"Es würde ja auch niemand zu einem persönlichen Treffen mit einer Papiertüte auf dem Kopf erscheinen"

Interview mit Ingrid Gerstbach

Auch die Beratungsbranche muss in Corona-Zeiten auf digitale Tools zurückgreifen und sich den damit verbundenen Herausforderungen stellen. Tipps und Tricks, wie man auch bei der Moderation einer Online-Konferenz für eine angenehme Atmosphäre und vor allem Interaktion sorgt, gibt die Unternehmensberaterin Ingrid Gerstbach im Interview mit CONSULTING.de.

Wie ist Ihre Einschätzung: Brauchen wir nach der Pandemie überhaupt noch Präsenz-Workshops?

Ingrid Gerstbach: Ich denke, das Büro wird wieder viel mehr zum Ort der Begegnung werden. Menschen treffen sich dort, um Dinge gemeinsam zu bearbeiten und zu besprechen. In unseren Design-Thinking-Workshops arbeiten wir vorrangig im Präsenz-Setting, weil es viel um das "Körperliche" geht, das in einem Workshop passiert: Studien weisen nach, dass gerade das Gehen und die Bewegung förderlich für die Kreativität ist. Das Schreiben auf Haftnotizzetteln hilft den Teilnehmenden beim Nachdenken. Es hilft ihnen, sich auf die Situation einzulassen. Auch gruppendynamisch spielt sich in Online-Settings viel ab, das sich einfach nicht in die virtuelle Welt übertragen lässt. Es wird viel gemeinsam gelacht, in den Pausen zusammengestanden und weitergearbeitet. An den Wänden entsteht etwas, worauf die Teilnehmenden stolz blicken können.

Wenn Sie frei wählen könnten - ohne Pandemie: Bei welchen Themen und Aufgaben würden Sie eher einen Präsenz-Workshop durchführen, wann einen Online-Workshop?

Ingrid Gerstbach: In einem Präsenz-Workshop lassen sich gut neue Ideen und neue Themen bearbeiten. Ein Online-Workshop eignet sich dann, wenn Ergebnisse oder Gedanken ausgetauscht oder Informationen geteilt werden sollen.

Welche Video-Konferenz-Software bevorzugen Sie selbst für Workshops?

Ingrid Gerstbach: Ich arbeite hauptsächlich mit der Software, die mein Kunde nutzt und mit der sich das Team am wohlsten fühlt. Normalerweise ist das Zoom oder MS Teams. Wichtig für die Workshops ist mir, dass es ein Online-Whiteboard gibt, das wir zum gemeinsamen Arbeiten verwenden können. Hier bieten sich Mural oder Miro an.

Wie gestaltet man eine Vorstellungsrunde/gegenseitiges Kennenlernen in einem Online-Workshop? Welche Verfahren haben sich besonders bewährt?

Ingrid Gerstbach: Meistens stellt sich die Situation so dar, dass sich die Teilnehmenden bereits gut kennen - wir als Berater oder Trainer aber kennen sie noch nicht. Um gleich das Eis zu brechen, gehen wir deswegen oft mit einer dieser beiden Methoden hinein: Jeder Teilnehmende zeigt etwas Persönliches aus seinem Zimmer bzw. von dem Ort, von wo aus er gerade teilnimmt. Das hilft den anderen Teilnehmern, noch einen weiteren Einblick in dessen Umgebung zu bekommen, und oft entdecken sie so neue Seiten an Kollegen, mit denen sie nicht gerechnet haben. Das bringt das Team zueinander. Manchmal bitten wir die Teilnehmer auch, ihren Beruf oder ihre Tätigkeit in drei Emojis zu beschreiben. Das sorgt ebenfalls für ein Schmunzeln zu Beginn und ist damit der perfekte Start in einen Workshop.

Was sind gute Icebreaker für Online-Meetings?

Ingrid Gerstbach: Viele Menschen fühlen sich vor der Kamera und mit neuen Tools unwohl. Kleine Spiele können den Teilnehmern helfen, sich mit den digitalen Tools vertraut zu machen und die Schüchternheit vor der Kamera zu reduzieren. Wenn jemand im Spiel das Tool falsch bedient, wird das gar nicht als Fehler wahrgenommen, für den man sich schämen müsste. Trotzdem ist der Lerneffekt da. Diese Art der Interaktion schafft zudem eine persönliche Verbindung zwischen dem Team, regt das kreative Denken an und "weckt" die Teilnehmer wieder auf, wenn die Energie nachgelassen hat. Diese Icebreaker zählen zu meinen Favoriten:

  1. "Smile": Der Moderator postet ein Emoji in den Chat. Danach werden alle Teilnehmer aufgefordert, das Emoji so gut es geht nachzustellen. Dieses Spiel eignet sich super für lustige Teamfotos. Und es geht ganz schnell: Ich setze nicht länger als 30 Sekunden pro Durchgang an. Gerade wenn die Stimmung schlecht ist, kann das Wunder wirken.
  2. "Vorhang auf": Alle kleben die Kamera mit einem farbigen Post-it zu. Der Moderator fragt dann Dinge wie "Alle, die noch die Mails offen haben..." oder "Alle, die schon den zweiten Kaffee getrunken haben..." oder "Alle die heute schon Sport gemacht haben..." oder "Alle die heute acht Stunden schlafen konnten... dürfen jetzt das Post-it entfernen". Die Teilnehmer, die das betrifft, dürfen dann die Post-its von der Kamera nehmen. So erfährt jeder etwas über jeden, ohne dass es zu persönlich wird. Durch das Abkleben entsteht auch oft ein nettes Mosaikmuster bunter Post-its. Auch hier: nicht länger als 30 Sekunden pro Frage. Der Icebreaker kann gut zu Beginn eines Workshops oder Meetings eingesetzt werden.

Welche Energizer haben sich bewährt?

Ingrid Gerstbach: Energizer eignen sich hervorragend zur Steigerung der Interaktion. Wichtig sind dabei allerdings Schnelligkeit und Dynamik, die für eine positive Energie sorgen. Ein Beispiel für einen Energizer, den wir häufig einsetzen:

"In Form gebracht": Bevor Sie mit diesem Icebreaker beginnen, wählen Sie den "Galerie-Modus" in Ihrem Videokonferenz-Tool, damit Sie alle in Miniaturansicht sehen können. Rufen Sie dann eine Form auf (zum Beispiel: Dreieck, Herz, Quadrat, der Buchstabe "A", Baum, Haus, ...) und bitten Sie die Teilnehmer, die Arme und Hände nach oben/unten oder links/rechts zu bewegen, um so die Form darzustellen. Wenn jeder seine Pose eingenommen hat, bitten Sie sie, diese kurz zu halten,
um einen Screenshot zu machen.

Welche Fehler erleben Sie häufig bei der Moderation von Online-Workshops? Wovor möchten Sie warnen?

Ingrid Gerstbach: Tatsächlich ist der häufigste Fehler, dass die Menschen vergessen, dass sie sich in einer virtuellen Umgebung befinden und dort andere Voraussetzungen als in einem Live-Setting herrschen. Virtuell sind z.B. unsere Konzentration und Aufmerksamkeitsspanne geringer. Durch die wenige Bewegung, das ständige auf den Bildschirm-Starren und die zu kurzen oder fehlenden Pausen (auch zwischen den Workshops) ist ein Online-Workshop für die meisten Menschen anstrengend.

Schwierig ist es auch, wenn der Hintergrund zu ablenkend ist. Wir sind die Ersten, die zugeben, wie viel Spaß es macht, bei virtuellen Workshops einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen. Aber wenn es darum geht, dass die Zuhörer fokussiert und motiviert bei der Sache sein sollen, dann darf der Hintergrund nicht irritieren oder ablenken. Achten Sie z.B. darauf, dass Sie nicht vor einem Regal voller bunter Buchrücken sitzen, bei dem die Teilnehmer sich fast gezwungen fühlen, jeden Titel zu lesen, während Sie Ihren Workshop abhalten.

Die Beleuchtung sollte nicht zu hell oder zu dunkel sein. Dafür müssen Sie kein Geld ausgeben: Setzen Sie sich einfach so hin, dass Ihnen gegenüber eine weiße Wand ist. Und diese Wand leuchten Sie mit einer möglichsten hellen Leuchte an. Dadurch fällt das Licht gleichmäßig und weich auf Sie zurück und Sie sind optimal im Bild.

Last but not least ist es wichtig, dass alle Teilnehmenden zu jeder Zeit ihre Kamera eingeschaltet haben. Am besten schicken Sie bereits in der Einladung eine entsprechende Aufforderung mit. So sind bereits im Vorfeld alle vorgewarnt. Es würde ja auch niemand zu einem persönlichen Treffen mit einer Papiertüte auf dem Kopf erscheinen ...

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Wo holen Sie sich selbst Inspirationen für die Online-Moderation? Welche Autoren/Blogs sollte man verfolgen?

Ingrid Gerstbach: Wir veranstalten häufig sogenannte Meetups rund um das Thema Icebreaker. Das sind Treffen, bei denen jeder mitmachen kann, der sich für das jeweilige Thema interessiert. Jeder, der teilnimmt, stellt dann den Lieblings-Icebreaker vor, und dieser wird gemeinsam in der Gruppe durchgeführt. So lernen wir voneinander, was gut und was nicht so gut funktioniert. Auch ein Austausch über generelle Tipps und Tricks mit anderen Beratern und Moderatoren ist absolut empfehlenswert.

Optional: Besonders Schüler leiden in meiner Wahrnehmung darunter, dass Lehrer nicht geschult in Online-Workshops sind. Was sollte Ihrer Einschätzung nach getan werden, um das Home-Schooling zu verbessern?

Ingrid Gerstbach: Ich kann mich erinnern, dass es in meiner Schulzeit Lehrer gab, die sich mehr engagiert haben als andere. Ich denke, dass es in dieser Situation sehr ähnlich ist: Manche sind mehr interessiert daran, die Inhalte neu aufzubereiten oder sich auf die neue Situation einzulassen, anderen fällt es vielleicht schwerer. Generell empfehle ich, sich auch hier viel von anderen Online-Moderatoren abzusehen und vor allem viel zu interagieren, am besten in Kleingruppen. Das sorgt dafür, dass die Energie und das Engagement hoch bleiben.

Ingrid Gerstbach lebt und arbeitet mit ihrem Mann als Unternehmensberaterin in Klosterneuburg bei Wien. Sie hat Betriebswirtschaft, Wirtschaftspsychologie und Erwachsenenbildung studiert, berät internationale Unternehmen, schreibt Bücher und Kolumnen, hält in ganz Europa Vorträge und unterstützt Universitäten als Innovationsexpertin. Ingrid Gerstbach gilt als deutschsprachige Koryphäe der aus den USA stammenden Innovationsmethode Design Thinking. Ihr Buch "Die Kunst der Online-Moderation. Tools, Ideen und Tipps für die erfolgreiche Umsetzung" ist bei Hanser erschienen.

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