"Ich bin optimistisch für Deutschland und seine Hidden Champions"

Im Interview: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Simon

Prof. Hermann Simon hat viele Jahre an in- und ausländischen Hochschulen gelehrt und gründete eine Beratungsfirma, die mit 1.500 Mitarbeitern und 39 Büros in 25 Ländern Weltmarktführer in der Preisberatung wurde. Er schrieb zahlreiche Bücher, zuletzt seine sehr lesenswerte Autobiografie "Zwei Welten, ein Leben – Vom Eifelkind zum Global Player". Simon gelang außerdem etwas, was nicht viele schaffen: Er definierte Themen und Begriffe, die es vorher so nicht gab. So führte er den Begriff "Preismanagement" ein und gilt seit Jahren als "Pricing Guru". Einen ganz großen Treffer landete er, als er mittelständischen Weltmarktführern 1990 ein Denkmal setzte und in einer Studie den Begriff "Hidden Champions" aus der Taufe hob. Wir unterhielten uns mit Prof. Simon über die Personalprobleme von Firmen, über Karrieretipps und auch darüber, was die Energiewende für den Mittelstand bedeuten könnte.

Prof. Hermann Simon

CONSULTING.de: Herr Prof. Simon, ich könnte mir vorstellen, dass sich viele Chefs von Firmen, die Sie als Hidden Champion bezeichnen, sich selbst ganz und gar nicht als unbekannt oder versteckt bezeichnen würden. Oder vielleicht sogar ganz froh sind, nicht in den Klatschspalten aufzutauchen und unerkannt in den Supermarkt gehen zu können. Bei einem Thema jedoch klagen fast alle Mittelständler lauter als DAX-Konzerne, beim Fachkräftemangel. Viele Firmen können ihre Stellen nicht mehr besetzen. Hat das mit dem Versteckt-sein zu tun? 

Prof. Simon: Ja, wie jede Sache hat auch das "hidden" in Hidden Champions, das Verstecktsein, der geringe Bekanntheitsgrad zwei Seiten. Natürlich sind die Hidden Champions bei ihren Kunden bestens bekannt. Viele von ihnen haben in ihren Nischenmärkten starke Marken aufgebaut, sogar weltweit. Aber in zwei Märkten zeigt sich das "hidden" als Nachteil. Einmal im Kapitalmarkt, zum Beispíel beim Börsengang. Und dann natürlich im Personalmarkt. Die Situation bei der Rekrutierung wird durch zwei Faktoren verschärft, einmal den Talentmangel, zum anderen die überwiegend ländlichen Standorte der Hidden Champions. 

CONSULTING.de: Was geben Sie, nachdem Sie sich jetzt schon so lange mit dem Thema Hidden Champions beschäftigen, den Personalern von Weltmarktführern auf den Weg? Wie mache ich Schulabgänger und Hochschulabsolventen auf mich als Mittelständler aufmerksam, wenn diese noch nicht einmal den Namen meiner Firma kennen?  

Prof. Simon: Was kann man gegen den geringen Bekanntheitsgrad tun? Mein Rat ist folgender: Versucht nicht auf nationaler oder gar internationaler Ebene mit großen, bekannten Unternehmen zu konkurrieren, sondern konzentriert Euch auf Eure Region. Dort seid Ihr meistens ohnehin bekannter als überregional. Und in jeder Region gibt es Talente. Diese muss man frühzeitig, in der Schule, im Gymnasium, in der Berufsschule ansprechen und identifizieren. Mit Betriebsbesuchen, Praktika, Projekten, Bachelor- und Masterarbeiten lassen sich die jungen Menschen an den Betrieb heranführen und einbinden. Und nicht alle wollen in die großen Städte. Viele kehren nach dem Studium gerne in ihre Heimat zurück, sofern sie dort ein atraktives Jobangebot finden. Danach sollte man diese Mitarbeiter für einige Zeit ins Ausland schicken, damit sie mental globalisiert werden. Die Hidden Champions haben alle ausländische Tochtergesellschaften. Der große Vorteil solcher Mitarbeiter: sie bleiben dem Unternehmen oft lebenslang treu. Es gibt sozusagen doppelten Klebstoff, neben der Untenehmenstreue die Heimatverbundenheit. 

CONSULTING.de: Nun kann des einen Leid ja des anderen Freud' sein. Sollten Ihrer Meinung nach junge Menschen ihre Karriere viel eher im Mittelstand starten als bei einem bekannten Großunternehmen? Vielleicht weil dort der Aufstieg schneller gelingt? Oder sich die Führungskräfte und Personaler einfach besser um einen kümmern? 

Prof. Simon: Ich bin ein großer Fan von Mittelstand und Hidden Champions als Arbeitgeber. Ja, der Aufstieg geht dort schneller. Und man erhält früh mehr und breitere Verantwortung. Der Weg zum Chef ist kürzer und direkter. Eigene Leistung wird eher und besser erkannt als in der großen Organisation. Wenn dann die Auslandserfahrung hinzukommt, entsteht ein ziemlich komplettes Profil für umfassende Führungskompetenz. Ich kann aus jahrzehntelanger Erfahrung nur sagen, dass ich bei Hidden Champions in der Regel zufriedenere Führungskräfte und Mitarbeiter antreffe als in Großunternehmen. Ich habe oft folgende Frage gestellt: "Wieviel Prozent Ihrer Energie verbrauchen Sie auf die Überwindung interner Widerstände?". Typische Antwort in Großunternehmen: "60 bis 70 Prozent, im Mittelstand/bei Hidden Champions "20 bis 30 Prozent". Ich denke, das sagt alles zu dieser Frage. Man muss sich allerdings damit abfinden, dass man nach außen nicht mit einem bekannten Arbeitgebernamen glänzen kann.  

CONSULTING.de: Als Berater und Volkswirt werden Sie sicher ganz begeistert darüber sein, Zeuge eines epochalen technologischen Wandels zu sein. Beispiel Auto. Deutschland ist bekannt für seine Autos und unzählige Mittelständler profitieren von dieser Erfolgsgeschichte. Doch nun kommt die Energiewende und der langsame Abschied des Otto-Motors. Viele Teile, die heute noch von Mittelständlern geliefert und dann in Autos verbaut werden, werden demnächst nicht mehr gebraucht.  Andere Länder sind beim E-Auto schon weiter als Deutschland, daher abschließend die Frage: Haben viele deutsche Hidden Champions nach dem, was Sie so hören, zurzeit Angst vor der Zukunft?  Und haben Sie Trost für sie?

Prof. Simon: Die Autoindustrie ist ein Sonderfall, aber für Deutschland natürlich ein besonders wichtiger Sektor. Wer bisher mit 80 oder 90 Prozent seines Umsatzes am Verbrennungsmotor oder am Antriebsstrang hängt, der dürfte in der Tat Probleme bekommen. Aber es gibt durchaus Trost. Der Verbrennungsmotor ist keineswegs tot. Ich habe gerade einen neuen 7er BMW bekommen. Wenn ich den Tank mit 90 Liter befülle, habe ich eine Reichweite von 1.190 km. Im Schnitt transportiere ich also 45 Liter = 45 kg, um mehr als 1.000 km zu fahren. Ein Tesla transportiert 500 kg, um bei sportlichem Fahren auf 300 km Reichweite zu kommen. Meine Hypothese: den Diesel wird es auch noch 2030 geben, bei LKW ohnehin, mit dann noch deutlich geringerem Verbrauch und besserer Reinigung. Aber das allein löst natürlich das Problem der Firma, die heute zu 90 Prozent vom Verbrennungsmotor abhängt, nicht. Sie wird nur mit massiver Innovation und neuen Produkten überleben, die nicht am Verbrennungsmotor hängen. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Robotik, Automatisierung sind Stichworte, die die Richtung weisen.

Wie sieht es diesbezüglich, auch über die Autoindustrie hinaus, in Deutschland aus? Im Verbraucherbereich spielen wir keine Rolle, das ist eine amerikanische und eine chinesische Domäne. In industriellen Prozessen sind deutsche Firmen hingegen führend. Seit 2010 wurden weltweit 9.900 Patente zum Autonomen Fahren registriert. Davon kommen 40 Prozent aus Deutschland, mehr als aus jedem anderen Land. Die Software von Teamviewer ist Weltmarktführer für "remote screen control" und auf mehr als zwei Milliarden Geräten installiert. Kaum jemand, der Siri nutzt, weiß, dass dahinter eine Software aus Deutschland, das sogenannte "Long Short Term Memory" (LSTM) steckt. LSTM befindet sich auf mehr als drei Milliarden Smartphones. Die beste Übersetzungssoftware der Welt, deepl.com, kommt aus Köln. Viele weitere Beispiele beschreibe ich in dem Artikel "Die digitalen Hidden Champions", der im Novemberheft 2019 des Harvard Business Manager erschienen ist. Ja, in der Autoindustrie wird es einige erwischen. Insgesamt bin ich aber optimistisch für Deutschland und seine Hidden Champions.

CONSULTING.de: Vielen Dank, Prof. Simon, für das Gespräch!

Das Interview führte Tilman Strobel'

 Hier geht es direkt zum aktuellen Buch von Prof. Simon, in dem er eindrucksvoll seine Lebensreise vom Bauernhof in der Eifel zum Global Business beschreibt.

 

 

Veröffentlicht am: 20.11.2019

 

Über CONSULTING.de

consulting.de ist das zentrale Informationsportal für Unternehmensberatungen. Unser breites Informationsangebot rund um Consulting richtet sich sowohl an Management- und Strategieberatungen, Personalberatungen, Controlling- und Finanzberatungen, Wirtschaftsprüfungen, Marketing- und Kommunikationsberatung und IT-Beratungen als auch deren Kunden aus Industrie, Handel sowie Dienstleistung.