Hierzulande noch klein gehalten, international auf dem Vormarsch: der Digital Architect

Francesco Loth, Geschäftsführer ETECTURE

Die digitale Transformation braucht völlig neue Jobprofile: Der klassische Unternehmensberater hat ausgedient – zu wenig technisches Knowhow, um im Zeitalter der Digitalisierung bestehen zu können. Der Software-Entwickler wiederum steckt viel zu tief drin im Techieversum, um unternehmensstrategisch erfolgreich agieren zu können. Was wir brauchen sind Digital Architects! Warum wir das Job-Profil in Deutschland völlig falsch interpretieren und wie wir es besser machen, erklärt Francesco Loth, Geschäftsführer von ETECTURE.

Francesco Loth

Francesco Loth, Geschäftsführer ETECTURE

Digitale Transformation ist ein Euphemismus. Klingt immer so, als könne man per Fingerschnippen etwas Bestehendes problemlos in ein neues Zeitalter überführen. Gut, ein bisschen unangenehm ist der Prozess – das haben inzwischen alle verstanden – manchmal schon, weil Menschen und damit auch Organisationen ja nur sehr ungern von dem Bewährten Abschied nehmen. Man muss nur in die deutsche Automobilindustrie gucken.

Aus den röhrenden Statussymbolen von einst werden jetzt bekanntlich schnurrende Hightech-Schüsseln. Und dabei sind Elektromotor und autonomes Fahren nur die Spitze des Eisberges. Noch viel komplexer ist, was unter der Oberfläche passiert: Die Blockchain-Technologie zum Beispiel dreht bisherige Prozessketten in der Fertigung auf links und führt auch im Flottenmanagement zu einem Höchstmaß an Sicherheit und Transparenz. Ein digitaler, fälschungssicherer Frachtbrief auf Blockchain-Basis, wie wir ihn gerade für die MOSOLF-Gruppe entwickelt haben, ist jetzt schon Realität. Die gesamte Wertschöpfungskette steht also auf dem Prüfstand – von der Beschaffung über den Absatz bis hin zur Wartung.

Doch damit sind eben auch die Herausforderungen vielschichtiger geworden – und technischer. Digitale Transformation heißt eben auch neue Schnittstellen in den IT-Systemen, innovative Cloud-Lösungen, Umstellung der Prozessketten auf Blockchain und, und, und. Damit steigt die Anzahl der Point-to-Point-Verbindungen in digital geführten Unternehmen deutlich. Diese steigende Komplexität ist einer der neuralgischen Punkte im Transformationsprozess. Sie zu reduzieren und für alle wieder beherrschbar zu machen, ist die zentrale Herausforderung.

Diesen Prozess als externer Berater zu steuern, erfordert völlig andere Skills als bisherige Consulting-Unternehmen sie bieten. Für die Betrachtung und Analyse der betrieblichen Kennziffern mag der klassische BWL-Studiengang sinnvoll sein, für eine Beurteilung der digitalen Leistungsfähigkeit eines Unternehmens nicht unbedingt. Inwieweit die digitale Transformation gelingt, entscheidet sich wesentlich auch über die vorhandene Dateninfrastruktur im Unternehmen. Doch die zu beurteilen – das setzt in der Regel profunde IT-Kenntnisse voraus. Hinzu kommt: Innovationsprozesse in Unternehmen laufen zunehmend Bottom-up. Innovation ist dabei untrennbar mit Digitalisierung und Technologie verbunden. Beratung muss also zunehmend direkt an der operativen Ebene und nicht im Top-Management ansetzen. Doch wer hier erfolgreich beraten will, muss fachlich auf Augenhöhe wahrgenommen werden.

Ein solches Berufsbild gibt es in Deutschland (noch) nicht. Entweder klassischer Consultant oder IT-Systemberater. Doch es fehlt der Brückenschlag. Ein Job-Profil, das beide Kompetenzen vereint. Strategischen Weitblick und detaillierte Data-Kenntnisse. Doch tatsächlich gibt’s das längst. Im Ausland zumindest. International hat sich der Digital Architect als Berufsbild längst durchgesetzt – laut Definition ein Berater, der Technologien einsetzt, "um das Geschäft zu transformieren, Umsatz und Profitabilität zu steigern und die Wettbewerbsposition eines Unternehmens zu verbessern". In Deutschland assoziieren wir mit den Digital Architects immer noch in erster Linie Software-Entwickler bzw. Entwicklungs-Ingenieure. Fachexperten also, die sich in dem engen Korsett der IT bewegen. Doch das ist deutlich zu kurz gegriffen. Digital Architects müssen ihren Aktionsradius viel weiter stecken und in unternehmensstrategische Entscheidungen einbezogen werden. Das heißt im Umkehrschluss natürlich auch – die Consulting-Branche steht ebenfalls vor einem grundsätzlichen Wandel. Die Grenzen zwischen klassischem Berater und IT-Systemberater verschwinden.

Zum Autor:

Francesco Loth verantwortet seit Mai 2016 als Geschäftsführer die ETECTURE GmbH. Vor seinem Einstieg bei den Digital Architects hatte der Diplom Wirtschaftsjurist die Position des Managing Directors bei der United Digital Group inne. Von 2012 bis 2014 war Francesco Loth als geschäftsführender Gesellschafter für die E-Commerce Agentur edoras GmbH & Co. KG tätig, die 2014 mit der UDG fusionierte.

Veröffentlicht am: 11.02.2019

 

Über CONSULTING.de

consulting.de ist das zentrale Informationsportal für Unternehmensberatungen. Unser breites Informationsangebot rund um Consulting richtet sich sowohl an Management- und Strategieberatungen, Personalberatungen, Controlling- und Finanzberatungen, Wirtschaftsprüfungen, Marketing- und Kommunikationsberatung und IT-Beratungen als auch deren Kunden aus Industrie, Handel sowie Dienstleistung.