoren und MBA-Absolventen

Bei der Ausbildung und dem beruflichen Werdegang unterscheiden sich die Geschlechter weniger. Beide streben immer öfter einen MBA-Abschluss an. 2021 lag der Anteil der MBA-Absolventen bereits bei rund 20 Prozent. Darunter waren mehr als ein Drittel Frauen. Der Anteil der Doktoren unter den Vorständen ist weiter rückläufig. Seit 2005 ist er um mehr als die Hälfte gesunken. 2021 haben nur noch 29 Prozent promoviert. Bei den DAX-Neulingen herrscht sogar Parität zwischen Doktoren und MBA-Absolventen. Bei den neuen Vorständen im DAX zeigt sich ein weiterer Trend. Erstmals wurden mehr Vorstände von außen angeworben als intern befördert.

Älteste Vorstandsmitglieder im Automobil-Sektor

Bei einer Branche sieht dies noch anders aus: Der Automobil-Sektor zählt zu den „Oldtimern“ bezogen auf die Vorstandsprofile. Mit durchschnittlich 56 Jahren sind die Vorstände die ältesten. Auch liegt Deutschlands prestigeträchtiger Wirtschaftszweig bei der Frauenquote mit 16 Prozent unter dem Durchschnitt, während selbst der Chemie- und Life-Science-Sektor die 20-Prozent-Marke bereits überschritten hat. Mit Blick auf den derzeitigen Wandel im Automobil-Sektor ist hier jedoch künftig einiges zu erwarten. Die Notwendigkeit branchenfremde Führungskräfte zu rekrutieren, um die Mobilitätswende in Deutschland erfolgreich zu gestalten, könnte auch hier eine unerwartete Vielfalt in den Profilen der DAX-Vorstände der großen deutschen Autokonzerne ermöglichen.

Über die Autorin

Katja Hanns-Terill, Odgers Berndtson (Bild: Odgers Berndtson) | CONSULTING.de
Katja Hanns-Terrill ist Geschäftsführerin von Odgers Berndtson in Deutschland und leitet als Partnerin den Geschäftsbereich „Öffentliche Hand“. Sie besetzt seit 2004 Managementpositionen in der Ver- und Entsorgungswirtschaft sowie im ÖPNV. Darüber hinaus engagiert sich die Betriebswirtin sehr erfolgreich bei der Suche von Spitzenpersonal in der kommunalen Kernverwaltung sowie für Beteiligungsunternehmen der öffentlichen Hand.

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