Future Mobility: Künstliche Intelligenz und Big Data als Chance für Europa

Franziska Plate, Detecon International

Vielleicht ist es bei der heutigen Übermacht von USA und China etwas in Vergessenheit geraten: Die deutsche und europäische Forschung in der Künstlichen Intelligenz (KI) hat unsere Welt stärker geprägt, als viele glauben mögen, meint Franziska Plate, Business Analyst bei Detecon International.

Laut Jürgen Schmidhuber, einem der international renommiertesten KI-Forscher, finden sich deutsche Lern-Algorithmen auf jedem Smartphone und werden jeden Tag milliardenfach verwendet. Auch die zentralen Durchbrüche im autonomen Fahren wurden in den 1980er Jahren in Deutschland erzielt. Hier gab es dank der Forschungsarbeit rund um das Team von Ernst Dickmanns bereits Anfang der 1990er Jahre selbstfahrende Autos im Verkehr, lange bevor die USA und China der Konkurrenz enteilt sind. Das Reisen der Zukunft könnte zur Chance für Europa werden, in diesem Feld wieder den Anschluss zur Weltspitze zu schaffen. Denn Urbanisierung, Verknappung fossiler Ressourcen, sich wandelnde Lebens- und Arbeitsformen und die Entwicklung neuer Technologien beeinflussen das Leben in Städten in hohem Maße. Schon jetzt ist festzustellen, dass Mobilitätsangebote flexibler genutzt werden.

Urbane Mobilität im Wandel

Autonome Mobilitätskonzepte gewinnen in allen Bereichen des Personen- und Warenverkehrs immer mehr an Bedeutung. Die weitreichenden technologischen Entwicklungen, wie z.B. die Bereitstellung und Vernetzung von Informationen durch mobile Dienste und die Entstehung innovativer Mobilitätskonzepte – etwa Car- und Bike-Sharing – fördern diesen Wandel. So entwickeln sich Fahrzeuge gleichzeitig zu mobilen digitalen Plattformen, die untereinander und mit der Umwelt vernetzt sind. Besonders deutlich wird dieses Zusammenspiel beim Thema intermodale Mobilität – verstanden als flexible und kombinierte Nutzung sich ergänzender Verkehrsmittel – das derzeit als ein Schlüssel zu einem effizienteren Verkehrssystem diskutiert wird. Diese Fähigkeit wird ebenfalls zum Erfolgsfaktor für weitere Anwendungsfälle, wie etwa komplexe Logistiksysteme oder Assistenzsysteme. Dabei entwickelt sich auch KI zur Schlüsseltechnologie, um einerseits Entwicklungsprozesse zu verbessern und andererseits autonome Mobilitätsfunktionen abzusichern.

Damit ein Nutzer intermodale Reiserouten planen kann, bedarf es einer zentralen Plattform zur Reiseplanung, welche mit historischen und aktuellen Informationen gespeist wird. Eine solche Plattform kann beispielsweise mit einer umfassenden Reiseplanungs-App für den Nutzer visualisiert und nutzbar gemacht werden. Diese App und die dahinterliegende Business-Logik haben dann die Möglichkeit Informationen in Echtzeit zu nutzen und zu analysieren. So können die Routen automatisch an sich ändernde Gegebenheiten angepasst werden – auf Basis von Big Data und KI.

Allerdings sieht die Realität momentan noch anders und komplizierter aus. Möchte ein Reisender eine Route/Reise unter der Verwendung von verschiedenen Verkehrsmitteln planen, muss dieser heutzutage meistens noch zwischen mehreren Reiseplanungs-Apps wechseln. Auch das Hinterlegen von Tickets und/oder Reservierungen ist derzeit noch nicht in einer zentralen App möglich. Neben der Problematik bezüglich der Routenplanung mit verschiedenen Verkehrsmitteln und Apps besteht bei Reisenden oft Unzufriedenheit über verzögerte Routenaktualisierungen. Die Verzögerung erscheint ohne ausreichende Vorlaufzeit, sodass die Reise wie geplant angetreten bzw. fortgesetzt wird. So werden mögliche

Alternativen im Vorfeld der Reise häufig weder angezeigt noch berechnet. Zudem werden Wetterinformationen, Hindernisse und aktuelle Ereignisse auf der Route oder am Ankunftsort, wie etwa schlechte Parkmöglichkeiten, Messen, Streiks, Sperrungen oder Baustellen nicht beachtet.

Big Data und KI werden das Reisen revolutionieren

Die Nutzung von Big-Data-Analysen und KI dient dazu, die sogenannte intermodale Reiseroute zu optimieren und mit Informationen anzureichern. So können nicht nur normale Reiserouten geplant werden, sondern auch entsprechend der Interessen eines Nutzers persönliche Highlights in der Nähe identifiziert oder ganze Sight-Seeing-Routen vorgeschlagen werden. Highlights können beispielsweise spezielle Orte, Restaurants oder Shoppingmöglichkeiten sein, die in sozialen Medien oder Reiseportalen wie TripAdvisor gut bewertet sind. Durch Echtzeitanalysen und durch Kombination mit weiteren Sensoren sowie dem Nutzen von Schwarmintelligenz lernt die Plattform dazu, um dem Nutzer aktuelle Routen sowie Verkehrslagen präsentieren zu können – selbst vor Antritt der Reise.

Die Routenplanung kann dabei ähnlich wie in anderen Navigationssystemen oder –Apps funktionieren, berücksichtigt allerdings zusätzlich die Zeiten für das Umsteigen und die aktuelle Verkehrs- und Wetterlage. Außerdem kann der Reisende direkt bei der Reiseplanung benötigte Tickets, Parkplätze und Verkehrsmittel reservieren, buchen und bezahlen. Die Buchungen und Tickets werden automatisch alle in einer App hinterlegt, sodass der User nur noch eine App für die gesamte Reiseplanung benötigt – von der Hotelreservierung über das Bahnticket bis hin zum Fahrschein für den öffentlichen Nahverkehr. Ebenfalls werden bei der Routenplanung Informationen aus z.B. Wetter- und Nachrichten-Apps beachtet und in die Planung miteinbezogen, wodurch der Reisende einen genauen Überblick über die aktuelle Verkehrs- und Wetterlage entlang der Reiseroute und am Zielort bekommt.

Weiterhin wird Big Data verwendet, um aus großen und unstrukturierten Datenmengen, die sich zum Beispiel aus Fahrplänen, dem aktuellen Straßenverkehrsaufkommen, Wetterinformationen und Social Media-Daten zusammensetzen, in Echtzeit gezielte Informationen abzuleiten. Bei der Reiseroutenberechnung und -aktualisierung stehen immer die ausgewählten Bedürfnisse des Reisenden im Vordergrund. Während der Fahrt sowie am Zielort, wird der Reisende ständig über das Wetter, die aktuelle Verkehrslage, aktuelle Nachrichten und Informationen, Parkmöglichkeiten und mögliche Points of Interest informiert.

Aktuell gibt es mit Jelbi und Moovel schon zwei Mobility-as-a-Service-Apps auf dem deutschen Markt. Jelbi wurde von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) herausgebracht und soll verschiedene Reiseoptionen inklusive voraussichtlicher Reisedauer und -Preis anzeigen. Um dies zu ermöglichen, konnte die BVG eine ganze Reihe von Partnern gewinnen, vom E-Scooter-Sharing-Anbieter, über Fahrdienst-Startups bis hin zu Taxi Berlin.

Auch Autohersteller arbeiten an eigenen Angeboten. Daimler etwa hat in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Verkehrsverbund (HVV) mit Moovel eine ähnliche Plattform gestartet. Hier gibt es Partnerschaften mit beispielsweise My-Taxi, Car-2-Go und einem Bikesharing-Anbieter. Zudem testet Moovel seit April 2019 mit der App Izuko eine neue Mobility-Plattform in Japan, die unterschiedliche Dienste und Tourismusangebote vereinen soll. Bis die Plattformen jedoch das zukunftsorientierte Reisen abbilden können, so wie es anfangs beschrieben wurde, bedarf es noch etwas Zeit und Optimierung.

Europa als Vorreiter bei der Mobilität der Zukunft

Der Verknüpfung der Künstlichen Intelligenz mit dem Internet der Dinge, der Robotik und dem Maschinenbau gehört die Zukunft. Daher ist es nur offensichtlich, dass diese Kombination eine große Chance für Deutschland und Europa ist, nicht nur den Anschluss an die USA und China wiederherzustellen, sondern zum Marktführer zu werden. Ganz im Sinne eines europäischen Weges der digitalen Transformation.

Europa hat vielen anderen Regionen gegenüber zahlreiche Standortvorteile aufgrund führender KI-Experten sowie herausragender Industrien mit großer KI-Zukunft. Die deutsche und europäische Industrie mit ihrer technologischen Exzellenz haben alle Voraussetzungen, um digital basierte Innovationen an der Weltspitze zu entwickeln. Die enorme Innovationsfähigkeit der zahlreichen Hidden Champions im deutschen Mittelstand sowie die besten Voraussetzungen für nachhaltiges Wirtschaften scheinen in der breiten Öffentlichkeit jedoch noch nicht angekommen zu sein. Das neue KI-Strategie-Paper der Bundesregierung ist ein erster wichtiger Schritt, jedoch hinken die geplanten Investments von drei Milliarden Euro bis 2025 noch weit hinter der internationalen Konkurrenz her.

Zur Autorin: Franziska Plate ist Business Analyst bei Detecon International.

Veröffentlicht am: 03.06.2019

 

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