Das Scheitern von Großbauprojekten - Wer übernimmt Verantwortung in der Politik?

Interview mit Frank Uekötter zu seinem Buch "Der Deutsche Kanal"

CONSULTING.de sprach mit Frank Uekötter über sein Buch "Der Deutsche Kanal - Eine Mythologie der alten Bundesrepublik". Anhand des Elbe-Seitenkanals versucht Frank Uekötter offenzulegen, wie es zu aus dem Ruder gelaufenen Großprojekten wie dem Elbe-Seitenkanal, BER Flughafen oder auch der Elbphilharmonie kommt und wie solche Fiaskos hätten verhindert werden können.

Elbphilharmonie Hamburg
Auch der Bau der Elbphilharmonie in Hamburg lief alles andere als glatt. (Bild: Pixabay)

Sie ziehen Ihre Mythologie am Beispiel des Elbe-Seitenkanal auf, der den meisten von uns gänzlich unbekannt sein dürfte. Warum hat es Ihnen der Elbe-Seitenkanal angetan?

Frank Uekötter: Tatsächlich ist dieser Kanal so reizvoll, weil er völlig unspektakulär ist. Das ist wie im Laborversuch: Erst wenn man alle störenden Faktoren ausschaltet, kann man sehen, wie es läuft. Dann wird der Kanal plötzlich zum Mikrokosmos der alten Bundesrepublik.

Der Deutsche Kanal - Mythologie der alten Bundesrepublik

Was hat es mit der Kunst der organisierten Verantwortungslosigkeit auf sich?

Frank Uekötter: Der Elbe-Seitenkanal war eine Fehlinvestition mit Ansage: Jeder konnte in den fünfziger und sechziger Jahren wissen, dass sich die Sache nicht lohnen würde. Aber als er fertig war, wurde dafür niemand zur Rechenschaft gezogen - und auch nicht dann, als fünf Wochen nach der Eröffnung das Wasser auslief. Mein Buch ist im Kern der Versuch zu verstehen, wie so etwas möglich ist. Eigentlich ist die Bundesrepublik ja keine Bananenrepublik. 

Es gibt ja aktuell zahlreiche ausufernde Projekte, die spontan an den Elbe-Seitenkanal erinnern, wie z.B. den BER, die Leverkusener Brücke, der Stuttgarter Bahnhof, die Kölner Oper oder die mittlerweile fertiggestellte Elb-Philharmonie. Warum passieren solche Fiaskos mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder?

Frank Uekötter: Die Amerikaner kennen den schönen Ausdruck "too many fingers in the pie": Wenn sich Verantwortung auf viele Schultern verteilt, wird es schnell finster. Eine echte Plage ist die Kofinanzierung. Der Elbe-Seitenkanal wäre nie gebaut worden, wenn Hamburg als einziger Interessent ihn hätte bezahlen müssen. Aber Hamburg trug nur ein Drittel der Kosten. Der Rest kam vom Bund.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach am System ändern?

Frank Uekötter: Wichtig wären mehr "Watchdog"-Institutionen: also unabhängige Einrichtungen, die Pläne und Kalkulationen kompetent bewerten können und dafür bezahlt werden, dass sie ihre Stimme erheben. Bislang läuft es nämlich meist umgekehrt: Obstruktion lohnt sich nur taktisch, als Verhandlungsmasse für den nächsten Kompromiss. Im Krieg bekommt man für heldenhaften Widerstand einen Orden, aber bei den ständigen Verhandlungen auf allen Ebenen, die die deutsche Politik prägen, ist man damit mit Prinzipientreue ein Idiot.

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Sie stellen die Fragen nach Sanktionsmöglichkeiten für Institutionen, wenn es um Fehlentwicklungen in der Wirtschafts- und Verkehrspolitik gibt. Sie schreiben von der "Verantwortungslosigkeit gesichtsloser Expertensysteme". Welche Rolle spielen die fehlenden Sanktionsmöglichkeiten?

Frank Uekötter: Kennen Sie jemanden aus der Binnenschifffahrt? Da arbeiten in Deutschland weniger als 10.000 Menschen. Die kennen sich und halten zusammen - und niemand schaut ihnen auf die Finger. Denn wer genug Ahnung hat, um ihre Arbeit zu beurteilen, ist in aller Regel Teil des Systems. Da werden kritische Fragen sehr schnell karrieregefährdend.

Bei solchen Großprojekten sind in der Regel zahlreiche Beratungsgesellschaften eingebunden. Gibt es dort gewisse Muster, die Ihnen aufgefallen sind?

Frank Uekötter: Der Elbe-Seitenkanal wurde in der großen Zeit der Staatswirtschaft gebaut. Es gibt es keinen Grund zur Nostalgie. Kurz vor der Eröffnung machte der bundeseigene Salzgitter-Konzern einen Deal mit der Bundesbahn, mit dem 80 Prozent der fünf Millionen Tonnen Eisenerz pro Jahr auf die Schiene wanderten. Ob das mit Beratern anders gelaufen wäre? Kommt wohl ganz auf die Berater an.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über die "Macht der Bundesländer als eine Dauerbaustelle im politischen System". Warum ist das eine Dauerbaustelle?

Frank Uekötter: Eigentlich habe ich erst durch die Arbeit an diesem Buch verstanden, was Föderalismus in der Bundesrepublik ist. Man kennt die Folklore und die Eigenbrötelei der Kultusbürokraten, aber eigentlich ist der Föderalismus ein riesiges System ewiger Verhandlungen. Das funktioniert wie eine Wurstmaschine: Man schnürt ständig Pakete mit Kompromissen, weil es halt sein muss. Es liegt nur an der Geschmeidigkeit der Verhandlungspartner, dass dieser Föderalismus seit 70 Jahren funktioniert.

Frank Uekötter, 2020
Frank Uekötter
(Bild: © Frank Uekötter)
Zur Person: Die Arbeitsschwerpunkte von Prof. Frank Uekötter sind die Umwelt- und Agrargeschichte, die Geschichte von Wissenschaft und Technik sowie die geisteswissenschaftliche Umweltforschung. Er wurde 1970 in Münster geboren. Sein Studium der Geschichte, Sozialwissenschaften und Politikwissenschaften absolvierte er in Freiburg im Breisgau, Bielefeld und Baltimore. Uekötter ist seit 2013 Dozent für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Birmingham und schreibt regelmäßig über umweltpolitische Themen für Focus Online.

sh

Veröffentlicht am: 18.06.2020

 

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