"Zunächst einmal muss man anerkennen, dass Unsicherheit vorhanden ist und per se nicht negativ ist."

Real Time Strategy, die Autoren im Interview

Der Begriff "Real Time Strategy" ist ein Widerspruch in sich. Doch angesichts volatiler Märkte, einer Flut von Daten & Informationen und zunehmender Komplexität stellt sich die Frage, wie Manager ein Unternehmen strategisch führen können. Dr. Florian Klein, Dr. Frank Becker und Andreas Schühly haben sich in dem Buch "Real Time Strategy" damit auseinandergesetzt, wie Unternehmen aktuell strategische Entscheidungen treffen können und welche Rolle KI dabei spielen kann.

Frank Becker, Florian Klein und Andreas Schühly im Interview zu ihrem Buch "Real Time Strategy"
Frank Becker, Florian Klein und Andreas Schühly (von links) im Interview zu ihrem Buch "Real Time Strategy"

Der Titel des Buches ist groß gewählt - "Real Time Strategy": Wie Echtzeit ist Echtzeit für Sie und wie hat sich die Definition aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren verändert?

Florian Klein: Echtzeit bedeutet für uns das Hier und Jetzt, verbunden mit dem Blick in die nahe Zukunft, um möglichst vorausschauende Entscheidungen in Echtzeit zu ermöglichen. Insbesondere durch den technologischen Fortschritt hat sich die Bedeutung des Begriffs stark gewandelt. Nehmen Sie zum Beispiel Nachrichten, die in der Vergangenheit zeitverzögert ankamen, zum Beispiel in Form der 20-Uhr-Tagesschau oder in der Zeitung am nächsten Morgen. Heute erhalten wir viele Nachrichten über Liveübertragungen, Onlinefeeds oder soziale Medien in Echtzeit. Dies macht einen wichtigen Aspekt von Real Time Strategy deutlich: die Demokratisierung und nahezu allgegenwärtige Verfügbarkeit von Wissen. Die Grundlagen der traditionellen, statischen Strategie haben immer noch ihre Berechtigung, aber unsere Welt ist deutlich schnelllebiger geworden und KI-gestützte Echtzeit-Strategien gewinnen an Bedeutung.

Sind "Real Time" und "Strategy" nicht zwei Dinge, die sich diametral gegenüberstehen. Wie kann eine langfristige Strategie real-time sein?

Andreas Schühly: Sie haben recht, auf den ersten Blick wirkt das wie ein Widerspruch. Unser Ansatz basiert auf Szenarioplanung, die bei langfristigen, strategischen Fragestellungen aktuelle und zukünftige Unsicherheiten stark in Betracht zieht. Angesichts einer Flut von Fakten, Zahlen und Meinungen aus zum Teil unzuverlässigen Quellen ist es für Entscheidungsträger schwer, den Überblick zu behalten. Wir empfehlen daher, KI-basierte Tools zur Unterstützung heranzuziehen. Bei der Entwicklung einer langfristigen Strategie kann uns Künstliche Intelligenz helfen, unsere Umgebung in Echtzeit wahrzunehmen und somit frühzeitig Trends zu identifizieren. So können wir das Hintergrundrauschen an irrelevanter Information herausfiltern und uns auf die Ereignisse fokussieren, die eine Anpassung der Strategie erfordern. Entscheider können auf diese Weise komplexe Herausforderungen ganzheitlicher erfassen und strategisch lösen. Ein weiterer Aspekt ist die enge Verbindung von menschlicher Kreativität, Expertise und Intuition mit der Rechen- und Analysepower von künstlicher Intelligenz. Unser Buch ist ein Versuch, dieses dynamische, strategische Management der Zukunft zu beschreiben.

Der Begriff "uncertainty", zu Deutsch "Unsicherheit", spielt ja eine wichtige Rolle in dem Buch. Wie hat sich diese uncertainty durch die Corona-Epidemie verändert?

Florian Klein:  Bereits seit Ende des kalten Kriegs wird der Begriff VUCA (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) für die Beschreibung der externen Umgebung genutzt. Hinzu kommt, dass sich Technologien rasant entwickeln und unsere Welt auf allen Ebenen zunehmend vernetzt ist. Entsprechend hatten wir bereits vor der Pandemie ein nie dagewesenes Level an Unsicherheit, das die traditionelle, lineare Art der Planung bereits vor Corona an ihre Grenzen gebracht hat. Die Pandemie schafft nun zusätzlich Unsicherheit und zeigt umso deutlicher, dass wir auf verschiedene Szenarien vorbereitet sein müssen. Daher beginnen wir unser Buch mit dem Satz "This is an unorthodox book in a singular moment in history."

Wie kann man in der unternehmerischen Praxis mit Unsicherheit umgehen? In Ihrem Buch sprechen Sie von Szenarioplanung - was kann man darunter verstehen?

Andreas Schühly: Zunächst einmal muss man anerkennen, dass Unsicherheit vorhanden ist und per se nicht negativ ist. Dann benötigt man als Entscheider die richtigen Werkzeuge, um damit umgehen zu können. Wir empfehlen hierbei die Szenarioplanung, um Unsicherheit zu erkennen, zu verstehen und um plausible Zukunftsszenarien zu beschreiben, die als Basis für die Entscheidungsfindung dienen können. Sie hilft dabei, auf verschiedene Situationen vorbereitet zu sein, um dann erfolgreich handeln zu können, wenn sie eintreten. Die Nutzung von Szenarioplanung hat beispielsweise dazu geführt, dass Shell zu einem der führenden Ölspieler der Welt aufgestiegen ist. Szenarioplanung ist weit mehr als ein einfaches Tool, es ist vielmehr eine Art zu denken und sich immer wieder die Frage zu stellen: Was passiert, wenn ... .

Drei Stichworte, warum man sich für Ihr Buch zur Real Time Strategy entscheiden sollte?

Frank Becker:

  1. Besseres Unsicherheitsmanagement: Wenn strategische Entscheidungen auf Basis von hoch zuverlässigen Daten getroffen werden und die KI dann auch noch jeden Tag darüber wacht, dass die Entscheidungen weiterhin richtig sind, kann man trotz hoher Unsicherheit sehr viel besser schlafen.
  2. Mehr strategischer Mut: Wir erläutern, wie es gerade in einer schnelllebigen Welt gelingen kann, mit Überzeugung und Durchhaltevermögen langfristig orientiert zu planen und zu handeln.
  3. Wichtiger gesellschaftlicher Beitrag: Wir sind überzeugt, dass Unternehmen auf Basis von langfristig orientierten Entscheidungen einen essentiellen Beitrag liefern können, gesamtgesellschaftliche Herausforderungen zu meistern.

Was sind die drei häufigsten Fehler, die Sie bei der Real Time Strategy von Unternehmen beobachtet haben? Haben Sie konkrete Cases, um das zu verdeutlichen?

Florian Klein: Unternehmen wiegen sich gelegentlich in Sicherheit und rechnen nicht immer mit den möglichen Disruptionen. Daher denken sie nicht immer ausreichend in möglichen Szenarien. Wir hören häufig, "ich habe die Industrie aufgebaut, ich weiß wie der Hase läuft". Dabei werden Entwicklungen häufig nur in eine Richtung gedacht. Dies hängt stark mit einem Fokus auf Wahrscheinlichkeiten zusammen, d.h. man fokussiert sich nur auf die wahrscheinlichsten Entwicklungen ohne andere, denkbare Alternativen zu durchdenken.

Zweitens haben Entscheider häufig nur begrenzt Zeit und delegieren viele Prozesse zur Strategieentwicklung. Insbesondere bei der Szenarioplanung ist die Wahrnehmung allerdings eminent, daher müssen Top-Entscheider in alle Entwicklungsschritte eingebunden sein, um potenzielle Zukunftsszenarien erlebt zu haben. Hier wird häufig der Prozess als einmaliges Ereignis gesehen. Die Kraft von Real Time Strategy liegt allerdings in der kontinuierlichen Denk- und Herangehensweise.

Und drittens sollte man Künstliche Intelligenz nicht nur als Buzzword verstehen, sondern auch die Entscheidungsprozesse und Firmenkultur für das KI-Zeitalter anpassen.

Auch KI spielt eine wichtige Rolle in dem Buch. Nach meinem Gefühl ist das ein Trend, den viele einfach genau deshalb aufgreifen, sich aber der wahren Bedeutung dahinter nicht wirklich bewusst sind. Warum macht KI bei der Thematik des Buches tatsächlich Sinn?

Frank Becker: Szenarioplanung ist ein Werkzeug, das in der modernen Strategieentwicklung bereits seit den 1950er Jahren erfolgreich genutzt wird. Die Methode hat sich wenig verändert, obwohl die Anforderungen an die Informationsverarbeitung immer weiter gestiegen sind. Ein Beispiel ist das Erkennen und Interpretieren von Ereignissen aus dem Marktumfeld. Hier haben wir die Erfahrung gemacht, dass Szenarioplanungsteams von der Informationsflut schlicht überfordert sind. Um keine Information zu verpassen, müssten die Analysten dieser Teams im Durchschnitt 20 Millionen Artikel lesen - und zwar jeden Tag. In solchen Situationen greifen wir Menschen notgedrungen auf Heuristiken zurück, wenn wir beispielsweise Informationen bevorzugen, die unsere Meinungen unterstützen. KI ist ein hervorragendes Werkzeug, um mit "Big Data" objektiv und effizient auszuwerten. Der Einsatz von KI ist daher der nächste logische Schritt bei der Verbesserung der Szenarioplanung.

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An dieser Stelle fällt mir natürlich auch das Zitat von Olaf Groth ein, Autor des bekannten KI-Buchs "Solomon's Code: Humanity in a World of Thinking Machines": "Sie haben den Hype um KI satt, fragen sich aber, wie KI und Big Data Ihnen helfen können, inmitten stetig zunehmender Unsicherheit, Volatilität und Mehrdeutigkeit robustere, langfristige Entscheidungen für Ihr Unternehmen zu treffen? Dann ist dieses Buch genau das Richtige für Sie."

Nach meinen Recherchen ist es ja Ihr erstes Buch. Wie schwer ist Ihnen die Feuertaufe als Autor gefallen und wie haben Sie sich eigentlich als drei Autoren zusammengefunden?

Andreas Schühly: Unser gemeinsames Interesse, etabliertes strategisches Denken mit der schönen neuen digitalen Welt von Big Data und Künstlicher Intelligenz zu verbinden, hat uns als Autoren zusammengeführt. Wir drei arbeiten bereits seit Jahren im Center for the Long View zusammen und kennen daher gut die Stärken und Expertise der anderen. Als Berater sind wir in der Kunst der Storylining geübt. Nichtsdestotrotz ist es eine Umstellung von PowerPoint Slides mit prägnanten Bullets auf einen Fließtext. Neben der intensiven Arbeit als Strategieberater ein gut durchdachtes und recherchiertes Buch zu schreiben, erfordert daher auch einiges an Willen, Disziplin und Durchhaltevermögen sowie der nötigen freien Zeit. Daher haben wir uns auch George R.R. Martin zum Vorbild genommen und unsere erste Abgabefrist gerissen.

Was war ihr primäres Ziel, als Sie mit dem Buch angefangen haben: Ging es um die Thematik, die Ihnen zu unterrepräsentiert schien, wollten Sie sich einen Namen in der Branche machen oder war es vielleicht etwas ganz anderes?

Andreas Schühly: Wenn man sich mit Szenarioplanung beschäftigt, stößt man sehr schnell auf die Vielfalt an methodischen Beschreibungen, die sehr häufig theoretisch geprägt sind. Die Kernmethoden sind aber in vielen Publikationen unverändert, also "Alter Wein in neuen Schläuchen". Uns war es daher wichtig, einen Mehrwert zu liefern, in dem wir aus Anwendersicht die Themen Szenarioplanung und Künstliche Intelligenz vereinen. Das Ganze wollten wir außerdem mit Praxisbeispielen untermauern, um zu zeigen: Liebe Leser, dies ist nicht ein weiterer Ansatz aus dem Elfenbeinturm - die Veränderung ist real und passiert, ob es euch gefällt oder nicht. Indem wir unsere Perspektiven kombinieren, möchten wir unseren Lesern zeigen, wie die Grenze zwischen menschenbasiertem, strategischem Denken und KI-gestütztem Erkennen und Analysieren verschwimmt. Wir möchten deutlich machen wie Entscheider und ihre Berater in Zukunft KI nutzen könnten, um ihre Fähigkeit, vorausschauende Entscheidungen zu treffen, zu steigern.

Frank Becker: Strategen haben eine hohe gesellschaftliche Verantwortung, da sie mit ihren Entscheidungen die grundsätzliche Richtung eines Unternehmens bestimmen. Geht das Unternehmen in die richtige Richtung, kann es dazu beitragen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stolz und motiviert sind, die Produkte begeistern oder sogar Leben retten und die natürlichen Ressourcen jederzeit sinnvoll eingesetzt werden. Meine Ko-Autoren, das Gnosis Innovationsteam und ich sind motiviert davon, einen Beitrag für Entscheidungen in die richtige Richtung leisten zu dürfen.

Florian Klein: Für mich stand klar ein Thema im Fokus: wie können es Organisationen konkret schaffen, bessere und langfristig-orientierte Entscheidungen zu treffen? Das ist kein abstraktes Konstrukt für akademische Arbeiten, sondern das ist der weiße Elefant im Raum für die großen Herausforderungen unserer Zeit. Woran liegt es, dass zum Beispiel Unternehmen sich so schwer tun Nachhaltigkeit nicht nur als ein Compliance Thema zu greifen, sondern als strategische Chance mit langem Atem anzugehen? Das hat aus meiner Sicht entscheidend mit dem Weltbild und der Informationslage der relevanten Führungskräfte und den Entscheidungsfindungsprozessen in den Organisationen zu tun. Und genau hier sehe ich das Potential für entscheidende Verbesserungen:

Unternehmen und andere Organisationen werden bessere und langfristige Entscheidungen treffen, wenn sie es schaffen Fake News von echten Trends zu unterscheiden, die richtigen strategischen Schlüsse ziehen, und diese falls nötig auch einer dynamischen Marktlage anzupassen. Darum geht es in Real-Time Strategy.

Über die Autoren: 

 

Dr. Florian Klein ist Director bei Deloitte. Er ist Gründer und Leiter des Center for the Long View und arbeitet mit Entscheidungsträgern globaler Unternehmen und Regierungen an der Entwicklung robuster Strategien für das Heute im Hinblick auf ein ungewisses Morgen.

Dr. Frank Becker ist Senior Manager bei Deloitte und Komplexitätsforscher. Er leitet die Foresight-Innovationseinheit "Gnosis" und verbindet dabei tiefe technische KI-Expertise mit der Problemlösungsmentalität eines Strategen.

Andreas Schühly ist Manager bei Deloitte und unterstützt Unternehmen weltweit bei der Entwicklung zukunftsfähiger Strategien. Neben der Anwendung von Szenarien in der Praxis analysiert er im Rahmen seiner wissenschaftlichen Forschung die Kultursensibilität der langfristigen Strategieentwicklung.

 

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Veröffentlicht am: 26.03.2021

 

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