Gemeinsam gegen große Marktplatzanbieter

Kooperationen Handel/Industrie: Interview mit Thorsten de Boer, Partner bei Roland Berger

01.12.2017

Alle Welt spricht von digitaler Transformation und welche Chancen Big Data, Blockchain-Technologie und digitale Kommunikation bieten. Wie wohltuend, wenn einmal Praxisbeispiele zur Sprache kommen. So geschehen neulich auf dem Deutschen Handelskongress in Berlin, als Roland Bergers Handelsexperte Thorsten de Boer über Kooperationen von Handel und Industrie referierte. de Boer ist bei Roland Berger Partner im Competence Center Consumer Goods & Retail in München.

Thorsten de Boer (Bild: Roland Berger)

 

CONSULTING.de: Herr de Boer, zentrale These Ihres Vortrags auf dem Handelskongress war: Wenn sich Handel und herstellende Industrie zusammentun und dann das Know-how bündeln, um so zu gemeinsamen Lösungen zu kommen, so würde das zu steigenden Umsätzen, sinkenden Kosten und großen Synergien führen. Das wäre jetzt die beste aller Handelswelten, aber ist das realistisch? In kaum einem anderen Segment gibt es so viel Wettbewerb und Kampf um Marktanteile, warum sollten sich einzelne Hersteller enger an bestimmte Handelspartner binden und munter Daten austauschen?

de Boer: Ganz einfach: Bei beiden, Herstellern wie Händlern, stehen der Kunde und seine Wünsche im Mittelpunkt. Doch die Industrie hat Probleme, ihn direkt anzusprechen, während der Handel die Innovationskraft der Hersteller braucht. Wenn sich nun beide zusammentun, profitieren alle, auch der Kunde. Und gemeinsam lässt sich auch besser gegen die großen und rasant wachsenden internationalen Marktplatzanbieter bestehen, die mit ihrem direkten Kundenzugang und -verständnis eine Gefahr für Handel und Industrie darstellen. 

CONSULTING.de: Sie machen einen Punkt, bei dem Blockchain-Technolgie eine Rolle spielt: Hersteller und Lieferanten sollen sich ihrer bedienen, um etwa eine lückenlose Nachverfolgbarkeit der Lieferkette zu ermöglichen. Sie behaupten, dass die mühsame EU-weite Suche nach Fibronil-belasteten Eiern damit ein Kinderspiel gewesen wäre. Das bedeutet aber auch, dass wir Abschied nehmen von einer hoheitlichen Beobachtung der Abläufe, richtig? Denn die Blockchain-Idee ist vor allem deshalb so großartig, weil sie dezentral wirkt. 

de Boer: Absolut. Alle beteiligten Akteure, vom Hersteller über den Transporteur, den Verarbeiter bis zum Händler, sind bei der Blockchain-Technologie involviert. Das ist ja die Basis für eine lückenlose und transparente Nachverfolgbarkeit. Alle überprüfen die Einträge auf Richtigkeit und geben sie frei. Anschließend sind die Informationen auf Dauer in der Historie hinterlegt. Das zwingt die Beteiligten auch zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie, damit die Daten korrekt sind.

CONSULTING.de: Können Sie uns weitere Beispiele für Kooperationen nennen, wie Sie sie vorschlagen?

de Boer: Ich glaube, dass die Marktplatztechnologie Handel und Industrie weiter zusammenbringen wird und man enge Kooperationen schließen wird. Denken Sie etwa an spezialisierte B2B Marktplätze, zum Beispiel für die Gastronomie: Hier können auf der einen Seite Händler ihre logistische Kompetenz, Abholstationen an Filialstandorten und Kundenkontakte einbringen und auf der anderen Seite die Industriepartner ihre Produktkompetenz und Innovationskraft. Am Ende profitieren beide von der Vielfalt und der Reichweite einer solchen Plattform.

CONSULTING.de: Vielen Dank!

 

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