"KI benötigt hybride Prozesse"

Interview mit Linda Becker, LAB & Company, zu Veränderungen in der Beraterwelt

Jobvernichter oder Vehikel zu neuen Arbeitswelten – am Veränderungspotenzial Künstlicher Intelligenz (KI) scheiden sich die Geister. Doch für Consulting-Unternehmen bieten KI-Technologien viele Chancen. Wir sprachen mit Linda Becker, Managing Partner der Executive Search Beratung LAB & Company in München, über KI-Szenarien in der Personalberatung. [Sponsored Content]

Linda Becker, Managing Partner der Executive Search Beratung LAB & Company

CONSULTING.de: Frau Becker, was bedeutet es für die klassische Personalsuche, wenn Algorithmen von Facebook und LinkedIn Stellenempfehlungen generieren oder Unternehmen ihre Mitarbeiter App-gestützt fürs Recruiting einspannen? Wie stark ist Executive Search von der digitalen Disruption bedroht?

Linda Becker: Von einer Bedrohung zu sprechen finde ich falsch. Aber selbstverständlich müssen wir Antworten auf die Automatisierung und Demokratisierung im Recruiting finden – wie jede andere Industrie auch. Für uns geht es darum, das eigene Geschäftsmodell zu reflektieren und sich zu fragen: Welche Leistungen sind wirklich differenzierend? Welches „Beiwerk“ ist es nicht und sollte deshalb automatisiert oder ausgelagert werden? 

CONSULTING.de: Das hängt doch aber sicher auch von der Erwartungshaltung der Kunden und Kandidaten ab? Schließlich machen wir uns ja alle immer mehr mit Siri, Alexa und Co vertraut … 

Linda Becker: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Aber diese Erfahrungen fördern momentan eher einen gegenteiligen Effekt: Gerade dann, wenn es um hohe Positionen geht oder wenn Führungsmannschaften mit sehr neuartigen bzw. kritischen Aufgaben konfrontiert sind, will niemand von einem Algorithmus betreut werden. Das wird übrigens auch im Kontext des „Executive Search“ momentan oft falsch verstanden. Es ist eben nie einfach nur eine Suche, reines „Matching“. Es handelt sich um einen Prozess, der viel früher beginnt und auch nicht mit der Präsentation der Kandidaten endet. Dieser Prozess erfordert Wertschätzung, Vertrauen, Intuition und Erfahrung – Maßstäbe, die für jeden hinterlegten Algorithmus viel zu komplex und zu emotional sind. 

CONSULTING.de: Also haben Sie keine Angst, dass KI-basierte Chatbots die besten Kandidaten finden … 

Linda Becker: Nein, ich finde die Perspektive spannend. Allerdings müssen wir auch genau analysieren, welche Vorteile wir aus der Digitalisierung entlang unserer Prozesskette ziehen können – etwa in der Recherche, Prozessdokumentation oder in der digitalen Kommunikation zwischen uns, den Kandidaten und den Unternehmen. Und wenn alle Parteien davon profitieren, sollten wir auch handeln. 

Wir hatten im vergangenen Jahr zusammen mit der Universität Kassel eine Studie zum Einsatz von KI im Management durchgeführt. Die ergab unter anderem, dass ein Großteil der befragten Manager KI als wichtiges Hilfsmittel sieht, um bessere Entscheidungen zu treffen. Diesen Assistenzgedanken teile ich. KI benötigt hybride Prozesse – also solche, bei denen menschliche und künstliche Intelligenzen optimal zusammenspielen. Auf dem Weg dorthin werden uns weder übertriebene Euphorie, noch strikte Ablehnung weiterhelfen.

CONSULTING.de: Wo sehen Sie Einsatzpotenziale für KI im Executive Search? 

Linda Becker: Zum Beispiel beim Identifizieren geeigneter Kandidaten und beim Scoring: durch die Korrelation von Faktoren wie Fachkompetenzen, Sprachkenntnisse, Berufs- oder Auslandserfahrung erhalten Sie viel schneller die gesuchten Informationen als früher. Das gilt auch beim Auslesen von Bewerbungsschreiben oder Social Web Profilen. Aber natürlich ist auch hier extreme Vorsicht geboten. Denn einerseits müssen wir aufpassen, dass der menschliche Bias nicht in die Algorithmen einsickert, also die persönlichen Werte und Vorurteile der Programmierer nicht die angebliche Objektivität der Software belasten.

Andererseits rechtfertigt die Tatsache, dass heute erstaunlich genaue Personenprofile möglich sind nicht, dass solche Profile auch permanent erstellt und verwendet werden. Eine „entfesselte“ KI kann das gesellschaftliche Vertrauenskapital zerstören, das wäre eine Katastrophe. Deshalb hat der europäische Gesetzgeber mit der neuen Datenschutzverordnung dem Missbrauch einen Riegel vorgeschoben, völlig zurecht.

CONSULTING.de: Welche Risiken gibt es außerdem?

Linda Becker: Man läuft Gefahr, die Welt zu trivialisieren, sie wesentlich einfacher und konsistenter zu machen, als sie ist, wenn man zu stark auf KI vertraut. Nehmen Sie nur die Sprache. Die ist mit all ihren Bedeutungsebenen ein derart komplexes System verbaler und non-verbaler Signale, dass keine KI-Software bislang in der Lage ist, die Myriaden von Zwischentönen richtig einzuordnen. Ein sensibler und trainierter Personalexperte erfasst diese aber in Millisekunden. Außerdem tut sich bislang jede KI extrem schwer mit der Interpretation kultureller und kommunikativer Taktiken.

Ein einfaches Beispiel: Ihr Gegenüber lügt im Gespräch. Im persönlichen Dialog kann eine Lüge aus kulturellen oder psychologischen Aspekten nachvollziehbar sein. Oder sogar für eine gewisse „Chuzpe“ sprechen, die Sie positiv werten. Nun erklären Sie einer KI mal „Chuzpe“ …  Da sind wir wieder bei den hybriden Prozessen: Wir müssen lernen zu erkennen, wann wir eine Software ersetzend, wann ergänzend und wann gar nicht einsetzen. Hier stehen wir – und das gilt für jede Industrie die ich kenne, nicht nur für die Personalberatung – nicht einmal am Anfang.

CONSULTING.de: Vielleicht, weil dann der Recruiter in Zukunft selbst bei einem Software-Bot landen könnte? 

Linda Becker: Richtig – ein aus heutiger Sicht noch absurdes Szenario. Aber ein zentrales Versprechen von KI-Applikationen wie Googles Dialogflow ist ja eben immer wieder die simple Anwendung. Wenn Marketing- und Personalmanager mit wenigen Klicks lernfähige Softwaremodelle darauf trainieren können, möglichst genau und täuschend echt auf Kunden- bzw. Bewerberanfragen zu reagieren – warum sollte dann der Bewerber nicht ebenfalls einen Bot für sich arbeiten lassen? Aus meiner Sicht müssen wir daher zu den Möglichkeiten der KI unbedingt auch die ethischen Rahmenbedingungen festlegen. Erst dann entsteht ein echter Gewinn, von dem wir langfristig profitieren können.

CONSULTING.de: Vielen Dank, Frau Becker! 

Linda Becker besetzte als VP HR weltweit über 150 TOP-Managementpositionen in der Industrie, bevor sie in die Personalberatung wechselte. Als Managing Partner bei LAB & Company fokussiert sie sich unter anderem auf Schlüsselpositionen im Digitalbereich wie Chief Digital Officer oder Bereichsleiter zur Digitalisierung von Geschäftsprozessen. 

Über LAB & Company

LAB & Company ist eine international tätige Personalberatung, spezialisiert auf die Suche und Auswahl von Top-Führungskräften in allen wichtigen Marktsegmenten. LAB & Company gehört zu den der führenden Personalberatungen in Deutschland und wurde bereits mehrfach als beste Personalberatung ausgezeichnet. Die Gesellschaft mit 45 Mitarbeitern verfügt über Büros in Düsseldorf, München und Wien. LAB & Company ist Mitglied des globalen Netzwerks Penrhyn International mit 45 Büros in zentralen Wirtschaftsstandorten. Weitere Informationen unter: www.labcompany.net 

Mehr Informationen zum LAB Consulting-Barometer „Künstliche Intelligenz im strategischen Management: Zwischen Skepsis und Optimismus“ finden Sie unter https://labcompany.net/de/news/consulting-barometer/detail/lab-consulting-barometer-16546

Veröffentlicht am: 08.06.2018

 

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