„Die Gewinner sind jetzt die Kommunikationsstarken. Das Positive daran: Kommunikation kann man lernen.“

Psychologie der digitalen Kommunikation

Was genau macht digitale Kommunikation mit uns Menschen? Und welche Stolpersteine lauern dabei auf uns? Dazu hat Professor Matthias Johannes Bauer ein Buch geschrieben. Im Interview nennt er die wichtigsten Learnings für eine gelingende digitale Kommunikation.

Die Psychologie der digitalen Kommunikation (Bild: Dima Pechurin - unsplash)

Wie kamen Sie auf die Idee ein Buch über die Psychologie der digitalen Kommunikation zu schreiben? Ist dazu nicht längst alles gesagt und geschrieben worden? 

Matthias Johannes Bauer: Gesagt und geschrieben wurde da bestimmt schon viel. Die meisten Bücher zur digitalen Kommunikation sind aus Marketingsicht, weitere kritisieren den daraus resultierenden Konsum und was dieser mit der Gesellschaft macht. Aber was macht digitale Kommunikation mit uns Individuen, mit uns Menschen? Ich glaube, dass die Perspektive des Rezipienten bisher zu wenig beleuchtet wurde. Und das halte ich für unverzichtbar! Deshalb fokussiert sich auf diese Facette der digitalen Kommunikation eine der Lehrveranstaltungen im Master Kommunikationsmanagement an der IST-Hochschule. Das hohe Interesse der Studierenden an dem Thema hat uns inspiriert, die Lehrinhalte zu erweitern und ein Buch daraus zu machen. 

Was sind die größten Stolpersteine bzgl. digitaler Kommunikation, in die wir Menschen immer wieder reintappen? 

Matthias Johannes Bauer: Ich denke, häufig wählen wir zu flüchtig die falschen Kanäle für die falschen Themen. Körpersprache, Mimik, Gestik – all das fällt in digitalen Kanälen schnell weg. Der Kanal sollte deshalb dem Thema und der Nachricht angepasst sein. Überspitzt gesagt: Ein Mitarbeitergespräch sollte nicht im Chat eines Messengers geführt werden und die Mitteilung einer Deadline an die studentische Hilfskraft muss nicht als persönliches Gespräch im Sitzungssaal der Hochschule stattfinden. Als Faustregel kann gelten: Je komplexer das Thema desto „reichhaltiger“ an Informationen sollte das Medium sein. Davon handelt die so genannte Media-Richness-Theorie

Darüber hinaus sind manche Kommunikationswege für den Sender angenehmer, manche für den Empfänger. Eine Sprachnachricht beispielsweise ist schnell aufgenommen, während das Tippen ein wenig dauert und umständlich ist. Der Empfänger dagegen kann eine Nachricht wesentlich schneller und ungestörter lesen als abhören. Das sollte man mitdenken, vor allem wenn man auf das Ergebnis der Kommunikation angewiesen ist und man bei seinem Gegenüber etwas erreichen will.  

Wie kann man sich selbst fit machen für digitale Kommunikation? Welche Dinge sollte man trainieren?  

Matthias Johannes Bauer: Neben dem bereits genannten Informationsverlust, der mit digitaler Kommunikation einher geht und oft zu Missverständnissen führt, sollte man hinterfragen, welches Wirtschaftsmodell einer App zu Grunde liegt. Vereinfacht gesagt, verdienen die Anbieter entweder über den Verkauf ihrer App im App-Store, über die eingeblendete Werbung in der App selbst oder eben über den Handel mit den durch die App erhobenen Daten. Was die sozialen Medien angeht, liegt auch hier in nahezu allen Fällen ein Ziel des Senders zu Grunde. Posts und Kommentare können von reinen Marketing-Zwecken bis zum politischen Aktivismus reichen, aber bei Privatpersonen auch der Selbstbestätigung und dem sozialen Erfolg dienenDer Selbstzweck der Information ist häufig zumindest nicht die einzige Motivation der Kommunikation. Das alles sollte man sich stets vor Augen führen. 

Sie beschreiben in dem Buch auch, wie die Optimierung für Suchmaschinen die Formulierung von Texten beeinflusst. Wie bewerten Sie diese Mechanismen? Welche Effekte kommen dadurch mittelfristig auf uns zu? 

Matthias Johannes Bauer: Sprache verändert sich und hat sich auch schon immer verändert. Bei Online-Texten treten die Sprachästhetik und der Sprachduktus zunehmend zugunsten von suchmaschinenoptimierten Formulierungen in den Hintergrund. Je häufiger einzelne Begriffe bei Google und Co. gesucht werden, desto mehr kommen diese auch geplant zum Einsatz.  

Im Buch zeigen wir die Schattenseiten, denn der Google-Algorithmus ist vereinfacht gesagt schlichtweg frauenfeindlich. Das ist aber kein Vorsatz, sondern einfach der anglo-amerikanischen Grammatik geschuldet, die dem zu Grunde liegt und in aller Regel beide Geschlechter bei Berufsbezeichnungen einschließt. In Zeiten geschlechtergerechter Sprache ist der Sachverhalt besonders bitter, dass wir Menschen hierzulande üblicherweise einen Tierarzt, nicht aber eine Tierärztin googelnDas kann weitreichende Folgen für das Online-Marketing einer Selbstständigen haben. 

Vielfach wird über den Zerfall der Debattenkultur in Deutschland gesprochen: Gibt es Ihrer Meinung nach einen Zusammenhang zur Psychologie der digitalen Kommunikation? Wenn Ja, können Sie den Zusammenhang bitte beschreiben? 

Matthias Johannes BauerDa gibt es durchaus Zusammenhänge. Menschen beispielsweise fühlen sich im Netz anonymer und führen Debatten dadurch häufig völlig anders. Dieses Phänomen nennt man DeindividuationEs führt bei einigen Menschen zu Hasskommentaren und weiterem unpassendem Verhalten. Auf der anderen Seite der Debattenqualität liegen Aspekte wie das Sammeln von Likes und ähnlichem. Hier passiert das Gegenteil: Kommentare werden weichgespült bis sie der Meinung der breiten Masse entsprechen und dadurch möglichst viele Likes sammeln. Beide Phänomene dürften einer echten Debattenkultur wenig förderlich sein. 

Sie zählen Videokonferenzen nicht zur digitalen Kommunikation. Nichtsdestotrotz haben Sie darauf sicherlich einen fachmännischen Blick. Welche Besonderheiten in der Kommunikation sehen Sie hier? 

Matthias Johannes Bauer: Doch, doch. Videokonferenzen gehören klar zur digitalen Kommunikation. Die Media-Richness-Theorie noch einmal aufgreifend wäre nur zu diskutieren, ob Videokonferenzen nicht mehr Merkmale analoger als digitaler Kommunikation aufweisen. Körpersprache und Mimik werden zumindest in Ansätzen übertragen. Trotzdem brechen auch hier Informationen weg. Gerade während der Corona-Lage erleben wir interessante Phänomene in der digitalen Kommunikation: Analoge Meetings strotzen vor symbolischen Handlungen, wie beispielsweise die Hierarchie, wer wo sitztDas Platzhirsch-Gehabe beim Betreten des Raums, das breitbeinige Sitzen als non-verbaler Akt von Territorialverhalten und Machtanspruch – all das fällt bei der Videokonferenz weg. Das kann schlimmstenfalls ganze Hierarchie- und Machtsysteme ins Wanken bringen. Die Gewinner sind jetzt die Kommunikationsstarken. Das Positive daran: Kommunikation kann man lernen. 

Prof. Dr. Matthias Johannes Bauer, IST-Hochschule für Management (Foto: Jacqueline Wardeski) 
Zur Person: Matthias Johannes Bauer leitet den Masterstudiengang Kommunikationsmanagement an der IST-Hochschule für ManagementEr ist volontierter JournalistGermanist und WirtschaftswissenschaftlerBauer forscht und lehrt vor allem in den Bereichen Kommunikationsmanagement, Marketing und WirtschaftspsychologieMit seinem Co-Autor Tim Müßle hat er gerade das Buch „Psychologie der Digitalen Kommunikation“ beim utzverlag veröffentlicht. 

cb

Veröffentlicht am: 13.05.2020

 

Über CONSULTING.de

consulting.de ist das zentrale Informationsportal für Unternehmensberatungen. Unser breites Informationsangebot rund um Consulting richtet sich sowohl an Management- und Strategieberatungen, Personalberatungen, Controlling- und Finanzberatungen, Wirtschaftsprüfungen, Marketing- und Kommunikationsberatung und IT-Beratungen als auch deren Kunden aus Industrie, Handel sowie Dienstleistung.

facebook twitter xing linkedin linkedin