Bilanzanalyse: wichtiges Puzzleteil bei Unternehmens- und Marktanalysen

Das Interview zum Web-Seminar am 14.07.2020

Wie funktioniert eigentlich eine Bilanzanalyse? Und was kann ich damit über mein Unternehmen und den Wettbewerb herausfinden? Bert Erlen, Experte für Finanzielle Führung, bringt es Ihnen im Webinar am 14.07. bei. Im Kurzinterview vorab erfahren Sie, warum Jahresabschlüsse für ihn das Gegenteil von staubtrocken sind.

Bert Erlen, Experte für Finanzielle Führung

Bert Erlen

Im Webinar am 14. Juli geht es um das Thema Bilanzanalyse. Bilanzanalyse klingt für mich als Laie staubtrocken. Was begeistert Sie daran?

Bert Erlen: Ein Jahresabschluss ist nicht staubtrocken, ganz im Gegenteil! Er ist wie ein offenes Buch über die Situation des Unternehmens. Denn er gibt einen sehr genauen Hinweis darauf, wie es dem Unternehmen und seinen Stakeholdern geht. Zum Beispiel den Mitarbeitern: Wenn ein Unternehmen weniger profitabel ist als seine Wettbewerber, ist der Kostendruck höher, was wiederum eine große Belastung für die Unternehmenskultur darstellt.

Es wird um die Frage gehen, was der Jahresabschluss über ein Unternehmen und sein Wettbewerbsumfeld verrät. Dass der Jahresabschluss etwas über das eigene Unternehmen verrät, liegt auf der Hand. Was kann ich denn darüber hinaus über meine Wettbewerbssituation herausfinden?

Bert Erlen: Der Jahresabschluss ist nur im Vergleich aussagekräftig. Und zwar im Vergleich mit den anderen Marktteilnehmern. Wie sich das Unternehmen auf seinen Absatzmärkten aufstellt, zeigt mir zum Beispiel die Umsatzrendite. Ist sie bei BMW höher als bei Daimler, kann das an höheren Verkaufspreisen liegen (unwahrscheinlich), an einer höheren Absatzmenge (auch unwahrscheinlich) oder an geringeren Kosten für Produktion und Verwaltung (wohl am ehesten). Besonders aussagekräftig ist daher die vergleichende Analyse von sehr ähnlichen Unternehmen wie Aldi und Lidl, Airbus und Boeing, Lufthansa, Emirates und Air France, Roche und Novartis etc.

Das gilt übrigens auch unternehmensintern: Bei den Autoherstellern müssen sich die verschiedenen Werke um die Produktion einer neuen Baureihe bewerben. Und weil Qualität und Produktentwicklung für alle gleich sind, geben die Kosten den Ausschlag. Da ist es gut, seine Kostenstruktur zu kennen, um sich gut positionieren zu können.

Aktuell stehen viele Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. Deshalb dürfte gerade derzeit neben dem Wettbewerb vor allem die Frage interessieren, ob ein krisengebeuteltes Unternehmen auch in einem halben Jahr noch existiert. Um das herausfinden zu können, stellen Sie fünf Analyseebenen vor. Welche sind das und worüber geben sie Aufschluss?

Bert Erlen: Bei der Frage der Unternehmensexistenz und der finanziellen Solidität geht es vor allem um die Eigenkapitalquote oder das Verhältnis des Eigenkapital zu den Finanzverbindlichkeiten. Je mehr Eigenkapital ein Unternehmen hat, desto resistenter ist es gegen Insolvenz.

Neben dieser Finanzierungsebene schauen wir auf die Struktur des Vermögens, auf den Umsatz, die Profitabilität und die Liquidität bzw. den Cashflow. Das Vermögen gibt mir Auskunft darüber, mit welcher Substanz das Unternehmen zukünftig sein Geld verdient und Cashflow generieren wird. Produziert es selbst oder ist viel outgesourct? Steckt viel Know-how in den immateriellen Vermögensgegenständen, ist das Unternehmen innovationsstark? Wie hoch sind die Vorräte, die Forderungen an Kunden und die Kasse und warum?

Beim Umsatz ist besonders wichtig, ob das Unternehmen im Vergleich mit seinen Wettbewerbern eher groß oder eher klein ist. Große Unternehmen haben erhebliche Kostenvorteile, die viel beschworenen Economies of Scale. Und wenn der Umsatz stärker steigt als der Markt insgesamt, wächst das Unternehmen.

Im Rahmen der Profitabiliät untersuchen wir die Vertriebsstärke und die Kosteneffizienz, die sich hoffentlich in auskömmlichen Cashflows manifestieren. Bei der Cashflowanalyse ist darüber hinaus interessant, ob das Unternehmen die Rückzahlungsansprüche seiner Kapitalgeber decken kann.

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Können Sie aus Ihrer Erfahrung einen Fall schildern, bei dem Sie durch solch eine Analyse etwas herausgefunden haben, was bislang nicht auf der Hand lag, für die strategische (oder kurzfristige) Ausrichtung aber fundamental wichtig war?

Bert Erlen: Der Daimler-Konzern stand jahrelang sehr gut da. Nicht ganz so profitabel wie BMW, aber immer noch profitabler als der von der Dieselkrise gebeutelte VW-Konzern, als PSA oder Ford. Als aber der neue Vorstandsvorsitzende Ola Källenius seinen Posten antrat, war plötzlich von erheblichen Risiken die Rede. Hohe Rückstellungen belasten nun die Profitabilität – übrigens ohne die Cashflows zu belasten, ein gewollter Nebeneffekt.

Der Thyssenkrupp-Konzern hat in den letzten zehn Jahren einen beispiellosen Niedergang erleben müssen. Und dieser Niedergang ließ sich in den Jahresabschlüssen genau nachvollziehen. Thyssenkrupp hat in den Bau von Stahlwerken investiert, was die operativen Cashflows über viele Jahre erheblich belastet hat. Nach Fertigstellung waren die Stahlwerke aber nicht so profitabel wie ursprünglich geplant, so dass sich die Investition nicht auszahlen konnte. In der Folge waren die Free Cashflows nachhaltig negativ, wodurch die finanzielle Solidität deutlich gelitten hat. Bis an den Rand der Insolvenz.

Wirecard war der große Börsenstar, unglaublich profitabel. Nun zeigt sich, dass offenbar die Hälfte des Vermögens nicht existierte. Gegen Betrug ist auch eine Bilanzanalyse nicht gefeit, der Profitabilitätsvergleich mit anderen Zahlungsdienstleistern hätte aber ein Warnzeichen sein können.

Wozu befähigt mich das Webinar? Für wen ist es gedacht? Können auch vermeintliche Profis noch etwas lernen oder sind Fachfremde, die sich lieber auf ihre eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten verlassen, als einen Controller anzurufen, die Adressaten des Webinars?

Bert Erlen: Das Webinar setzt keine Vorkenntnisse voraus und richtet sich an alle, die einen Jahresabschluss als Instrument nutzen möchten, um ein Unternehmen besser zu verstehen. Ein Berater kann Ansatzpunkte für strategische oder operative Beratungsfelder ableiten, ein Unternehmer kann sein Innovationspotential und seine finanzielle Solidität analysieren, eine Führungskraft kann erkennen, wie sie ihre Führungsleistung durch finanzielle Führung verbessern kann und ein Mitarbeiter bekommt Hinweise auf das Gehaltssteigerungspotential und auf die Unternehmenskultur. Die Analyse eines Jahresabschlusses ist ein wichtiges Puzzleteil im Rahmen einer Unternehmens- und Marktanalyse.

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Wie vermitteln Sie die Inhalte? Frontaltheorie oder Interaktionspraxis?

Bert Erlen: Ich stelle die Checkliste mit den fünf Analyseebenen vor, die wir dann anhand eines aktuellen Beispiels durcharbeiten. Vielleicht Daimler oder Thyssenkrupp, vielleicht Tesla, Apple oder Wirecard, oder vielleicht ein mittelständisches Handwerksunternehmen. Die Teilnehmer können mir im Vorfeld per Mail gerne Vorschläge für Unternehmen, die sie gerne analysieren würden, zusenden.

Wir berechnen reale Kennzahlen und interpretieren diese. Als Experte für Finanzielle Führung möchte ich, dass insbesondere Führungskräfte die Bedeutung des Jahresabschlusses für ihre eigene Führungspraxis erkennen und nutzen können. In diesem Sinne freue ich mich, wenn wir im Webinar oder auch danach in einen Dialog treten können.

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