"Die dritte Revolution im Luftfahrtbereich"

Interview Manfred Hader, Roland Berger, zur E-Mobilität im Luftverkehr

Noch steht nicht fest, wann die Elektrifizierung des Autos endlich ihren Durchbruch feiert, da wird schon Richtfest bei der nächsten E-Revolution gefeiert. Das behaupten jedenfalls die Experten von Roland Berger, die weltweit 70 Elektromodellprojekte für Flugzeuge unter die Lupe genommen und jetzt eine Studie vorgelegt haben. Wir sprachen mit Manfred Hader, er ist Senior Partner von Roland Berger.

Manfred Hader, Roland Berger

Manfred Hader, Roland Berger

Das Fazit der Berater ähnelt der Situation in der Autoindustrie: Die Frage sei nicht mehr, ob Flugzeuge künftig mit E-Antrieb fliegen, sondern nur, wann es Normalität wird. Einen Unterschied haben die Berater jedoch ausgemacht: Ausgerechnet im Flugzeugmarkt, in dem die Entwicklungskosten in der Regel besonders hoch sind und daher auch als "Sunk Costs" bezeichnet werden, sind es vor allem kleine Start-Ups, die Projekte vorantreiben. Die großen Hersteller halten sich noch bedeckt.

 

CONSULTING.de: Herr Hader, es hat mich dann doch überrascht, dass die Elektromobilität im Luftfahrtbereich überhaupt schon eine solch große Rolle spielt, dass Roland Berger mit diesen hochfliegenden Plänen eine ganze Studie füllen kann. Warum haben Sie sich damit überhaupt beschäftigt?

Manfred Hader: Elektrische Antriebe für Flugzeuge sind die dritte Revolution im Luftfahrtbereich und sie haben das Potenzial, sowohl die gesamte Industrie als auch die Wertschöpfungskette massiv zu verändern. Dabei wird sich vor allem die Art der Zusammenarbeit zwischen Zulieferern und Flugzeugherstellern ändern, da mehr und mehr Systeme durch elektrische Systeme ersetzt werden. Aber auch die Art, wie Menschen künftig reisen ist hiervon betroffen. Durch E-Flugzeuge werden komplett neue Mobilitätslösungen entstehen, wie etwa Urban Air Taxis.

CONSULTING.de Überraschend ist auch die Feststellung, dass sich die großen Flugzeugbauer noch zurückhalten. In Deutschland baut die Post inzwischen erfolgreich E-Autos, weil es die großen Hersteller offenbar nicht so richtig wollten, warum wiederholt sich Ähnliches im Flugverkehr?

Manfred Hader: Es ist nicht so, dass die großen Flugzeughersteller das Thema ignorieren. Es gibt bereits einige Pilotprojekte, allerdings hat die Luftfahrtindustrie traditionell lange Vorlaufzeiten im Gegensatz zu den neuen Start-Ups, die aufgrund ihrer Strukturen und Prozesse sehr viel agiler sind und daher anders arbeiten können. 60 Prozent aller Projekte für elektrische Flugzeugantriebe weltweit werden momentan von Start-Ups und unabhängigen Entwicklern durchgeführt, nur rund 15 Prozent von den großen Flugzeugherstellern.

CONSULTING.de: Es sind also die kleinen Start-Ups, die tüfteln, rechnen und schrauben. Woher nehmen die das Geld?

Manfred Hader: In erster Linie von Privatinvestoren, aber auch – und das ist besonders interessant – von der Automobilindustrie. Für die Autohersteller ist dieses Engagement mit geringem Risiko verbunden und sie können in eine zukünftige Technologie investieren, die auch ihre Industrie betreffen könnte.

CONSULTING.de: Auf deutschen Straßen drohen Fahrverbote. Wie groß ist der Druck, auch die Lüfte sauberer werden zu lassen? Immerhin wird es in Zukunft eher mehr als weniger Flugbewegungen geben.

Der Druck ist groß und die Regularien werden strenger

Manfred Hader: Natürlich ist auch hier der Druck groß und die Vorgaben und Regularien werden immer strenger. Ohne technische Innovationen wird sich der Anteil der Luftfahrt am globalen Treibhausgas-Ausstoß bis 2050 vervierfachen. Die Luftfahrtindustrie muss deshalb ihre Bemühungen für elektrisch betriebene Flugzeuge verstärken, sei es durch eigene Entwicklungen oder durch Kooperationen mit Dritten.

CONSULTING.de: Wie groß ist hier der Kuchen, der im kommenden E-Flugverkehr unter den Herstellern zu verteilen ist?

Manfred Hader: Es kommt darauf an, welchen Markt man betrachtet. Für elektrische Leichtflugzeuge soll der Markt bis 2023 auf 100-140 Millionen Dollar wachsen. Für Air-Taxis gibt es noch keine eindeutigen Prognosen.

CONSULTING.de: Sie haben sich mit vielen Start-Ups unterhalten und sich Technologien erklären lassen. Woher nehmen die kleinen Firmen das Wissen, die Revolution des Flugzeugbaus anzugehen und sich dabei vielleicht auch gegen Airbus und Boeing zu stellen?

Manfred Hader: Viele Studienteilnehmer haben vorher bei einem der großen Flugzeughersteller gearbeitet und wissen, worauf es ankommt. Sie alle sehen das enorme Potenzial und die Notwendigkeit für elektrisch betriebene Flugzeuge. Aber auch die Markteintrittsbarrieren sind gesunken, weil die Kosten, etwa für ein kleines Ultraleichtflugzeug, sehr viel geringer sind und damit auch kleinere Flugzeugbauer eine Chance am Markt haben. Aber: die Zertifizierung wird hierdurch nicht einfacher. Hier sehen wir vor allem für die neuen Marktteilnehmer eine große Hürde. Denn es gibt weltweit nur wenige Experten, die über ein solches umfangreiches Know-how verfügen.

CONSULTING.de: Vielen Dank, Herr Hader!

Die Studie "Aircraft Electrical Propulsion – The Next Chapter of Aviation?" kann unter diesem Link  heruntergeladen werden.

Das Interview führte Tilman Strobel

Veröffentlicht am: 16.07.2018

 

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