„Es hat mir die größte Krise meiner Laufbahn beschert und mich zu den besten Weichenstellungen für die Zukunft gezwungen.“ Neun Antworten zur Jahreswende

Jahresrückblick Consulting 2020

Teil 2 der Antworten zu 2020. Das Jahr der Corona-Pandemie war eine Herausforderung. Wir sprachen mit Menschen aus der Consulting-Branche über die letzten 12 Monate, darüber was sie über sich und die Branche neu gelernt haben. Im zweiten Teil lesen Sie nun die Antworten von Susanne J. Mathony (Mathony Brand Strategists), Joachim Pawlik (PAWLIK Consultants), Christian Moldenhauer (expertpowerhouse) und Robert Feldmann (Junior Comtec).

Susanne Mathony, Joachim Pawlik, Christian Moldenhauer und Robert Feldmann mit Antworten zur Jahreswende

Wenn Sie 2020 in einem Satz für sich zusammenfassen:

Susanne Mathony: Das Buch "The black swan" von Nassim Nicholas Taleb zu lesen, ist das eine - selbst einen solchen globalen 'black swan'-Moment zu erleben, etwas völlig anderes.

Robert Feldmann: Das Jahr, in dem die Menschheit lernen musste, global zu kooperieren, um Krisen zu lösen.

Joachim Pawlik: Es hat mir die größte Krise meiner unternehmerischen Laufbahn beschert und mich dabei zu den besten Weichenstellungen für die Zukunft gezwungen.

Christian Moldenhauer: Der Start in eine neue Dekade, mit vielen Chancen aber auch großen Herausforderungen, lokal wie auch international.

Was war die größte Herausforderung, die Sie 2020 bewältigt haben?

Joachim Pawlik: Motivation, Kraft und Zuversicht auch dann zu geben, wenn ich sie selbst zwischenzeitlich nicht hatte - das war emotional die größte Herausforderung.

Susanne Mathony: Professionell der Umstand, dass unser Brand Strategists-Team aus 14 Partnerkolleg*innen in acht Ländern über drei Kontinente verstreut lebt und arbeitet. Bedingt durch COVID19 sind unsere persönlichen Meetings komplett ins Wasser gefallen. MS Teams, Zoom und Skype sind gute 'Brückenbauer'. Dennoch ersetzen sie die Energie- und Kreativitätsschübe durch gemeinsames Arbeiten (und Lachen) in einem Raum nicht zu 100%.

Robert Feldmann: Die Corona-Pandemie hat uns allen als Einzelpersonen und Gesellschaft viel abverlangt. Gemeinsam haben wir uns jedoch diesen neuen Herausforderungen gestellt. Im Rahmen des "WirVsVirus"-Hackathon der Bundesregierung durfte ich als Teil eines Teams von Junior Comtec konkret zu der Entwicklung von Maßnahmen beitragen. Es war beeindruckend zu sehen, wie wir gemeinsam mit vielen anderen motivierten Teilnehmern innerhalb von 48 Stunden an einem Strang zogen und kreative digitale Lösungen zur Bewältigung der neu aufgetretenen Herausforderungen entwickelten.

Christian Moldenhauer: Ich freue mich sehr, dass wir es geschafft haben die großen, wichtigen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Unter hoher Planungsunsicherheit und zunehmender Kurzfristigkeit, haben wir bei expertpowerhouse konsequent unser Berater- und Expertennetzwerk ausgebaut, und unsere On-Demand Projektunterstützung weiter ausgebaut, in Themen wie zum Beispiel Nachhaltigkeitsstrategien, M&A Projekten und auch Restrukturierungen. Und das, während die Kinder im Home-Office mit dabei waren und reges Interesse für Videokonferenzen zeigten.

Was haben Sie in 2020 neu (über sich) gelernt?

Christian Moldenhauer: Dass Longboard fahren gar nicht so schwer ist. Dass ich bei Maskenverweigerern emotional werden kann, und, dass ich mich langsam an mein Bild in den vielen Videoterminen gewöhne.

Susanne Mathony: Ich habe mich immer für einen überzeugten Großstadtmenschen gehalten. Einen, der zur Höchstform aufläuft, wenn es laut, sehr bewegt, und am besten 'kosmopolitisch' ist. Seit unsere Familie den ersten Lockdown in einem sehr abgelegenen Dorf mit nur vier Häusern, aber Dutzenden von Kühen und Pferden verbracht hat, denke ich anders darüber. Home Office und -schooling in der Natur ist eindeutig eine tolle Option, um für Klienten hochkonzentriert spannende Kampagnen zu entwickeln.

Joachim Pawlik: Ich habe gelernt, dass Führungsleistung in belastenden Situationen sehr erfüllend sein kann, wenn der Zusammenhalt wächst.

Robert Feldmann: Ich habe gemerkt, wie wertvoll alltägliche Gespräche und Begegnungen mit Freunden und Bekannten für mich sind. Im Jahr 2020 sind diese Kontakte allerdings nicht mehr selbstverständlich und es ist notwendig geworden, kreativ zu werden. Durch Videocalls oder gemeinsame Spaziergänge im Freien versuchen meine Kollegen und ich, den persönlichen Austausch, der sonst im Büro oder auf dem Campus stattfand, beizubehalten.

Was haben Sie in 2020 neu über Ihr Business gelernt?

Joachim Pawlik: Die Bedeutung der Unternehmenskultur ist noch größer, als ich dachte. Vertrauen, Teamgeist, Loyalität - diese weichen Werte zählen in unsicheren Zeiten zu den wesentlichsten Erfolgsfaktoren.

Susanne Mathony: Zwei für mich sehr wichtige Dinge. Zum einen, dass moderne Technik zwar nicht alles ersetzt, aber doch sehr viel möglich macht. Mit Hilfe von MS Teams und Zoom-Sessions ließ sich so viel gemeinsam mit und für Klienten realisieren, was ich früher als unmöglich erachtet hätte.
Und zum anderen habe ich als Gründerin Unterstützung, Inspiration wie menschliche Kraft von Menschen aus dem Businessumfeld erfahren, wie selten zuvor.
Diese zwischenmenschlichen Erlebnisse haben alle durchgearbeiteten Wochenende in den Peaks der Krise absolut wettgemacht.

Robert Feldmann: Mir ist bewusst geworden, wie schnell Veränderungen vorangetrieben werden können. Nach der anfänglichen allgemeinen Ungewissheit hat Junior Comtec schnell die offene Kommunikation mit unseren Kunden gesucht, um gemeinsam die neuen Herausforderungen anzugehen. Mithilfe verschiedener digitaler Lösungen, wie zum Beispiel neuer Tools und Methoden für Online-Workshops, konnten wir unsere Projekte weiterhin auf hohem Niveau durchführen. Besonders beeindruckt hat mich dabei die anhaltende Motivation und das Anpassungsvermögen unserer Berater, die stets nach neuen Wegen gesucht haben, Projekte voranzutreiben und ihre digitalen Kompetenzen weiterzuentwickeln.

Christian Moldenhauer: Dass wir bei expertpowerhouse mit Flexibilität, Qualität und On-Demand Projektunterstützung genau die richtigen Themen adressiert haben und vor allem, dass dies zukünftig noch viel wichtiger wird. Insbesondere war ich überrascht, wie problemlos unsere Kunden nahezu vollständig auf "Virtuell" umgestellt haben, und wir somit noch viel schneller und flexibler Projekte unterstützen können.

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Was möchten Sie aus der Corona-Zeit mit in die Post-Corona-Zeit mitnehmen?

Susanne Mathony: Die Erkenntnis, dass eine 'bucket list' zwar eine charmante Idee ist, aber wichtige Dinge - sei es im Privaten oder im Business - immer besser im "hier & jetzt" angegangen werden sollten.

Christian Moldenhauer: Bis wir Post-Corona sind, dauert es glaube ich noch eine Weile und ich hoffe wir machen gute Fortschritte beim Impfen. Für mich zählt in unsicheren Zeiten die gegenseitige Unterstützung, Vertrauen und Zusammenhalt, nicht nur im eigenen Unternehmen, sondern auch gesellschaftlich. Der Zusammenhalt ist für mich gefühlt gestiegen und das finde ich gut. Ich fand es auch schön, als es jeden Abend ein 'Danke' an alle Helfer von den Balkonen erschallte. Was ist eigentlich daraus geworden? Ich würde mich freuen, wenn wir uns diese Elemente und das "Wir" Gefühl erhalten, und in diesem Zuge auch die vielen aktuell stattfindenden Diskurse als Chance begreifen, den Zusammenhalt zu stärken.

Robert Feldmann: Die Corona-Zeit hat viele ungenutzte Potenziale des digitalen Arbeitens aufgedeckt. Ich möchte diese Vorteile, wie zum Beispiel eine erhöhte Flexibilität, auch in Zukunft weiter nutzen und ausbauen. Wir haben in diesem Jahr nicht nur bei Junior Comtec gelernt, unsere eigenen digitalen Kompetenzen und Infrastrukturen zu verbessern, sondern auch, wie wir dieses Wissen nachhaltig an unsere Kunden weitergeben können.

Joachim Pawlik: Das Bewusstsein, wie schnell und substanziell man sich verändern kann, wenn man muss - oder will. Das sollten wir uns bewahren.

Wenn Sie die Zeit um ein Jahr zurückdrehen könnten: Was würden Sie - ausgestattet mit dem Wissen von heute - anders machen?

Christian Moldenhauer: Ich hätte unserer KiTa direkt am Anfang ein Videokonferenz-System geschenkt, damit z.B. alle Singkreise und Aktivitäten live übertragen werden können. Und, ich hätte vorher nochmal Urlaub auf einer sonnigen Insel gemacht, um das Fernweh zu stillen.

Susanne Mathony: Retrospektiv betrachtet hätte ich mich häufiger an den Aphorismus "Wenn du es eilig hast, geh langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg." halten sollen. Ich hatte es in den letzten zehn Monaten sehr eilig, immer mit dem Fuß auf dem Gas für unsere Klienten. Heute würde ich es vermutlich einen Tick langsamer angehen und mehr Zeit in den Austausch mit Branchenfremden komplett außerhalb von Marketing und Kommunikation stecken. Diese Pandemie ist ein Marathon - der läuft sich leichter durch die Inspiration anderer Läufer.

Robert Feldmann: Ich würde den Fokus bei unseren Projekten stärker auf flexibles und unabhängiges Arbeiten legen und die zahlreichen Potenziale digitaler Lösungen von Anfang an intensiver nutzen. Somit könnten unsere Berater unsere Kunden entlasten und dennoch eine zügige und sorgfältige Projektarbeit ermöglichen.

Joachim Pawlik: Nichts. Weil wir das Unternehmen jedes Jahr so führen, als würde eine Krise bevorstehen. Wir waren bereits dabei, insbesondere die Digitalisierung stark voranzutreiben. Das hat uns sehr geholfen, als dann wirklich eine Krise kam.

Welcher Mensch hat Sie 2020 besonders beeindruckt?

Robert Feldmann: Dieses Jahr hat mich insbesondere meine Großmutter beeindruckt. Trotz stetiger Isolation hat sie ihren Optimismus und positiven Blick auf die Welt beibehalten und ist damit ein großes Vorbild für mich.

Joachim Pawlik: In 2020 haben viele Herausragendes geleistet. Ich glaube, gerade diese kollektive Leistung war etwas Besonderes.

Susanne Mathony: Der Pandemieerklärer Christian Drosten. Seine hochprofessionelle Kommunikation, seine Leidenschaft für die Wissenschaft im seinem für uns alle verständlichen Podcast 'Coronavirus Update' und das kombiniert mit Erdung und Charme - Chapeau.

Christian Moldenhauer: Es ist keine Einzelperson, dieses Jahr geht an alle, als Gesellschaft. Alle Menschen, die ihre individuellen Herausforderungen kreativ gemeistert haben. Sei es die arbeitende Familie im Homeoffice mit Kindern im Homeschooling; der Einzelunternehmer, der alles Mögliche unternimmt, um sich finanziell über Wasser zu halten. Oder der Single, der die meiste Zeit nur virtuell mit anderen in Kontakt kommt. All das ist beeindruckend und verdient großen Respekt.

Welches Buch/Film/Serie hat in 2020 besonders beeindruckt?

Joachim Pawlik: Die Autobiografie "Ganz nebenbei" von Woody Allen hat mich beeindruckt. Nie den Humor zu verlieren, egal was kommt, das ist eine wichtige Botschaft.

Susanne Mathony: Als bekennender Buch-Junkie habe ich den Wegfall von Kino und Theater durch noch mehr Bücher kompensiert. Aktuell lese ich daher - wie vermutlich viele - Barack Obamas "A promised land". Für mich nicht nur als Politologin, die länger in Washington gearbeitet hat, spannend, sondern gerade im Kontrast zur Biographie seiner Frau Michelle "Becoming". Der Detailgrad seines Erzählstiles über die Hände eines Gärtners im White House-Garden oder die Körperstatur seines 'body man' Reggie wird manchen Sachbuchleser auf die Palme bringen. Mir aber gefällt es.

Robert Feldmann: Die Serie "The Queen's Gambit", welche eindrucksvoll den Aufstieg des Schach-Wunderkinds Beth Harmon in den 60er-Jahren beschreibt. Sie behandelt die Geschichte einer Außenseiterin, die sich in dem männerdominierten Sport beweist, jedoch stets mit ihrer eigenen Egozentrik und ihren Suchtproblemen zu kämpfen hat.

Christian Moldenhauer: Ich kann allen ambitionierten Beratern Giso Weyands Buch "Das neue Sogprinzip" ans Herz legen, in dem er zeigt, wie man in Einklang mit den persönlichen Werten Beratung aufs nächste Level heben kann. Abseits vom Business interessiert mich wie die Zukunft aussieht, in der wir Dank medizinischem Fortschritt unendlich lange leben können ("Altered Carbon"), im Geiste tatsächlich verbunden sind ("Sense 8") und wohin wir uns eigentlich als Menschen entwickeln ("Sapiens - a brief history of humankind") und was künstliche Intelligenz so tun wird ("Ex Machina"). Ich bin gespannt, ob wir uns als Gesellschaft in Richtung "Cyborgs" entwickeln.

Wie ist Ihr Ausblick auf das kommende Jahr?

Joachim Pawlik: Ich bin extrem zuversichtlich, dass 2021 einfacher wird und unsere Themen, Lernen, Fortbildung, Digitalisierung und Change, noch wesentlich in ihrer Bedeutung wachsen werden.

Susanne Mathony: - siehe meine Kolumne ;-) -

Robert Feldmann: Ich blicke stets optimistisch in die Zukunft und hoffe daher, dass sich bis Mitte des nächsten Jahres unsere Projektarbeit wieder mit mehr persönlichen Kontakten durchführen lässt. Unsere Arbeit in diesem Jahr, aber auch die beeindruckenden Fortschritte in der Impfstoffentwicklung haben gezeigt, was möglich ist, wenn Menschen kooperieren. Ich bin zuversichtlich, dass uns diese Solidarität die letzten anstrengenden Monate weiterhin zwar räumlich getrennt, aber im Herzen vereint, durchstehen lässt.

Christian Moldenhauer: Wir haben einen sehr positiven Ausblick auf 2021. Trotz Pandemie war dieses Geschäftsjahr unser bisher Bestes. Natürlich merken wir eine Wachstumsdelle, sind aber zuversichtlich, dass flexible Projektunterstützung mit Beratern und Experten nächstes Jahr hoch im Kurs steht. Das bestätigt auch unsere internationale Studie 'The New Independent Workforce Study 2020' und wir freuen uns auf spannende Projekte im nächsten Jahr.

Zu den Personen:

Robert Feldmann ist Project Manager bei Junior Comtec, der Studentischen Unternehmensberatung aus Darmstadt. Seit 2015 führte er Projekte mit Kunden diverser Industrien und Größen durch und bekleidete das Amt des Geschäftsführers für Projekte und Kundenbetreuung, wobei er hauptverantwortlich für die Weiterentwicklung der Projektakquise war.

Susanne Mathony ist Geschäftsführerin der internationalen Marketing- und Kommunikationsberatung Mathony Brand Strategists. Die CEO- und Brand Positioning-Expertin blickt auf mehr als zwei Jahrzehnte Führungserfahrung im Bereich Professional Services zurück. Auf EMEA- und z.T. globaler Ebene arbeitete sie u.a. für Accenture, Booz & Company (heute Strategy&), Russell Reynolds Associates sowie AlixPartners.

Christian Moldenhauer: Vor der Gründung von EPH beriet Christian 8 Jahre lang industrielle und öffentliche Mandanten bei der Boston Consulting Group. Er ist ausgebildeter Mathematiker und hat einen MBA der London Business School.

Joachim Pawlik ist Gründer und Geschäftsführer der internationalen Beratung PAWLIK Consultants, die mit 300 Mitarbeitern an 14 Standorten weltweit Menschen und Organisationen entwickelt. Der gebürtige Hamburger ist Experte für Personalentwicklung und ein gefragter Speaker zu den Themen Lernen, Führung und Vertrieb.

 

Teil 1 der Antworten zu 2020 finden sie hier.

/jr

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