"Neues muss entwickelt, serienreif, skalierbar gemacht werden"

Change-Fitness-Studie 2018: Interview mit Claudia Schmidt, MUTAREE GmbH

21.11.2017

Der Fachverband Change Management im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) lädt Unternehmen ein, an der Change-Fitness-Studie 2018 teilzunehmen. Die Umfrage wird bereits zum fünften Mal durchgeführt, der thematische Untersuchungsschwerpunkt der Studie liegt in diesem Jahr auf Ambidextrie. Darunter wird die Fähigkeit von Organisationen verstanden, effizient und schnell zu sein. Wir fragten nach bei Claudia Schmidt. Sie ist Mitglied des BDU-Fachverbandes Change Management und Geschäftsführerin bei der MUTAREE GmbH, der Initiatorin der Studie.

Claudia Schmidt, Mutaree GmbH

 

 

CONSULTING.de: Frau Schmidt, im medizinischen Bereich bedeutet Ambidextrie Beidhändigkeit. Und die besten Fußballer sind diejenigen, die rechts wie links können. Warum wird der Begriff bei Organisationen unterschiedlich verwendet? In andere Studien ging es dabei um die Frage, welche Unternehmen "besonders gut säen und ernten” können. 

Schmidt: Wir verwenden den Begriff auch im Sinne der Beidhändigkeit. Diese Beidhändigkeit bezieht sich allerdings auf zwei unterschiedliche Fähigkeiten: Es geht darum, die Herausforderung zu meistern, die in der permanenten Optimierung bestehender Geschäftsmodelle, Strukturen, Prozesse und Systeme liegt. Es geht zugleich aber auch um die Fähigkeit, flexibel und kreativ bekannte Pfade verlassen zu können, um neue Geschäftsmodelle für die Zukunft zu entwickeln. D. h in unserem Kontext bezeichnet Ambidextrie die Fähigkeit einer Organisation effizient in seinem heutigen Geschäftsbereich zu agieren und sich gleichzeitig auf Neues wie, z.B. neue Geschäftsmodelle, einzulassen. Diese zweifache Ausrichtung ist notwendig für die Überlebensfähigkeit eines Unternehmens, aber auch eine enorme Herausforderung. 

CONSULTING.de: Sie sagen, dass Beweglichkeit und Schnelligkeit in der digitalen Welt mit ein entscheidender Erfolgsfaktor ist, daher prüft die Studie ja genau diese Qualitäten. Sind Beharrlichkeit, geduldige Ausdauer und auch finanzielles Durchhaltevermögen aber nicht ebenfalls  entscheidend? 

Schmidt: Sie sagen es. Es geht nicht um "entweder oder", sondern um "sowohl als auch". Es ist wichtig, wach und aufmerksam für eine sich verändernde Umwelt zu sein. Es ist wichtig, Veränderungen bewusst wahrzunehmen und sie gleichzeitig zu bewerten. In wieweit haben sie Relevanz für das Unternehmen haben? Unternehmen haben begrenzte Ressourcen und eine Vielzahl von Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen. Umso wichtiger ist es zu wissen, welche Veränderungen keine Relevanz haben. Ist die Relevanz einer Veränderung jedoch gegeben, so muss man beweglich sein. Und was die Beharrlichkeit, Ausdauer und das finanzielle Durchhaltevermögen betrifft, so brauchen Unternehmen auch davon eine gesunde Portion: Neues muss entwickelt, serienreif, skalierbar gemacht werden, es muss auf den Markt gebracht und abgesetzt werden. Das braucht in aller Regel schon eine lange Puste und eine solide finanzielle Ausstattung. 

CONSULTING.de:  In der Überschrift zur Auswertung der Change-Fitness-Studie 2016 hieß es schlecht gelaunt: "Unternehmen nicht bereit für den Wandel". Die Umfrage im vergangenen Jahr ließ darauf schließen, was haben Sie seither erlebt? Widerspruch? Veränderungen?

Schmidt: Organisationen bewegen sich über zwei Ebenen von der Gegenwart in die Zukunft:  über die inhaltliche und die personale Ebene. Dabei werden die Ergebnisse gleichermaßen von der inhaltlichen und der personalen Seite geprägt. Die personale Seite fordert von jedem einzelnen eine Bewegung von der eigenen Gegenwart in die eigene Zukunft. Wenn das nicht begleitet und unterstützt wird, sieht die Zukunft nicht so aus, wie man sie sich vorgestellt hat. Es wird ein geringerer Nutzen generiert und viele Verbesserungen werden nicht umgesetzt. Der angestrebte Ziel-Zustand wird nicht erreicht. Immer mehr Unternehmen verstehen das und beginnen sich intern dafür zu professionalisieren. Hinzukommt, dass Unternehmen verstehen müssen, dass es nicht mehr ausreicht, Strategien zu entwickeln sowie Strukturen, Prozesse und Systeme zu optimieren oder Innovation Labs mit Start-up-Charakter zu etablieren, die neue Ideen und erste Prototypen entwickeln. Es müssen Übergänge geschaffen werden. Auch brauchen unterschiedlich Veränderungen, ein unterschiedliches Vorgehen. Es ist wichtig, das Handwerk im Umgang mit Veränderungen zu beherrschen, sicher aus dem dafür vorhanden Vorgehensrepertoire auszuwählen und die Instrumente versiert einzusetzen. Zugleich braucht es auch langfristig eine Haltung, mit der die Menschen in Unternehmen Veränderungen nicht mehr als Bedrohung, sondern als Selbstverständlichkeit wahrnehmen, die man wie alles andere souverän meistert. Für Unternehmen kann dies Aufwand und Investition zum Beispiel im Sinne von Zeit oder Ressourcen bedeuten. Diese Notwendigkeit zu akzeptieren fällt jedoch hier und da schwer.

Gerade unter Druck, fallen Unternehmen in alte Reflexe zurück und konzentrieren sich nur allzu gerne auf die inhaltliche Seite und hoffen bewusst oder unbewusst, auf das Wunder, dass die Menschen auch ohne Verständnis, Akzeptanz und Können Veränderungen umsetzen können. Aber es gibt auch gute Beispiele: Unternehmen, die Veränderungen nicht als einmaligen Kraftakt betrachten, der wie Weihnachten immer wieder überraschend kommt und den sie dann kurzfristig mit viel Kraftaufwand möglichst gut unterstützen. Nein, es gibt Unternehmen, die in langfristige Change-Fitness investieren und diese unter Nutzung laufender Veränderungen aber auch ganz ohne Anlass kontinuierlich aufbauen.

Teilnahme an der Befragung unter: Change-Fitness-Studie 2018/2019 

 

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