"Keine Cold-Calls, keine verschleierten Job-Beschreibungen"

Interview mit Ralf Fuhrmann

Nach Gründung seines ersten Start-ups im Beratungsmarkt Preplounge, einem Trainingscamp für angehende Berater, ging in diesem Jahr consultingheads an den Start. Im Interview mit CONSULTING.de beschreibt CEO Ralf Fuhrmann, was es mit dieser Jobbörse konkret auf sich hat, welche Erfahrungen er bisher mit den beiden Consulting-Start-ups machte und er erläutert, inwiefern klassische Beratungshäuser von Start-ups eventuell noch etwas lernen können.

Ralf Fuhrmann, consultingheads

Ralf Fuhrmann ist CEO von consultingheads (Bild: consultingheads)

CONSULTING.de: Welche Erfahrungen haben Sie persönlich vor der Gründung Ihres ersten Start-ups PrepLounge in der Consultingbranche gesammelt?

Ralf Fuhrmann: Schon während des Studiums habe ich einige Praktika in Beratungen absolviert und dabei unter anderem bei Roland Berger, PwC und EY erste Erfahrungen gesammelt. Nach dem Abschluss bin ich schließlich bei Bain eingestiegen und habe dort überwiegend Mandanten aus der Industriegüterbranche und Private Equity Fonds beraten. Besonders imponiert haben mir die smarten Kollegen, die spannenden Aufgaben und die damit verbundene Weiterentwicklung. Damit haben also die klassischen "Verkaufsargumente" der Beratungen bei mir gezogen und sich auch absolut bewahrheitet. Nach vier Jahren war es dann aber an der Zeit, etwas Neues zu wagen. Insbesondere wollte ich aus der eher passiven Beraterrolle raus und mehr gestalterische Freiheit haben. Da ist das eigene Unternehmen natürlich ideal.

CONSULTING.de: Welche Herausforderungen bringt die Digitalisierung für die Consultingbranche aus Ihrer Sicht mit sich?

Ralf Fuhrmann: Ich sehe drei Kernherausforderungen: Zunächst ist da die inhaltliche Herausforderung für die Berater. Wir sehen gerade dabei zu, wie ein ganzes Kompetenzfeld neu entsteht. Es werden neue Geschäftsmodelle möglich und innovative Start-ups stellen bestehende Geschäftsprozesse komplett auf den Prüfstein. Moderne Berater müssen daher auch im digitalen Bereich sprachfähig sein, um die Kunden bestmöglich zu beraten. Dabei geht es um mehr als nur Big Data; User Experience, Design, agile Methoden und vieles mehr spielen auch eine große Rolle. Einige Häuser haben bereits – aus meiner Sicht richtig – reagiert und schon eigene Vehikel, zum Beispiel McKinsey Digital Labs oder BCG Digital Ventures, geschaffen, um das nötige Know-how aufzubauen. Auch strategische Übernahmen in diesem Bereich häufen sich in letzter Zeit folgerichtig.

Eine weitere Herausforderung ist der Konkurrenzkampf um die besten Köpfe. Seit jeher rekrutieren die großen Top-Management-Beratungen nur die besten des Jahrgangs. Diese werden aber mehr und mehr von der digitalen Welt angezogen. Schließlich sind sie dem Reiz ausgesetzt, mit einem innovativen Start-up innerhalb weniger Jahre große Exit-Geschichten zu schreiben und damit das schnelle Geld zu machen. Für viele junge High-Potentials ist dieses (unwahrscheinliche) Szenario attraktiver als der sichere, gut bezahlte Job in der Beratung.

Und schließlich wird durch die Digitalisierung ein großer Freelance-Beratungsmarkt entstehen, welcher – wenn auch nur in geringem Umfang – Marktanteile von etablierten Häusern übernehmen wird. Das wird sowohl von der Angebotsseite als auch von der Nachfrageseite getrieben. Das Angebot an Freelance-Beratern steigt, da der Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung zunehmend flexibilisiert wird. Freelance-Berater konnten sich noch nie so schnell und einfach finden lassen. Plötzlich wird es für Berater möglich, sehr kurzfristig Projekte zu akquirieren, ohne eine starke Marke im Rücken zu haben. Durch die entstehende Transparenz steigt die Nachfrage nach Freelance-Beratern, da diese oft sehr gut ausgebildet und deutlich günstiger als angestellte Berater sind. Ich glaube allerdings nicht, dass die aktuellen Beratungsunternehmen zukünftig von "virtuellen" Beratungen, die komplette Teams aus verschiedenen Freelance-Beratern zusammenwürfeln, ersetzt werden. Dieses "Gebilde" ist viel zu fragil: Der Endkunde möchte bei größeren Projekten auch in Zukunft einen festen Ansprechpartner haben, der ihn dauerhaft unterstützt. Das kann nachhaltig aus meiner Sicht nur von einem Partner eines klassischen Beratungshauses geschehen, der die Projekte akquiriert. Das operative Team wird aber zukünftig nicht immer in Vollzeit festangestellt sein, sondern vielmehr um einzelne erfahrene Freelancer beziehungsweise Experten ergänzt. Das wird die Beratungsqualität enorm verbessern.

Unterstützung – keine Konkurrenz

CONSULTING.de: Warum denken Sie, dass Sie mit consultingheads dafür gut aufgestellt sind?

Ralf Fuhrmann: Unmittelbar sind ja die klassischen Beratungshäuser von den oben genannten Herausforderungen betroffen. Sie müssen sich daher fragen, wie sie darauf reagieren. In diesem Zusammenhang verstehen wir uns als Partner der Beratungen und helfen ihnen die Herausforderungen zu meistern. Dies sind für mich zunächst inhaltliche Herausforderungen: Durch die Vermittlung von passgenauen Beratern helfen wir Beratungen, etwaige Kompetenzlücken zu schließen. Dies können zum einen Freelance-Berater für kurzfristige Einsätze, aber auch Vollzeit-Berater im dauerhaften Angestelltenverhältnis sein. So gewinnen gerade kleinere Beratungen an Flexibilität und können auch große Projekte realisieren.

Ein Thema ist aber auch die Konkurrenz um Köpfe: Wenn man die besten Köpfe bekommen möchte, muss man verstehen, wo sie sich aufhalten und wie sie suchen. Ich kenne jedenfalls keinen Management-Berater, der auf Jobbörsen wie StepStone seine nächste Herausforderung gesucht hat. Mit unserer geschlossenen Berater-Community geben wir aus unserer Sicht Unternehmen die richtige Bühne, sich zu präsentieren und neue Mitarbeiter zu gewinnen. 

Und schließlich geht es noch um die Entstehung des Freelance-Markts: Wir kennen die Anforderungen der Unternehmen und auch die der Berater sehr genau. Jeder Berater gibt seine Kompetenzfelder an und wird erst nach einem Screening aufgenommen. Sobald ein Unternehmen einen Berater zur Projektunterstützung anfragt, gleichen wir die Anforderungen mit den Expertisen unserer Mitglieder ab und kontaktieren die passenden Kandidaten. So können wir den Unternehmen auch sehr kurzfristig helfen und der Berater freut sich über einen neuen Auftrag.

CONSULTING.de: Denken Sie, dass Start-ups eventuell langfristig die Art, wie Berater in der Gesellschaft gesehen werden, ändern können?

Ralf Fuhrmann: Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Der Beraterberuf war schon immer für Außenstehende ein Stück weit mysteriös: Jemand steigt am Montagmorgen in den Flieger nach irgendwohin, berät dort für schwindelerregend hohe Tagessätze große Unternehmen und kommt zum Wochenende zurück nach Hause. Auch wenn es zukünftig durch einen größeren Freelance-Markt mehr Menschen mit diesem Arbeitsmodus geben wird, wird die Gesellschaft im Allgemeinen nach wie vor eher kritisch darauf schauen.

Selbsverwirklichung statt Karriere?

CONSULTING.de: Welche Unterschiede machen Sie in Bezug auf die Bedeutung der Work-Life-Balance für die jüngere Generation im Vergleich zu älteren Consultants aus?

Ralf Fuhrmann: Man hört oft, dass junge Consultants viel mehr Wert auf die Work-Life-Balance legen und die durchschnittliche Verweildauer in der Beratung dadurch sinkt. Grundsätzlich misst die jüngere Generation aus meiner Sicht der Work-Life-Balance schon eine höhere Bedeutung zu als es die Eltern getan haben. Aber ich denke nicht, dass es diesen Unterschied bei Consultants gibt. Diejenigen, die sich heute für Beratung entscheiden, wissen genau was auf sie zukommt. Die Verweildauer in der Beratung sinkt nicht wegen fehlender Work-Life-Balance, sondern weil der Wunsch nach Selbstverwirklichung eine größere Rolle spielt. Außerdem hat ein gut ausgebildeter junger Mensch noch nie so viele Optionen gehabt. Die Chance auf Selbstverwirklichung ist also heute größer denn je und immer mehr junge Kollegen möchten sie nutzen. Die Arbeitszeit reduziert sich dadurch aber meist nicht. Ganz im Gegenteil. Man arbeitet aus eigenem Antrieb ganz bewusst mehr, da man seiner Tätigkeit einen höheren Sinn beimisst. Das macht die Work-Life-Balance sogar besser, trotz Mehrarbeit. Zumindest ist es bei mir so …

CONSULTING.de: Welche Erfahrungen machten Sie bei der Gründung des Start-Ups und in der Anfangszeit, mit denen Sie so vorher nicht gerechnet hatten?

Ralf Fuhrmann: Die Geschwindigkeit ist einmalig. Und damit meine ich nicht die allgemeine Geschwindigkeit des Tagesablaufs, wie man sie aus der Beratung kennt. Sondern die Umsetzungsgeschwindigkeit. Ein Jahr nach dem Start von PrepLounge haben wir zum Beispiel innerhalb von 24 Stunden die komplette Landingpage neu gestaltet, programmiert und live geschaltet. Ich habe den Eindruck, dass die Geschwindigkeit durch die gesammelten Erfahrungen sogar immer weiter zunimmt: consultingheads haben wir innerhalb von drei Monaten realisiert. Und seit dem Start im April hat sich schon wieder einiges verändert, da wir permanent Feedback evaluieren, Änderungen testen und schließlich einbauen. Das macht ungeheuren Spaß.

CONSULTING.de: Es gibt ja mittlerweile mehrere Portale mit ähnlicher Ausrichtung wie dem Ihren – wodurch heben Sie sich von den übrigen ab?

Ralf Fuhrmann: Aus meiner Sicht ist der Markt attraktiv und daher gibt es natürlich auch Konkurrenz. Wir heben uns aber durch unseren stark Kandidaten-zentrierten Ansatz, durch unser erfahrenes Team und durch die enge Verzahnung mit PrepLounge von anderen Portalen ab. Bei PrepLounge registrieren sich pro Jahr rund 40.000 neue Nutzer und darüber hinaus arbeiten wir bereits mit renommierten Beratungen zusammen. consultingheads profitiert dadurch natürlich. Wir möchten unseren Nutzern über das gesamte Berufsleben hinweg interessante Optionen anbieten, die zu der jeweiligen Lebenssituation passen. Das kann neben der Tätigkeit als Berater (freiberuflich oder fest) auch die Arbeit im Start-up, Mittelstand oder Konzern sein. Dabei sind wir von Anfang an transparent und lassen den Kandidaten den ersten Schritt machen. Wir sehen uns als digitale Headhunter, aber ohne den oft damit verbundenen Ärger: Keine Cold-Calls, keine verschleierten Job-Beschreibungen. Das kommt bei unseren Nutzern gut an.

CONSULTING.de: Eine persönliche Frage zum Schluss: Was passiert, wenn bei Ihnen im Büro der Kaffeevollautomat den Dienst quittiert?

Ralf Fuhrmann: Das ist leider schon mehrfach passiert. Jedes Mal versuchen einige Kollegen im Rahmen einer Teambuilding-Maßnahme den Automaten auf eigene Faust zu reparieren. Aber meistens läuft es dann doch darauf hinaus, dass ich eine Runde Kaffee vom Italiener gegenüber hole.

CONSULTING.de: Herr Fuhrmann, vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Dorothee Ragg.

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Veröffentlicht am: 02.08.2016

 

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