"Es werden heute deutlich mehr Umsetzer gesucht"

Karsten Berge, NELEX AG

Vor einigen Jahren noch gab es fast ausschließlich allgemeine Digitalisierungsprojekte. Die gibt es auch heute noch, deutlich zugenommen haben aber Projekte mit den Fragen: Welche Bedeutung haben die Zukunftstechnologien Künstliche Intelligenz und Blockchain für mein Geschäftsmodell und meine Produkte? Wie gelingt es mir, die verschiedenen IT-Systeme und Digitalisierungsprojekte technisch wie inhaltlich sinnvoll miteinander zu verknüpfen? Die Profile der gesuchten Consultants haben sich damit deutlich erweitert, meint Karsten Berge.

Karsten Berge, NELEX AG
Karsten Berge, NELEX AG

CONSULTING.de: Herr Berge, das Thema Digitalisierung steht bei Unternehmensberatungen heute ganz vorn auf der Agenda. Was sind die aktuellen Trends?

Karsten Berge: Der aus meiner Sicht entscheidende Trend ist heute die Ausdifferenzierung des Themas. Vor einigen Jahren noch gab es ‚allgemeine‘ Digitalisierungsprojekte, sehr strategischer Natur. Die gibt es auch heute noch, aber deutlich zugenommen haben Projekte mit den Fragen: Wie implementiere ich erfolgreich Cybersicherheit? Welche Bedeutung haben die Zukunftstechnologien Künstliche Intelligenz und Blockchain für mein Geschäftsmodell und meine Produkte? Wie gelingt es mir, die verschiedenen IT-Systeme und Digitalisierungsprojekte technisch wie inhaltlich sinnvoll miteinander zu verknüpfen? Die Konsequenz: Es werden heute deutlich mehr Umsetzer gesucht.

CONSULTING.de: Was bedeutet das für den Mitarbeiterpool der Beratungen? Haben sich damit auch die Profile der gesuchten Consultants verändert?

Karsten Berge: Ich würde eher sagen, dass sie sich deutlich erweitert haben. Heute werden auch hoch spezialisierten Technikern und ergebnisorientierten Umsetzern ganz andere Chancen eingeräumt als noch vor einigen Jahren. Vielleicht nicht als erste Ansprechpartner beim Kunden, aber als Schlüsselpersonen im weiteren Verlauf der Projekte. Insgesamt hat der Spezialisierungsgrad je nach Disziplin deutlich zugenommen, was sowohl die technische Entwicklung als auch das gezieltere Abfragen von Leistungen und Projekten seitens der Kunden bedingt.

CONSULTING.de: Hat auch das Volumen der gesuchten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zugenommen?

Karsten Berge: Dazu habe ich keine Zahlen vorliegen, aber das spüren wir im Markt. Ein Grund ist sicherlich, dass die eben beschriebene hohe Spezialisierung dazu führt, dass viele Beratungskunden diese Spezialisten in ihren eigenen Organisationen gar nicht mehr gewinnen oder durch entsprechend interessante Fragestellungen über lange Zeiträume binden können. Darum ‚teilen‘ sie sich diese, ganz nach dem Prinzip der Shared Economy künftig auf dem Marktplatz ‚Beratungsunternehmen‘. Macht es wirklich Sinn, einen spezifischen Cloud-Spezialisten ganzjährig zu beschäftigen, wenn dieser aber nur drei Monate im Jahr für die eigene Organisation arbeitet? Sinnvoller ist es sicherlich, ihn in einer Beratungsgesellschaft zu ‚leasen‘, die ihn danach wieder an anderer Stelle einsetzen kann. Im Grunde ist das kein wirklich neues Modell, aber es gewinnt immer mehr an Relevanz.

CONSULTING.de: Gibt es denn genug Kandidatinnen und Kandidaten für die offenen Stellen?

Karsten Berge: Eindeutig: Nein. Da geht es der Beratungsindustrie nicht anders als allen anderen Industrien. Die gute Nachricht ist: Beratungsunternehmen sind trotzdem nach wie vor recht attraktiv für exzellente Denkerinnen und Denker genauso wie für technologische Spezialisten. Denn sie bringen kluge junge Menschen direkt mit anderen klugen Menschen zusammen, gewähren Freiheiten, zahlen häufig besser und sind deutlich flexibler in ihren Strukturen als viele Unternehmen. Branchengrößen wie McKinsey und BCG haben bereits vorgemacht, dass das digitale Neuland nicht zwangsweise mit einer Ein-Marken- und Ein-Unternehmen-Strategie bestellt werden muss, sondern dass man die richtigen Ecosysteme für die entsprechenden spezifischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bauen kann und muss.

CONSULTING.de: Unabhängig von der grundsätzlichen Attraktivität. Wenn es nicht genügend Kandidatinnen und Kandidaten gibt, wird es Gewinner und Verlierer geben. Was müssen Unternehmensberatungen tun, um die richtigen Talente für sich zu gewinnen?

Karsten Berge: Einen Teil der Antwort habe ich bereits gegeben. Attraktivität herstellen durch die oben genannten Faktoren. Und gleichzeitig eine sehr aktive Planung und Rekrutierung betreiben, die weit voraus denkt. Da geht es nicht nur um die kurzfristige Besetzung von Vakanzen, sondern die langfristige Überlegung, welche Profile auch in drei oder fünf Jahren benötigt werden. Dazu gilt es frühzeitig Kontakte in die entsprechenden Kandidatenmärkte aufzubauen und zu entwickeln.

Außerdem wird dem Thema zukunftsweisender Beschäftigungsmodelle, mit der Umsetzung virtueller Arbeitsplatzumgebungen und großer räumlicher und zeitlicher Flexibilität immer höhere Bedeutung zukommen, um den einzelnen Mitarbeiter zu entlasten und damit auch die Wertschätzung des hochqualifizierten Mitarbeiterpotentials zu verdeutlichen.

CONSULTING.de:
Es gibt ja auch im Recruiting inzwischen jede Menge Software-basierte Lösungen. Glauben Sie, dass solche Tools die Zukunft sind?

Karsten Berge: Es ist eigentlich keine Frage, ob moderne Software-Tools Zukunft haben. Aber sie stellen eben nicht "die" alleinige Zukunft dar. Das heißt im Klartext: Natürlich helfen Software und KI-basierte Technologien, bestimmte Prozesse auch in der Personalberatung zu verbessern bzw. zu beschleunigen. Wir nutzen solche modernen Tools und die Möglichkeiten, die sich dadurch bieten, natürlich auch. Aber es gibt eben kein Primat der Technologie: Unterm Strich unterstützen Softwaretools die exzellente Leistung unserer Berater. Sie hilft, dass sich die Beraterteams auf das Wesentliche konzentrieren können.

CONSULTING.de: Ist es eigentlich schwer für ein Unternehmen, das Personal sucht, selbst welches zu finden?

Karsten Berge: Glauben Sie mir, das ist schwer genug! Aber ich bin froh vom Start weg ein Team gefunden zu haben, dass gemeinsam mit mir an unser Modell und unseren Erfolg glaubt und ‚sichere‘ Jobs aufgegeben hat, um in dieses Start-Up zu wechseln. Wir sind vier Monate nach Gründung bereits zehn Leute und wollen weiter wachsen. Klar ist: Auch wir sind im ‚War of Talents‘ und werden uns mit Wettbewerbern messen lassen müssen. Darum sehe ich es als meine oberste Pflicht, nicht nur Kunden zu gewinnen. Sondern vor allem unsere Beraterinnen und Berater eine motivierende, innovative und inspirierende Arbeitsumgebung zu schaffen und sie so langfristig an uns zu binden.

Karsten Berge ist Gründer und Vorstand der NELEX AG und verfügt über mehr als 25 Jahre Berufserfahrung. Die NELEX AG besetzt digitale und technologische Fach- und Führungspositionen ab einem Jahresgehalt von 90.000 Euro. Ein Klienten-Schwerpunkt ist die Professional-Services-Industrie.

Veröffentlicht am: 07.05.2019

 

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