Mehr Leistung und Kundenbindung durch Lean Digital Transformation

Beispiel Werkzeugmaschinen-Hersteller

Uwe Weinreich, Gründer von CoObeya, erläutert in diesem Fachartikel, worauf Unternehmen achten sollten, wenn sie mit der Digitalisierung beginnen – insbesondere dann, wenn Automatisierungs- und Fertigungssteuerungssystemen (MES) eingeführt werden. Lesen Sie jetzt, welche acht Prinzipien es dabei zu beachten gibt.

Wenn Sie glauben, dass die Digitalisierung immer teuer und anstrengend ist, irren Sie sich (Bild: vom Autor zur Verfügung gestellt, © Honqi Zhang / 123rf.com)

von Uwe Weinreich

Viele Fertigungsunternehmen beginnen ihre Digitalisierung mit der Einführung von Automatisierungs- und Fertigungssteuerungssystemen (MES). Das kann ein geeigneter Weg sein, aber oft ist es nicht der richtige, manchmal wird daraus sogar eine Verschwendung von Zeit und Geld. Unternehmen, die sich auf den Weg machen zu einer schlanken digitalen Transformation sollten acht Prinzipien im Auge behalten. Ich werde sie Schritt für Schritt an einem Beispiel eines Maschinenbauunternehmens erläutern.

Das Unternehmen und seine Herausforderung

Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, ein Maschinenbauunternehmen zu unterstützen, das vor zwei Herausforderungen stand. Erstens fluteten billige chinesische Imitationen von Ersatzteilen den Markt und zweitens musste ein Weg gefunden werden, in einer digitalen Welt wettbewerbsfähig zu bleiben. Was es noch schlimmer machte, war, dass der Ersatzteilverkauf eine bedeutende Einnahmequelle darstellte und die gefälschten Ersatzteile nicht nur billiger, sondern auch von zumindest akzeptabler Qualität waren. Des Weiteren hatte sich die Digitalisierung erst soweit entwickelt, dass administrative Prozesse abgedeckt wurden und Produkte mit einem CNC-Modul ausgestattet waren. Die Produkte waren aber weder digital konnektiert, noch wurde die Kundeninteraktion digital unterstützt.

Prinzip 1: Von Kunden lernen

Wie jede andere Initiative soll Digitalisierung einen Mehrwert für Kunden schaffen. Wie Wertschöpfung gelingt, lässt sich am besten ermitteln, indem man Kunden zuhört und ihre Probleme und Bedürfnisse identifiziert. Aus diesem Grund haben wir zunächst Interviews mit Kunden durchgeführt und ausgewertet. Eines der Ergebnisse war, dass die Überwachung der Lebensdauer von Verschleißteilen von entscheidender Bedeutung ist. Eine Maschine, die wegen eines relativ billigen Ersatzteils plötzlich zum Stillstand kommt, kann für Kunden ernsthafte Produktionsausfälle bedeuten. Einige Interviewpartner sendeten ein klares Signal, dass jeder Service, der dazu beiträgt, Ausfallzeiten kurz zu halten, belohnt wird.

Die Ergebnisse des Workshops motivierten das Team, gezielt nach Lösungen zu suchen, die sowohl eine digitale Produktverbesserung als auch eine Servicekomponente beinhalten.

Prinzip 2: Spezifisch agieren

Wir begannen, mehrere einfache technische Lösungen zu evaluieren, die den Wert einer Maschine hätten steigern könnten. Die dann ausgewählte Lösung war sowohl einfach als auch kostengünstig. Wir erfuhren, dass die fraglichen Verschleißteile für einen Teil der von der Maschine erzeugten Schwingungen verantwortlich waren. Die Anbringung von Schwingungssensoren an bestimmten Maschinenteilen stellte sich als ein einfacher und kostengünstiger Schritt heraus. Der Anschluss an einen Datenlogger war nicht viel komplizierter. Jetzt hatten wir Prototypen von digital verbesserten und konnektierten Produkten.

Prinzip 3: Intern testen und lernen

Da die Qualitätsabteilung des Unternehmens über eine riesige Sammlung unterschiedlich abgenutzter, beschädigter und verzogener Teile verfügte, konnten wir Vibrationen mit verschiedenen beschädigten Teilen aufzeichnen. Daraus lernen wir, wo die Sensoren am besten platziert werden sollten und welche Sensoren für welchen Zweck geeignet waren. Nebenbei wuchs das Archiv der digitalen Vibrationsstörungsmuster.

Prinzip 4: Datenkenntnis aufbauen und lernen, wie man analysiert

Um ehrlich zu sein, schienen die von uns aufgezeichneten Schwingungsmuster ziemlich chaotisch und von geringem Wert zu sein, weil niemand in der Lage war, sie zu interpretieren. Glücklicherweise fanden wir einen Weg, sie in Darstellungen umzuwandeln, die uns Einsichten ermöglichten. Die Methode nennt sich Fourier-Analyse, ein leistungsfähiges Werkzeug zur Analyse von Wellen. Nach einer Fourier-Transformation erzählten die Darstellungen von Schwingungsmustern den geschulten Menschen eine ganze Geschichte darüber, was vor sich ging.

Das war im Jahr 2007, und wir brauchten immer noch Leute, die entscheiden konnten, ob ein Muster auf ein einwandfreies Funktionieren hinwies oder auf eine Störung bzw. Verschleiß. Heutzutage könnte diese Aufgabe sicherlich einer gut ausgebildeten KI übertragen werden.

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Prinzip 5: Mit Schlüsselkunden lernen

Jetzt hatten wir das, was man einen MVP nennt, ein minimal verkaufbares Produkt (Englisch: minimum viable product). Es war weit davon entfernt, perfekt oder schön zu sein, aber nützlich genug, dass einige Kunden es unbedingt testen wollten. Genau das haben wir getan. Das Ergebnis war ausgezeichnet. Wir erhielten eine Menge wertvoller Daten, die es uns ermöglichten, die Platzierung der Sensoren und die Auswertung der Schwingungsmuster zu optimieren.

Prinzip 6: Ein Produkt oder einer Dienstleistung kreieren, für die Kunden gerne bezahlen

Obwohl die Kunden während eines Kundenworkshops betonten, dass sie gerne für einen solchen Service bezahlen würden, waren wir uns nicht sicher, ob sie dies am Ende auch tun würden. Eine frühzeitige Landingpage, die den neuen Service ankündigte, half dabei es herauszufinden. Wir konnten sofort sehen, wie viele Menschen auf das Angebot reagierten. Die Preise wurden von Zeit zu Zeit automatisch geändert, was uns die Möglichkeit gab, einen fairen Wert für die Dienstleistung zu abzuschätzen. Die Kundenreaktion war besonders dann äußerst positiv, wenn Verringerung der Ausfallzeiten als zentraler Nutzen hervorgehoben wurde.

Prinzip 7: Ein Produkt oder eine Dienstleistung kreieren, die das Unternehmen gerne einsetzt

Profitable Produkte und Dienstleistungen sind nur die ersten Schritte. Um sie kontinuierlich in hoher Qualität zu liefern, bedarf es geschulter Mitarbeiter, einer geeigneten Organisation und einer gut funktionierenden technologischen Basis. Genau genommen war der Einsatz der notwendigen Technologie die am wenigsten anspruchsvolle Aufgabe. Viel schwieriger war es, die Organisation anzupassen und die Mitarbeiter an neue und ungewohnte Arbeitsweisen und Fertigkeiten heranzuführen. Schließlich gelang es uns aber über Workshops und Schulungen, eine neue Serviceabteilung für den digitalen Support aufzubauen.

Prinzip 8: Kontinuierliches Wachstum und Innovation

Das mit Sensoren ausgestattete Produkt und der damit verbundene Service waren nicht das Ende der Geschichte. In einem ersten Schritt wurden Erweiterungspakete verkauft und eingesetzt, allerdings nur einige wenige. Später wurden die Sensoren von Anfang an in die Maschine integriert, was noch mehr und genauere Monitoring-Möglichkeiten bot. Damit gelang es dem Hersteller, sich frühzeitig als Partner in einer digitalen Welt zu etablieren.

Jedes Unternehmen, das Schritte in Richtung digital verbesserte Produkte plus unterstützende Dienstleistungen unternimmt, wird sehen, dass es keinen Endpunkt gibt. Jede einzelne Entwicklung schafft Möglichkeiten für weitere. Manager sollten also die Augen offenhalten und eine Kultur schaffen, die Innovationen unterstützt. Das schafft die beste Chance, sich an neue technologische und marktbezogene Bedrohungen und Herausforderungen anzupassen.

Schlussfolgerung

Im Vergleich zu vielen anderen Digitalisierungsinitiativen war das Beispiel des Maschinenbauers nicht nur sehr kostengünstig, sondern es wurde auch von Anfang an Mehrwert für die Kunden geschaffen. Kundenzentriertheit und ein experimenteller Ansatz waren entscheidend. 

Über den Autor

Uwe Weinreich ist Gründer und Mitglied im Expertennetzwerk CoObeya. Zuvor war der Diplom-Psychologe u.a. Projektmanager und Senior Strategie- und Management-Berater bei der SNPC in Berlin, Geschäftsführer der Weinreich Unternehmensberatung GmbH und Gründer verschiedener Start-Ups im Bereich Mobile-Coaching und B2B Marktplätzen. 

 

cb

Veröffentlicht am: 03.11.2020

 

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