Banken im Transformationsprozess: "Mein Eindruck ist, dass der Weg für jedes Institut noch sehr, sehr lang ist"

Interview mit Matthias Larose, HRpepper

Die deutschen Institute machen Schlagzeilen, wenn sie über Fusionen nachdenken, wenn Trump die Deutsche Bank verklagt oder wenn die Gewinnzahlen der Bankenbranche mal wieder Anlass zur Sorge geben. Aber was passiert im Inneren der Banken eigentlich? Wie reagieren die etablierten Häuser auf die digitale Herausforderung? Und was bedeutet das für die Banken als Arbeitgeber und für deren Mitarbeiter? Wir sprachen darüber mit Matthias Larose. Er ist Partner bei HRpepper Management Consultants in Berlin.

Matthias Larose, Partner HRpepper Management Consultants

Matthias Larose

 

 

 

CONSULTING.de: Herr Larose, Sie kümmern sich bei HRpepper seit vielen Jahren auch um die Bankenbranche. Würden Sie sagen, dass die Banken als große Arbeitgeber eines Tages wieder eine große Zukunft haben? Vielleicht wenn die Zinsen eines Tages wieder steigen? Oder wenn die etablierten Banken ihre Transformationen endlich einmal umsetzen und abschließen?

Matthias Larose: Natürlich ist insbesondere die Bankenbranche abhängig von der Entwicklung am Geld- und Kapitalmarkt. Gerade die aktuelle Unsicherheit darüber, wie das Geschäftsmodell einer Bank langfristig wirtschaftlich erfolgreich ausgerichtet werden kann, hat spürbare und beobachtbare Auswirkungen auf die interne und externe Attraktivität eines Instituts als Arbeitgeber. Banken stehen ja schon seit längerer Zeit vor schwierigen Herausforderungen, da wären zum Beispiel die niedrige und flache Zinsstrukturkurve, das veränderte Kundenverhalten oder der signifikante Einfluss einer zunehmenden Digitalisierung. Da aktuell davon auszugehen ist, dass diese Einflussfaktoren sich nicht kurzfristig in Luft auflösen, muss der Transformationsprozess eigentlich bei jeder Bank schon gestartet sein, um überhaupt noch als ein relevanter Marktteilnehmer eingestuft zu werden. Und dies sowohl aus einer Kundenperspektive als aber auch insbesondere aus einer Mitarbeiter- und Bewerberperspektive. Mein derzeitiger Eindruck ist, dass der Weg für jedes Institut noch sehr, sehr lang ist, um diese Veränderungsanforderung erfolgreich abzuschließen.

CONSULTING.de: Es gibt mehrere Indizien dafür, dass das Bankgewerbe auch in Zukunft gebraucht wird wie Supermärkte, die lebensnotwendiges Essen anbieten. Die Handelsmärkte, der Konsumgütermarkt, die Häuslebauer – alle benötigen Geldinstitute, die für finanzielle Mittel, für Devisen und für eine gesunde Stabilität in der Volkswirtschaft sorgen. Dennoch ist das Image der Banken ramponiert, eine Banklehre hat ihre besten Zeiten hinter sich und wer sein BWL-Studium an einer renommierten Hochschule geschafft hat, geht überall hin, aber eher nicht zu einer Bank. Was ist passiert? Und wie können die Banken wieder zu Top-Arbeitgebern werden?  

Matthias Larose: Ein wesentlicher Einfluss ist sicherlich, dass sich der Umgang und die Versorgung mit Geld oder Kapital sowohl bei Privatpersonen als auch bei Unternehmen komplett gewandelt hat. Beide Kundengruppen sind aufgrund medialer Möglichkeiten viel informierter und damit auch selbstbewusster gegenüber Banken geworden. Auch haben sich unter diesen Gegebenheiten neue Marktteilnehmer mit innovativen Dienstleistungen gegründet und positioniert, die den etablierten Anbietern spürbar das Leben schwer machen. Die Versorgung mit Liquidität und Kapital läuft heute nicht mehr nur über Banken, Sparkassen oder Volksbanken. 

Gleichzeitig hat sich auch der Arbeitsmarkt- von einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmermarkt entwickelt. Gut qualifizierte Mitarbeiter und Bewerber sind ebenfalls selbstbewusster geworden – und das zurecht. Denn sie können sich häufig ihren Arbeitgeber aussuchen. Banken konkurrieren dabei nicht mehr nur mit anderen Banken, sondern über Branchen hinweg. Diese Entwicklung wird sich weiter verschärfen, je digitaler die Geldinstitute werden. Gute UX-Designer oder Online Marketer brauchen alle Organisationen. Den Wettbewerb müssen Banken annehmen und insbesondere an ihrer Unternehmens- und Führungskultur arbeiten. 

CONSULTING.de: HRpepper hilft Organisationen, sich zu transformieren, Strategien für die Zukunft zu entwickeln und gerade im Personalbereich einige Steine zu versetzen. Was erleben Sie in Banken, wenn Sie dort genau solche Dinge tun sollen?

Matthias Larose: Auch in Banken ist natürlich jetzt die Einsicht bereits angekommen, dass die Menschen in der Organisation ein zentraler Erfolgsfaktor für die weitere Unternehmensentwicklung sind. Dass damit auch automatisch ein anderes Verständnis von HR als strategischer Partner auf Augenhöhe besteht, ist sicherlich eher noch Anspruch als Realität. Es gibt aber häufig erhebliche Anstrengungen, diesen Anspruch zumindest perspektivisch besser zu erfüllen. Wir erleben in unseren Beratungsprojekten ganz häufig, dass es bei dieser Herausforderung auch ganz viel um Akzeptanz und Qualität der von HR erbrachten Beratungs- und Produktdienstleistungen geht. Je öfter eine sehr hohe Leistungsqualität des Personalmanagements in einer Organisation erlebbar und spürbar wird, desto einfacher wird die Entwicklung in Richtung eines strategischen und akzeptierten Partners. Nicht zuletzt muss es allerdings auch die Führungskultur der Organisation zulassen, dass HR in diese Rolle hineinwachsen kann. Hierzu braucht es ganz viel Unterstützung und Commitment aller Führungsebenen, insbesondere aber vom Top-Management.

CONSULTING.de: Banken probieren ja aktuell einiges aus. Filialen werden geschlossen, andere gründen neue schicke kleine City-Filialen, die mehr an Starbucks als an Bankfiliale erinnern. Es gibt Startups, die die komplette Kontoführung zu einem Bruchteil früherer Gebühren übernehmen und meine Anfrage mit Hilfe von Chatbots beantworten. Wird das Bestand haben und wenn ja: Würden Sie sagen, dass man als Schulabgänger den Blick wieder mehr in Richtung Banken und Fintechs lenken sollte, weil dort Großes und Spannendes passiert? Und wenn ja: Wie würden Sie sagen, sieht heute eine ideale Karriere in der Finanzwelt aus? Was soll ich studieren? BWL oder eher Programmieren?

Matthias Larose: Tatsächlich sind Startups und Fintechs zu ernst zu nehmenden Wettbewerbern von etablierten Banken und Finanzdienstleistern geworden. Das ist zum einen an neuen Entwicklungsanforderungen an den Geschäftsmodellen zu beobachten. Zusätzlich ist insbesondere bei jüngeren und digitalaffinen Bewerbern erkennbar, dass der Purpose der Arbeit wichtiger geworden ist. Zusätzlich spielen hinsichtlich der Arbeitgeberwahl Flexibilität und Freiräume in der täglichen Arbeit eine große Rolle.  Bei solchen Themen haben Fintech-Startups gegenüber den etablierten Anbietern Vorteile. Auch sind Gehalt und Karriereperspektiven natürlich nach wie vor wichtig, allerdings nicht mehr die zentralen Bindungsfaktoren. 

Auffällig ist, dass die Bedeutung der Berufsausbildung als Bankkaufmann/-frau abnimmt. Neben der IT-Entwicklung wird die Branche sicherlich insbesondere durch die Produktentwicklung von neuen und innovativen Finanzdienstleistungsangeboten maßgeblich getrieben. Demzufolge geht es nicht nur um eine Ausbildung mit einem signifikanten IT-Bezug. Auch ein unternehmens- und innovationsorientiertes Denk- und Arbeitsmuster wird heute bei Bewerbern gerne gesehen – von allen Anbietern. Und gerade Letzteres wird nicht immer nur an Universtäten oder Hochschulen vermittelt.

CONSULTING.de: Tut man den Banken eigentlich unrecht, wenn man ihre Strukturen noch immer als verkrustet bezeichnet? Wie modern und agil sind unsere Großbanken? Hat sich da in den Managementetagen genug getan? 

Matthias Larose: Hier hat sicherlich der neue Wettbewerb durch Startups bzw. Fintechs für eine beschleunigende Einsicht auch auf den Managementetagen gesorgt. Dennoch muss man natürlich respektieren, dass eine Transformation einer größeren Organisation auch eine längere, zeitliche Umsetzungsdauer erfordert. Im Gegensatz zu kleinen Organisationen sind hier vor allem Geduld und langer Atem gefragt, damit Veränderungen in Richtung mehr Agilität auch kein Strohfeuer sind, sondern eine langfristige Verhaltensänderung im Auftreten und in Entscheidungsprozessen darstellen. Da tut sich tatsächlich etwas. Aber am Ende zählt nur das beobachtbare Ergebnis, und nach meiner Einschätzung ist noch viel Entwicklungs- und Veränderungspotential in der Bankenbrache vorhanden.

CONSULTING.de: Vielen Dank, Herr Larose, für das Gespräch!

Das Interview führte Tilman Strobel

Veröffentlicht am: 16.07.2019

 

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