"Jobprofile werden sich grundsätzlich ändern"

Interview mit Haymo Spiegel, Deloitte

28.02.2018

Nur ein Drittel der internationalen Führungskräfte sieht sich in der Lage, ihr Unternehmen sicher durch den industriellen Wandel zu führen. Deutsche Chefs dagegen zeigen sich selbstbewusster. Das ist das Ergebnis einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte. Wir sprachen mit Haymo Spiegel, Autor der Studie und leitender Partner bei Deloitte sowie Leiter des Center for Industry 4.0, über die Angst deutscher Spitzenkräfte und die Zukunft der Arbeit.

Haymo Spiegel (Bild: Deloitte)

Haymo Spiegel (Bild: Deloitte)

CONSULTING.de: Herr Spiegel, in Ihrer Studie heißt es, Top-Manager reagierten auf die nächste industrielle Revolution mit gemischten Gefühlen. Wovor haben die Spitzenkräfte Angst?

Spiegel: Die Digitalisierung wirft in Unternehmen sowie in der gesamten Gesellschaft viele Fragestellungen auf. Die Konsequenzen sind in einigen Fällen nur schwer einzuschätzen – ich denke dabei zum Beispiel an rechtliche Herausforderungen, die sich durch Themen wie autonomes Fahren ergeben oder die Sicherung von Daten gegen Cyberangriffe. Dazu kommen veränderte Anforderungen an die fachliche Qualifikation der Arbeitskräfte und die generelle Angst vor Rationalisierungen. Wir sehen in diesem Zusammenhang jedoch vielmehr auch Chancen: Algorithmen und künstliche Intelligenz werden die Menschen nicht grundsätzlich ersetzen. Gleichwohl werden sich die Jobprofile und Schlüsselqualifikationen der Arbeitnehmer grundlegend verändern und daraus auch neue Berufsbilder entstehen.

CONSULTING.de: Es gab Zeiten, da hat es Schumpeter „Schöpferische Zerstörung“ genannt, später stand der Begriff Innovation für Erneuerung, jetzt beherrscht die digitale Transformation die PowerPoint-Folien. Man könnte es doch eigentlich auch einfach immer „Wettbewerbsfähig bleiben“ nennen, denn darum geht es doch, oder?

Spiegel: Grundsätzlich ja. Auch bei der Digitalisierung geht es darum, wettbewerbsfähig zu bleiben. Aus unserer Sicht ist neben der Optimierung der Produktions- und Logistikprozesse besonders die Transformation von Geschäftsmodellen vielversprechend. Die Bandbreite an Möglichkeiten reicht dabei von Erweiterungen des Angebots durch einzelne Leistungen bis hin zur einer kompletten Neuausrichtung von Produkten oder Abrechnungsmodellen. Ein typisches Beispiel ist eine geänderte Fokussierung weg von Produkten und hin zu Services beispielsweise kombiniert mit einer verbrauchsabhängigen Abrechnung. Dabei kann es um tiefgreifende Veränderungen gehen, die sich von Cash-Flows und Lagerhaltung über Datenschutzfragen bis hin zu neuen Vertriebskanälen auf große Teile des Unternehmens auswirken. 

CONSULTING.de: Laut Studie sind die deutschen Manager überdurchschnittlich optimistisch für die Zukunft, was Industrie-4.0-Themen betrifft, überschätzen sich deutsche Manager womöglich?

Spiegel: Sicherlich bieten die vielen erfolgreichen Jahre deutscher Unternehmen genügend Gründe, selbstbewusst in die Zukunft zu sehen. Dies birgt jedoch die Gefahr, sich im globalen Vergleich im Hinblick auf neue Herausforderungen zu verschätzen. Unternehmen wie Tesla, momentan der Innovator im Bereich Elektromobilität, haben gezeigt, dass auch Märkte mit eher hohen Eintrittsbarrieren erobert werden könnten. Hier ist es wichtig, auf allen Ebenen im Unternehmen innovativ zu bleiben – nicht nur bei der Optimierung von Produktionsprozessen, sondern besonders im Hinblick auf neue Produkte und Geschäftsmodelle.

CONSULTING.de: Die deutsche Wirtschaft jammert jetzt seit gefühlten zehn Jahren über fehlende Fachkräfte im IT-Bereich. Was schlagen Sie vor, wie man dem Problem endlich Herr werden könnte?

Spiegel: Die Ansätze zur Problemlösung müssen bereits auf schulischer Ebene beginnen. Ein stärker auf MINT-Fächer ausgerichteter Lehrplan könnte Schüler frühzeitig an diese Themenfelder heranführen und bspw. im Nachgang für geringere Abbruchquoten beim IT Studium sorgen. Daneben sollte eine technische Berufslaufbahn für junge Frauen attraktiver gestaltet werden. Unternehmen stehen ebenso in der Pflicht, ihr Ausbildungsangebot quantitativ auszuweiten und Quereinsteigern oder Autodidakten eine Chance zu geben. Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Bildungseinrichtungen ist hier sicherlich sinnvoll. Weiterhin muss im Blick behalten werden, dass die Suche nach Fachkräften nicht mehr nur lokal, sondern global stattfindet. Das Ziel muss es sein, Fachmitarbeiter und Leistungsträger im Land zu behalten, indem man als Arbeitgeber und auch seitens des Staates attraktive Rahmenbedingungen bietet. Diejenigen Unternehmen, die mit Flexibilität und Agilität das attraktivste Umfeld und die interessantesten Zukunftschancen bieten, werden die besten Talente an sich binden

CONSULTING.de: Industrie 4.0 bedeutet neue Technologien - was denken Sie, welche großen Trends werden sich am Ende doch nicht durchsetzen?

Spiegel: Viele der neuen Technologien stehen noch am Anfang ihres Lebenszyklus und finden derzeit auf dem breiteren Markt vor allem als „Showcases“ statt. Für Technologien, die es schaffen, dem Anwender sinnvolle Nutzungsmöglichkeiten zu bieten und gleichzeitig durch Miniaturisierung, Reduzierung von Störanfälligkeiten, Gewicht und Laufzeiten den Markt überzeugen zu können, sehe ich große Chancen. Weiterentwickelte Smart Glasses werden beispielsweise zukünftig unauffällig in Helmen verbaut und Sensoren standardmäßig in Handschuhen. Das wird mit sich bringen, dass diese Technologien weniger sichtbar, aber deutlich robuster werden und sich dadurch deren Anwendungsgebiete stark ausweiten. So werden diese Technologien folglich massenmarkttauglich.

CONSULTING.de: Vielen Dank, Herr Spiegel!

Das Interview führte Tilman Strobel

 

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