Immer einen Schritt voraus sein

Peter Mockler und Kiumars Hamidian im Interview

02.03.2017

Mit einem Umsatz von 622 Millionen Euro hat die Management- und Technologieberatung BearingPoint das Geschäftsjahr 2016 abgeschlossen und konnte damit um 10 Prozent wachsen. Was die Treiber dieser Entwicklung waren und welche künftigen Ziele sich das Unternehmen gesteckt hat, erörtern Global Managing Partner Peter Mockler und Deutschlandchef Kiumars Hamidian im Interview mit CONSULTING.de.

Peter Mockler (links) und Kiumars Hamidian (Bild: BearingPoint)

Peter Mockler (links) und Kiumars Hamidian (Bild: BearingPoint)

CONSULTING.de: Herr Hamidian, Sie sind seit 2012 Mitglied des deutschen Management Boards bei BearingPoint und seit Beginn des Jahres Deutschlandchef. War es schon früh Ihr Ziel, in die Management-Ebene aufzusteigen?

Kiumars Hamidian: Am Beratungsgeschäft hat mich schon immer die Möglichkeit begeistert, einen spürbaren Gestaltungsbeitrag leisten zu können. BearingPoint ist eine unternehmerische Partnerschaft und es freut mich sehr, unser Unternehmen gemeinsam als Team weiter formen zu können.

CONSULTING.de:
Wie würden Sie das letzte Jahr rückblickend beschreiben? Welche Management-Entscheidungen haben Sie mit auf den Weg gebracht?

Kiumars Hamidian: Wenn ich auf 2016 zurückblicke, bin ich stolz, dass wir in Deutschland ein sehr gutes Jahr abgeschlossen haben. Trotz globaler Unsicherheiten konnten wir ein zweistelliges Umsatzwachstum erzielen. Aus fachlicher Perspektive war das Jahr geprägt von den Themen Digitalisierung, Regulierung und Analytics. Insbesondere im Bereich Digitalisierung haben wir es geschafft, uns mit unserem digitalen Ökosystem im Markt zu etablieren. Neben dem Consulting-Bereich haben wir unser Solutions-Geschäft weiter massiv ausgebaut und blicken hier ebenfalls in eine vielversprechende Zukunft.

2016 war auch in Hinblick auf unsere Expansion sehr wichtig. Zum Beispiel haben wir vor Kurzem unser erstes Office in Tschechien eröffnet und die Region GCR – Germany, Czech Republic und Romania – bei BearingPoint neu geschaffen. Sämtliche Entwicklungen können wir nur mit engagierten, smarten und motivierten Mitarbeitern vorantreiben, sodass wir allein in Deutschland im letzten Jahr gezielt Mitarbeiter im dreistelligen Bereich eingestellt haben.

CONSULTING.de: Herr Mockler, 2015 und 2016 steigerte BearingPoint firmenweit den Umsatz, Investitionen in die Weiterentwicklung der Mitarbeiter und in das Recruiting neuer Top-Talente kamen auf die Agenda. Wie ist die Weiterbildung bei BearingPoint organisiert?

Peter Mockler: Unsere Mitarbeiter werden kontinuierlich weiterentwickelt und gefördert. Dabei setzen wir auf Angebote, die individuell auf unsere Mitarbeiter zugeschnitten sind, eine adaptive Lernumwelt darstellen und sich in unserer Learning Strategy widerspiegeln. Das heißt, fachliche Trainings und Soft-Skill-Schulungen müssen gleichgewichtig und parallel erfolgen, sowohl in Präsenztrainings, E-Learnings und Blended-Learnings. Das BearingPoint Curriculum beinhaltet neben regionalen Schulungen ein firmenweites Curriculum, das für alle Mitarbeiter zugänglich ist.

Besonderes Augenmerk liegt hier auf Kooperationen mit führenden Business Schools weltweit, zum Beispiel der Yale School of Management, ESCP Europe, Said Oxford Business School, MIT und IMD. Diese Trainings in Kombination mit Learning Expeditions ermöglichen es unseren Mitarbeitern, sich in den Bereichen Leadership, Innovation, Strategie, Unternehmerisches Denken und Handeln, Vertrieb und Verhandlung weiterzuentwickeln. Begleitend haben alle Mitarbeiter Zugang zu unserem E-Learning- System, es umfasst mehr als 3.000 Online-Kurse und mehr als 10.000 Bücher und Journals. Intern entwickelte Schulungen und Pflichttrainings, etwa zu den Themen IT Security, Engagement Management, Delivery Framework oder Compliance, ergänzen unser Weiterbildungsangebot.

CONSULTING.de: In welcher Weiterbildung haben Sie beide zuletzt gesessen?

Peter Mockler und Kiumars Hamidian: In einer Weiterbildung "sitzen" ist in diesem Fall vielleicht nicht die richtige Beschreibung. Wir haben zuletzt gemeinsam mit Kunden eine sogenannte Learning Exhibition im Silicon Valley durchgeführt, dort haben wir die 20 spannendsten Start-Ups, Unicorns und erfolgreichen Unternehmen besucht. Dieser direkte Einblick und der Austausch mit kreativen Köpfen ist unbezahlbar, das erweitert die eigene Denkweise beziehungsweise stellt diese in Frage. Unserer Meinung nach ist das eine der intensivsten und langlebigsten Formen von Weiterbildung.

CONSULTING.de: Der Kampf um die besten Nachwuchskräfte ist auch bei Consultingunternehmen angekommen. In welche Recruiting-Maßnahmen investieren Sie mehr, um die Top-Talente auf sich aufmerksam zu machen? Wie sind Sie im Mobile Recruiting aufgestellt?

Peter Mockler: Wir machen deutlich mehr Hochschulmarketing, haben unsere Angebote für Praktikanten ausgeweitet und geben über einen persönlicheren Social-Media-Auftritt vielfältigere Einblicke in unser Unternehmen. Im Ergebnis sind sowohl die Bewerberzahlen als auch die Einstellungen bei Nachwuchskräften deutlich gestiegen.

Einer der relevantesten Kanäle für die Zielgruppe der Professionals ist unser Mitarbeiterempfehlungsprogramm, das wir im letzten Jahr neu konzipiert haben. Unsere Mitarbeiter wissen sehr gut, wen wir suchen und wer kulturell zu uns passt. Unsere internen Zahlen zeigen deutlich, dass der Kanal effizient ist und darüber eingestellte Mitarbeiter mit hoher Wahrscheinlichkeit im Unternehmen bleiben.

Außerdem investieren wir stark in zielgenaue Online-Kampagnen, mit denen wir die richtigen Bewerber mit individuellen Inhalten ansprechen. Das Thema Mobile Recruiting ist Teil eines ganzheitlichen 'Candidate Experience Managements' – und das nehmen wir sehr ernst. Insbesondere bei Recruiting-Kampagnen realisieren wir möglichst barrierefreies Bewerben und sind damit komplett offen für eine mobile Nutzung.

CONSULTING.de: Neben den begehrten Talenten werden für viele Beratungen auch Quereinsteiger immer interessanter, die eine andere Perspektive auf Fragestellungen mitbringen. Wie sieht es diesbezüglich bei BearingPoint aus? Adressieren Sie Quereinsteiger gezielt?

Peter Mockler: Definitiv - Quereinsteiger können sehr wertvolle, frische Perspektiven aus anderen Unternehmen und Branchen einbringen. Deshalb stellen wir immer wieder auch Quereinsteiger ein und formulieren unsere Stellenanzeigen so, dass sie Bewerber ohne Hintergrund in einer Unternehmensberatung ebenfalls ansprechen. Grundsätzlich finde ich es sehr wichtig, dass Beratungsunternehmen Vielfalt annehmen. Nur so können wir den breitesten Talentpool bieten und unsere Kundenteams so zusammenstellen, dass eine optimale Kombination von unterschiedlichen Fähigkeiten und Persönlichkeiten entsteht. Teams, in denen Vielfalt herrscht, sind meist innovativer und kreativer, sie können besser Out-of-the-Box denken.

Viele Unternehmen können mit der Digitalisierung noch nicht Schritt halten

CONSULTING.de: 2016 gewann BearingPoint den Sonderpreis 'Digitalisierung' im Wettbewerb 'Best of Consulting'. Was haben Sie anders und besser gemacht als andere Beratungsunternehmen?

Kiumars Hamidian: Bei dem speziellen Projekt, mit dem wir bei der WirtschaftsWoche den Sonderpreis 'Digitalisierung' sowie den Preis 'Project Excellence' gewonnen haben, ging es um das Thema digitales Ökosystemmanagement, auf das wir einen besonderen Fokus in unserer Beratungsarbeit legen. Ergebnis des Kundenprojekts war eine digitale Plattform, über die Kunden, Produkte und Mitarbeiter effizient miteinander verbunden werden. Bei diesem digitalen Programm konnten wir durch unsere Industrieexpertise, Erfahrung im Bereich Prozessberatung und digitale Transformation überzeugen. Außerdem haben wir die sehr kurzen Time-to-Market-Vorgaben realisiert. Ich denke, die Auszeichnung ist ein Beleg für die hohe Wertschöpfung, die wir mit unserer Beratung bei unseren Kunden schaffen. Vielen Unternehmen gelingt es noch nicht, Schritt mit der Digitalisierung zu halten, deshalb fragen sie unsere Beratungsleistungen an. In diesem Zusammenhang erhalten wir das Feedback, dass unser Beratungsansatz die digitale Transformation vorantreibt und ermöglicht, Prozesse und Strukturen effizient zu gestalten.

CONSULTING.de: Und wo steht die Trophäe jetzt?

Kiumars Hamidian: Die Trophäe steht zurzeit beim Projektteam in Berlin, da es auch eine Auszeichnung für eine tolle Teamleistung ist.

CONSULTING.de: Welche zentralen Fragestellungen treiben im Rahmen der Digitalisierung alle Kundenunternehmen um und werden somit auch immer wieder an Sie herangetragen?

Kiumars Hamidian: Die Unternehmen stehen vor der Herausforderung, die Digitalisierung in ihr operatives Geschäftsmodell zu integrieren und stellen sich aktuell die Frage, "wie" das gelingen soll. Die digitale Transformation ist schon lange zentraler Ankerpunkt in vielen Unternehmensstrategien. Ein Baustein ist der Aufbau von digitalen Service-Plattformen und Apps, wie im vorangegangen Beispiel erläutert. Dieses Thema haben wir zuletzt unter anderem bei einer Großbank mit der Einführung einer Web-Applikation zur Berechnung von Vorteilsaspekten einzelner Produkte umgesetzt.

Neben der Integration ins eigene Geschäftsmodell ist die Verzahnung von verschiedenen Geschäftsmodellen und Unternehmen über digitale Lösungen einer der Hauptaspekte. Der Aufbau von digitalen Ökosystemen, wie wir es etwa mit unserer Lösung R6 anbieten, eröffnet Industrien neue Möglichkeiten.

Das sind nur zwei der zahlreichen Fragestellungen, denn natürlich suchen die Unternehmen weiterhin nach Wegen, um die Customer Experience zu verbessern und das Performance Management effizienter zu gestalten. Zusätzlich ist Robotics ein Thema, das immer mehr in den Vordergrund rückt. Hier haben wir bereits Projekte bei einigen Automobilherstellern zur Prozessautomatisierung durch Robotic-Technologien durchgeführt. Im Zusammenhang mit dem Thema Connected Car stellt das für diese Branche eine zentrale Fragestellung dar.

Veränderung des eigenen Geschäfts

CONSULTING.de: Verändert sich Ihr Geschäft ebenso schnell wie das Ihrer Kunden? In welchen Bereichen ganz besonders? Wie reagieren Sie darauf?

Peter Mockler: Um einen Mehrwert für unsere Kunden zu schaffen, müssen wir im Prinzip immer einen Schritt voraus sein. Somit verändern wir unser Geschäft proaktiv, um neuen Kundenanforderungen entsprechen zu können. Dabei war eine der bedeutendsten Veränderungen im Consultinggeschäft des vergangenen Jahrzehnts sicher der Wechsel von der klassischen Beratung hin zur Management- und Technologieberatung – eine Veränderung, die sich im Zuge der Digitalisierung rasant beschleunigt hat. Inzwischen gibt es praktisch keine Projekte mehr, die ohne Technologieberatung abgewickelt werden. Wir haben die Digitalisierung als eines unserer Kernthemen definiert und sind seit Jahren im digitalen und technologisch geprägten Umfeld aktiv. Das zeigt sich auch in unserer dreigliedrigen Struktur: Seit 2016 organisieren wir uns innerhalb der Geschäftseinheiten Consulting, Solutions und Ventures. Während Consulting das weiterhin wachstumsstarke Beratungsgeschäft umfasst, entwickeln wir in den Bereichen Solutions und Ventures neuartige Softwarelösungen und Geschäftsmodelle. Innerhalb von Ventures forcieren wir gemeinsam mit Kunden die Förderung von innovativen Produkten sowie die Gründung und Finanzierung von Start-ups. Der Geschäftsbereich Solutions bündelt alle Aktivitäten im Bereich Softwareentwicklung und Asset Based Consulting, die wir seit Jahren neben unserem Beratungsgeschäft ausbauen. Unser Ziel ist es, den Umsatz im Bereich Solutions bis zum Jahr 2020 zu verdoppeln. Ein Haupttreiber auf dem Weg dorthin ist, wie Herr Hamidian bereits erwähnte, unsere 'Digital Ecosystem Management' Initiative, dazu gehört auch die Concept-to-Cash Plattform R6.

CONSULTING.de: Bis 2020, so das Ziel, will BearingPoint beim Umsatz die Milliardengrenze knacken: Was planen und realisieren Sie in diesem Jahr, um diesem Ziel ein Stück näher zu kommen?

Peter Mockler: 2017 wird sich hauptsächlich um Innovation und Strategieumsetzung drehen. Darüber hinaus bauen wir auf dem Geschäft auf, das wir im letzten Jahr generiert haben. Dies ist kritisch für anhaltenden Erfolg.

Digital Ecosystem Management, Regulatory Technology und Advanced Analytics stehen im Mittelpunkt unserer Strategie. In diesem Jahr werden wir die Internationalisierung unseres Produktgeschäfts rund um unsere Abacus-Lösungen beschleunigen. Ein weiteres Erfolgskriterium wird sein, noch stärker auf unsere zuvor erwähnte Digital Ecosystem Management Lösung R6 aufmerksam zu machen. Damit konnten wir bereits bei einigen großen Kunden einen entscheidenden Geschäftserfolg erzielen.

Für 2017 planen wir weitere kleinere Akquisitionen, vorausgesetzt sie stärken unser Service-Portfolio und passen zu unseren Unternehmenswerten und unserer Kultur.

Zusätzlich werden wir unsere globalen Aktivitäten weiter verstärken. Gemeinsam mit unseren Alliance Partnern und unseren eigenen Repräsentanzen haben wir die entsprechende Grundlage geschaffen, um unsere Kunden rund um den Globus zu unterstützen.

Natürlich müssen wir ebenfalls auf das politische Umfeld schauen. In 2017 werden in zwei unserer größten Regionen Wahlen stattfinden. Wir müssen daher sehr aufmerksam beobachten, welchen Einfluss die Ergebnisse auf das Geschäft unserer Kunden haben werden. Das bedeutet, wir werden unsere Kapazitäten weiterhin sehr nah an die Nachfrage im Markt ausrichten und müssen in diesem Punkt flexibel aufgestellt sein.

Wir werden also unser Kundenportfolio, unsere Industriesegmente, Services und unseren globalen Fußabdruck optimieren. Und wir werden wir natürlich kontinuierlich an der Verbesserung unserer internen Prozesse arbeiten.

Innovation als sozialer Prozess

CONSULTING.de: BearingPoint hat ein "Netzwerk zur Förderung von Innovationen geschaffen". Was kann man sich darunter genau vorstellen?

Kiumars Hamidian: Wir betrachten Innovation als Mind-Set und als Teil unserer DNA – man könnte auch sagen als den Sauerstoff, den wir täglich atmen. Es ist essenziell zu verstehen, dass Innovation ebenfalls ein sozialer Prozess ist, der nur durch Austausch, Zusammenarbeit und in einem Netzwerk gelebt werden kann.

Seit einigen Jahren sind wir schon bei Inkubatoren aktiv und mit unseren BE.Ventures investieren wir in Mitarbeiter, Kunden und Markt-Ventures. Das Zusammenwirken dieser drei Ankerpunkte ermöglicht eine Vielzahl als auch Vielfalt von Innovationen. Diese können wir etwa durch unsere 'BE an Innovator'-Initiative identifizieren. Dabei präsentieren er Studenten und junge Unternehmer ihre Ideen, den Sieger fördern wir ein Jahr lang mit Beratungsleistungen und einem finanziellen Beitrag.

Intern bilden auch unsere Accelerators, das heißt geprüfte Lösungen und Ansätze, gemeinsam mit unserer internen digitalen Ideenplattform eine entscheidende Säule. Die Innovationen unserer Mitarbeiter sind für uns von essenzieller Bedeutung. Zur Integration in unser innovatives Ökosystem haben wir nun bereits zum zweiten Mal einen Shark-Tank-Wettbewerb organisiert, in Zusammenarbeit mit den Inkubatoren hub:raum in Berlin und Le Village by CA in Paris. Wir bleiben jedoch auch hier nicht stehen, sondern schauen immer weiter nach neuen Möglichkeiten. Aktuell bauen wir ein Innovation Lab auf, um Innovationen erlebbar zu machen. Darin können wir gemeinsam mit unseren Kunden experimentieren.

Das Interview führte Ina Oberhoff

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