Re-Entrepreneuring: Wie Unternehmen ihren Gründergeist reaktivieren können

Interview mit Charles-Edouard Bouée, Roland Berger

Auch Unternehmen, die heute als etabliert gelten, müssen vorausdenken und ihr Geschäft auf den Prüfstand stellen. Wenn sie erst eine Krise des Geschäftsmodells abwarten, laufen sie Gefahr, morgen von neuen Konkurrenten verdrängt zu werden. Dabei geht es nicht darum, wieder von Null anzufangen, meint Charles-Edouard Bouée von Roland Berger, sondern eher darum, ein "Re-Entrepreneuring" die gleiche Kreativität und Denkweise zu kultivieren wie ein Start-up.

Charles-Edouard Bouée, Roland Berger

Charles-Edouard Bouée, Roland Berger

CONSULTING.de: Herr Bouée, das kürzlich erschienene Buch "Re-Entrepreneuring – How to combine an organization’s strengths with the start-up mindset" basiert auf den langjährigen Erfahrungen der Roland Berger-Partner. Es handelt davon, wie "reife" Unternehmen ihren Gründergeist reaktivieren können. Können Sie kurz zusammenfassen, wie das am besten gelingt?

Charles-Edouard Bouée: Die meisten Menschen denken bei dem Wort "Unternehmertum" eher an ein Start-up, das gerade eben erst gegründet wurde, als an etablierte Konzerne oder Mittelständler. Der Gründergeist – so die landläufige Meinung – tritt mit zunehmender Größe und Reife eines Unternehmens in den Hintergrund, vielleicht auch bedingt durch Verkauf des inhabergeführten Unternehmens oder einen Börsengang. Allerdings beobachten wir, dass in praktisch allen Organisationen weiterhin Unternehmergeist vorhanden ist – wenn manchmal auch im Verborgenen. Bei "Re-Entrepreneuring" geht es daher nicht darum, alles zu ersetzen, sondern vielmehr um die Re-Aktivierung vorhandener Ressourcen, wie das Know-how der Mitarbeiter und anderer Stakeholder. Das Präfix "Re" bedeutet gemeinhin "zurück" (zu den Wurzeln) oder "wieder", "erneut". Es kommt ursprünglich vom Lateinischen "rursus", was so viel bedeutet wie, "den Dingen auf den Grund gehen". Ziel von "Re-Entrepreneuring" ist also, die richtigen Impulse zu setzen, um Denk- und Handlungsweisen, die für Start-ups typisch sind, in etablierten Organisationen anzuwenden.

CONSULTING.de:
Welche "Fehler" begehen lang etablierte Unternehmen und wieso rückt der Gründergeist in den Hintergrund?

Charles-Edouard Bouée: Früher war es für Unternehmen ausreichend, ihre einmal etablierten Geschäftsmodelle zu erhalten. Man optimierte einfach stetig, ohne dabei Risiken einzugehen. So verkümmerte oft die Bereitschaft zum Wandel und zum Hinterfragen des eigenen Geschäftsmodells. Doch in einem von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität geprägten Umfeld ist Abwarten gleichbedeutend mit Risiko. Unternehmen, die heute noch als etabliert gelten, laufen Gefahr, morgen von neuen Konkurrenten verdrängt zu werden. "Disruptive" Gefahren treffen die meisten Organisationen völlig unvorbereitet – dabei sollten Manager doch versuchen, die Risiken zu kontrollieren bzw. zu minimieren.

CONSULTING.de: Wie können Unternehmen präventiv diese Fehler vermeiden?

Charles-Edouard Bouée: Es gilt, vorauszudenken und nicht abzuwarten bis zur Krise des Geschäftsmodells. In der Stresssituation ist ein Umdenken zwingend. Die Zeit wird knapp und der Druck steigt. Deshalb sollten auch wirtschaftlich stabile Unternehmen ihr Geschäft auf den Prüfstand stellen. Nur so werden Alternativszenarien gefunden. Leider beobachten wir häufig, dass Unternehmen vor diesem Schritt zurückschrecken, wenn alles gut läuft. Auch weil sie befürchten, ihr funktionierendes Geschäftsmodell komplett umbauen zu müssen. Dabei geht es gar nicht darum, wieder von Null anzufangen. "Re-Entrepreneuring" ist eine Haltung und bedeutet, die gleiche Kreativität und Denkweise zu kultivieren wie ein Start-up. Das Unternehmen muss sich Zeit dafür nehmen und dem Wandel Raum bieten. Die Mitarbeiter müssen lernen, sich darauf einzulassen. Nur so kann intern vorhandenes Know-How genutzt werden, um Antworten auf die zukünftigen Herausforderungen des Unternehmens zu finden. Nur so erkennt man die sich bietenden Chancen und kann sie dann schnell ergreifen.

CONSULTING.de: Sie selbst nutzen für Ihre Beratung das "Re-Entrepreneuring"-Konzept. Können Sie anhand eines Beispiels erklären, wie Sie dann mit den Unternehmen zusammenarbeiten und wie Sie beraten?

Charles-Edouard Bouée: Das Prinzip bezieht sich direkt auf die DNA eines Unternehmens. So findet es in ganz unterschiedlicher Art und Weise seine konkrete Anwendung. Didi Chuxing hat es beispielsweise geschafft, Uber aus dem heiß umkämpften chinesischen Markt der Fahrdienstleistungen herauszuhalten. Das funktionierte nur dank einer intelligenten Partnerschaft mit Tencent und einer frühen technologischen Vorreiterschaft. Allerdings besaß das Unternehmen, das heute in ganz China aktiv ist, zunächst eine überaus schwache Eigenkapitaldecke. Wegen mangelnder finanzieller Ressourcen konnte Didi nicht den Anreiz bieten, seine Fahrer gleich mit einem Smartphone auszustatten. Das war bei der Konkurrenz durchaus üblich. Allerdings kamen so bei Didi meist jüngere Fahrer zum Einsatz. Sie haben das Angebot auf den sozialen Medien weiterempfohlen und somit das Wachstum positiv unterstützt. Außerdem bot Didi vergleichsweise früh die Möglichkeit, mit WeChat mobil zu bezahlen. Das wiederum hat Tencent überzeugt, mehr in Didi zu investieren. "Re-Entrepreneuring" bezieht also das Ökosystem eines Unternehmens mit ein, um kreative Lösungen zu befördern und vorhandene Potenziale zu wecken.

CONSULTING.de: Sie selbst sind bei Roland Berger als Berater tätig. Wie können Sie persönlich Ihren eigenen Unternehmergeist immer wieder aktivieren?

Charles-Edouard Bouée: Ich interessiere mich für viele unterschiedliche Dinge, bleibe offen und neugierig. Das Themenspektrum meiner Bücher reicht von Light Footprint-Management, über chinesische Managementmethoden bis hin zur künstlichen Intelligenz. Dafür hole ich mir immer wieder Input von außen, zum Beispiel von Wissenschaftlern, Künstlern oder sogar dem Militär. Inspirierend ist für mich auch immer der Wechsel zwischen verschiedenen Ländern. Nach der Konsolidierung von Roland Berger in Frankreich und der Region Südwesteuropa war die Etablierung unseres Unternehmens in China im Jahr 2006 ein richtiges Re-Entrepreneuring-Projekt: Wir haben aus vorhandenen, aber schwächelnden Assets – Projekten, Strukturen und Teams – ein wachsendes, modernes Büro aufgebaut. Heute hilft mir meine Zeit in Asien, neue Ideen für den europäischen Markt zu entwickeln. Wir haben seit 2014, meiner Wahl als CEO, intern einiges geändert und neue Produkte entwickelt. Ob digitale Initiativen, ein weiterentwickelter Markenauftritt oder gesteigerte Kosteneffizienz. Wir Berater helfen nicht nur unseren Kunden, in der volatilen Welt von heute anpassungs- und überlebensfähig zu bleiben. Das Beratungsgeschäft wandelt sich genauso.

CONSULTING.de: Vielen Dank für das Gespräch

Das Interview führte Gessica Mirra

Zur Person:

Charles-Edouard Bouée ist seit 2014 CEO von Roland Berger. Er verantwortet zudem das Asien-Geschäft des Unternehmens. Er ist ausgewiesener Spezialist für Performance-, Neuorganisierungs- und Post-Merger-Projekte sowie Integrations-Programme. Darüber hinaus befasst er sich intensiv mit disruptiven Innovationen, neuen Technologien und digitaler Transformation. Er hat diverse Bücher über modernes Management, China und Künstliche Intelligenz veröffentlicht.

Veröffentlicht am: 23.11.2018

 

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