Restrukturierung nach und mit Corona: Spannungsfeld Rückbau und Wachstum

Matthias Müller, Dr. Wieselhuber & Parter GmbH

Restrukturierung erfordert den Rückbau von Strukturen und Prozessen zur Freisetzung von Motivation, Innovationsfähigkeit und letztlich Wachstum.

Rosen blühen nur nach dem Rückschnitt besonders schön. Diese Hobbygärtner-Weisheit lässt sich auch auf Unternehmen und Geschäftsmodelle übertragen.

Die Corona-Krise zeigt sich als Katalysator, als Beschleuniger von Prozessen und Entwicklungen. Jetzt wird transparent, welche Prozesse und Geschäftsmodelle der Vergangenheit angehören und welche wirklich notwendig und zukunftsfähig sind. Es zeigt sich also ein Spannungsfeld von Rückbau und Wachstum.

11 Jahre Konjunktur, 11 Jahre Wachstum und Weiterentwicklung von Leistungsspektrum, Vertriebsstrukturen und Wertschöpfungsarchitektur haben die Prozesse und Strukturen im Unternehmen häufig komplex gemacht. Auf der Strecke blieben dabei in vielen Fällen Transparenz, Reagibilität und Pragmatismus.

Doch: An welchen Punkten setzt man den "Rückschnitt" idealerweise an?

Schritt 1a: "Refinanzierungsfähigkeit im Mittelpunkt

Grundvoraussetzung aller Handlungsoptionen im Kontext von Rückbau und Wachstum ist die Refinanzierungsfähigkeit sowohl heute als auch morgen. Zur Beurteilung dieser, hat sich in der Praxis das Verhältnis von zinstragender Verschuldung zum EBITDA etabliert. Kurzum gesagt: Nur ein stabiles und nachhaltiges EBITDA sichert Freiheitsgrade in der Finanzierung und somit Gestaltungsmöglichkeiten zur Modellierung des Geschäftsmodells. Letztlich werden in diesem Schritt die Leitplanken der weiteren Überlegungen definiert.

Schritt 1b: Dreh- und Angelpunkt: Ressourcen- und Kapitalbindung der Segmente

Zur Modellierung des künftigen Geschäftsmodells bleibt die Segmentrechnung im Sinne einer Ertrags- und Verlustquellenanalyse die zentrale Methode. Auf Basis dieser werden die realen Treiber der Ressourcen- und Kapitalbindung transparent gemacht. Sie liefert Transparenz über Segmentergebnisse und über die Ressourcenbindung je Prozess.

Erfolgsvoraussetzung ist, dass alle Basisdaten der Vorselektion in die Analyse einfließen. Sie werden gemeinsam mit den Prozessschritten einer klaren Daten- und Faktenanalyse unterworfen und so "zum Sprechen" gebracht. Die Kombination einer Ertrags- und Verlustquellenanalyse mit einem digitalen Wertstrom ist das Mittel der Wahl - für Analyse und Modellierung.

Schritt 2: Strategie, Operations und Financials: Dreiklang im Restrukturierungskonzept

Wesentlicher Erfolgsfaktor in der Restrukturierung: Das Vertrauen von Mitarbeitern, Gläubigern und Gesellschaftern in das Vorhaben. Dies erlangt man letztlich durch eine szenarienbasierte, objektivierte und konsensfähige Entscheidungsgrundlage, die den iterativen Dreiklang aus den Sichtweisen Markt, Wertschöpfung und Finanzierung berücksichtigt.

Auf dieser Basis können Handlungsmöglichkeiten, Szenarien des Zukunftsbildes und finanziellen Rahmenbedingungen abgeleitet werden, die allen Beteiligten als Leitplanken dienen. Ein besonderer Fokus sollte auf der zielgerichteten Nutzung von Ressourcen liegen: Sie sichern Innovation und Wachstum und somit letztlich Zukunftsfähigkeit.

Dreiklang im Restrukturierungskonzept (Bild: Grafik vom Autor)

Schritt 3: Geräuschloser Rückbau: Grundvoraussetzung für Robustheit und Tragfähigkeit

In der langen konjunkturellen Wachstumsphase haben sich viele Unternehmen "Fett" angefressen. Einerseits haben sie unüberschaubare Prozesse und Strukturen entwickelt, andererseits haben sie wenig agil kaum marktfähige Neuprodukte auf den Weg gebracht. Die Folgen: Deutlich mehr Personen und Funktionen sind in Standardprozesse wie Kundengewinnung, Lead-to-Order- und Order-to-Cash-Prozesse eingebunden als früher. Es wurde an- und umgebaut, "Nebenrechnungen" eingeführt, interne Verrechnungen für interne Zulieferer aufgesetzt – und damit das Räderwerk komplexer und intransparenter.

Wer diese Prozesse und Entscheidungswege wieder "geräuschlos" zurückbaut, fördert Motivation und Innovationskraft bei seinen Mitarbeitern. Wird Komplexität deutlich reduziert, entsteht neuer Raum für Kreativität.

Schritt 4: Zielgerichtete Ressourcennutzung für Wachstum und Innovation

Es gibt nur eine nachhaltige Quelle für Wachstum und Fortschritt in Unternehmen: Innovation. Wer nicht innoviert, wird in Zukunft marginalisiert.

Relevante Wettbewerbsvorteile entstehen, wenn die Leistungserstellung optimal auf die Marktziele abgestimmt ist. Attraktive Rentabilität kann nur dann erzielt werden, wenn die Aufbau- und Ablauforganisation effizienter und intelligenter als beim Wettbewerb gestaltet ist.

Klar definierte strategische Stoßrichtungen und Prioritäten sichern den zielgerichteten und effektiven Einsatz der begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen.

Fazit: Kein Rückbau ohne Vorwärts-Strategie

Was kennzeichnet nun eine erfolgreiche Restrukturierung im Spannungsfeld Rückbau und Wachstum?

  1. Faktenbasierte Diskussion der Ausgangslage ohne Tabus
  2. Konsequenter Umgang mit Verlustsegmenten und Ineffizienzen in Prozessen
  3. Vorwärtsgerichtete Strategie für Motivation und Bereitschaft zur Umsetzung bei Mitarbeitern, Gläubigern und Gesellschaftern

Auch schon vor Corona hat sich in vielen Branchen eine Abschwächung des Wachstums gezeigt, doch nun sind die genannten Themen aktueller denn je. Denn letztlich ist Corona ein Katalysator für wirtschaftliche Veränderungen und erfordert somit ein zügiges und zielgerichtetes Handeln.

Über den Autor:

Matthias Müller, Dr. Wieselhuber & Partner GmbH (Bild: Dr. Wieselhuber & Partner GmbH)
Matthias Müller, Mitglied der Geschäftsleitung, Dr. Wieselhuber & Partner GmbH
Matthias Müller ist Mitglied der Geschäftsleitung der Dr. Wieselhuber & Partner GmbH. Er verantwortet Projekte rund um Sanierung, Restrukturierung, Finanzierung und Insolvenz. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt dabei einerseits auf der Lösung von komplexen Fragestellungen an der juristisch-betriebswirtschaftlichen Schnittstelle und andererseits auf der pragmatischen Modellierung von komplexen Sachverhalten. Sein branchenseitiger Fokus liegt dabei auf dem Handel, der Automobilindustrie sowie dem Maschinen- und Anlagenbau.

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