"Innovation erfolgt oft eher zufällig"

Interview mit Dr. Andreas Romberg, Staufen AG

05.04.2018

Selbst global marktführende Unternehmen beklagen mehrheitlich, dass ihre Innovationen zu viel Zeit bis zur Marktreife benötigen: Rund 60 Prozent von ihnen bewerten die Time to Market bei neuen Produkten kritisch. Das ist ein Ergebnis einer aktuellen Studie, für die von der Unternehmensberatung Staufen mehr als 200 Unternehmen in Deutschland befragt wurden. Wir sprachen mit Dr. Andreas Romberg, der bei Staufen als Senior Partner den Bereich Innovation und Produktentstehung führt.

Dr. Andreas Romberg, Staufen AG

Dr. Andreas Romberg, Staufen AG

CONSULTING.de: Herr Dr. Romberg, fast 50 Prozent der deutschen Weltmarktführer bewerten laut Ihrer Umfrage den eigenen Innovationsprozess als "wenig professionell". Man mag dieses Ergebnis kaum glauben, oder lag es an einer geschickten Fragestellung?

Romberg: Ich bin mir sicher, dass das Ergebnis der Realität entspricht. Das zeigen auch Erfahrungen in unseren Beratungsprojekten vor Ort. Gerade bei vielen Klein- und Mittelständlern erfolgt Innovation eher zufällig, etwa getrieben durch einzelne Personen wie z.B. Gesellschafter. Konkrete Prozesse und Strukturen, die systematisch Innovationsarbeit betreiben, findet man bei diesen Unternehmen eher selten.

CONSULTING.de: Neuentwicklungen, so schreiben Sie, würden oft wenig strukturiert und ohne geregelte Prozesse vorangetrieben. Dabei fehle auch noch eine verbindliche Führung. Das verwundert, ist Deutschland doch berühmt dafür, in der technologischen Entwicklung Gas zu geben, wenn es sein muss. Vielleicht sind es ja gerade die freieren Abläufe im Kreativprozess, die positiv wirken!

Romberg: Ich stelle überhaupt nicht in Frage, dass Deutschland in Sachen technologische Entwicklung und Innovation weltweit zu den Haupt-Playern gehört. Was man aber feststellen muss, ist zweierlei. Erstens: Dass neben erfolgreichen Entwicklungen/Innovationen auch eine Reihe von „Flops“ entwickelt wurden. Soll heißen, dass man hier häufig nicht effektiv genug war. Hier würden systematische Ansätze, entsprechende Strukturen sowie Prozesse helfen, rechtzeitig die Spreu vom Weizen zu trennen. Dies würde die Effektivität steigern und damit Ressourcen und Mittel den richtigen „Kanälen“ zuordnen. Zweitens ist festzustellen, dass die Innovations-Geschwindigkeit drastisch erhöht werden muss, gerade auch im Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung im Rahmen von Industrialisierung 4.0. Hier spielen neben der Systematik, den Prozessen und Strukturen insbesondere die Themen Geschwindigkeit, Flexibilität/Agilität und Verbindlichkeit in der Führung eine große Rolle. Ohne Berücksichtigung dieser Aspekte ist die Gefahr groß, von anderen überholt zu werden. Und übrigens: Ihr Gedankengang, wonach Entwicklung und Innovation wegen der erforderlichen Kreativität nicht systematisch angegangen werden können, ist aus meiner Sicht ein Scheinargument. Es drückt Angst vor einem Veränderungsprozess aus, den es dringend braucht, um die o.g. Themen anzugehen.

CONSULTING.de:  Kennen Sie Beispiele von Unternehmen, wo Innovationen regelrecht blockiert werden? Sie müssen ja keine Namen nennen.

Romberg: Regelrechte Blockaden sind selten. Sehr häufig erlebt man jedoch, dass kurzfristiger Umsatz, etwa aufgrund eines konkreten Kundenauftrags, zukünftigen Umsatz „schlägt“. Soll heißen: Wenn die Auftrags-Pipeline voll ist, werden Innovationsentwicklungen häufig vernachlässigt und Ressourcen auf aktuelle Kundenaufträge umgeleitet. Damit verspielt man jedoch eigenen technischen Fortschritt und gleichzeitig die Chance, in neuen Feldern als innovativer Player mitzuspielen.

CONSULTING.de: Und wie schafft man nun Abhilfe, brauchen Deutschlands Hidden Champions Innovationsberatung?

Romberg: Wir leben von Beratung; aber nicht aus diesem Grund empfehle ich, sich bei Bedarf Rat zu holen. In den Unternehmen schlummern sehr oft viele brachliegende Ressourcen bei Mitarbeitern in Form von innovativen Ideen, Kompetenzen, Netzwerken und Know-how. Oft genügt es mit vergleichsweise einfachen Mitteln, diese systematisch zu erschließen und über einen Veränderungsprozess dann nachhaltig zu nutzen. Ganz im Sinne erfolgreicher Innovationen.

CONSULTING.de: Vielen Dank!

 

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