"Rein methodenbasierte Beratung konnte ich mir nicht vorstellen, ich wollte mir ein Thema erarbeiten"

Interview mit Jonna Meyer-Spasche, LBD-Beratungsgesellschaft

Eigentlich wollte Jonna Meyer-Spasche nach ihrem Studium in die Politikberatung gehen. Ihren ersten Job fing sie dann aber bei der LBD-Beratungsgesellschaft in Berlin an - und ist bis heute dort geblieben. Was sie an der Firma gereizt hat und bis heute reizt, verrät sie im Interview.

Jonna Meyer-Spasche, LBD-Beratungsgesellschaft

Jonna Meyer-Spasche, LBD-Beratungsgesellschaft

CONSULTING.de: Sie haben Politikwissenschaft studiert, waren auf der Hertie School of Governance. Warum haben Sie sich für eine Tätigkeit im Consulting entschieden?

Jonna Meyer-Spasche: Eigentlich wollte ich Richtung Politikberatung gehen. Was mich an der Firma, bei der ich dann angefangen habe und bei der ich immer noch bin, gereizt hat, war die Spezialisierung auf Energie. Rein methodenbasierte Beratung konnte ich mir nicht vorstellen, ich wollte mir ein Thema erarbeiten. Ich dachte, als Lernstation kann Unternehmensberatung nicht schaden. Tja, und dann bin ich dort geblieben, weil ich nie dachte "jetzt habe ich hier genug gelernt" oder dass mir die Politik fehlt. Außerdem mag ich meine Chefs und meine Kollegen sehr.

CONSULTING.de: Welche Eigenschaften braucht man als Frau, um in der Branche erfolgreich zu sein?

Jonna Meyer-Spasche: Für die Branche kann ich nicht sprechen, weil ich eigentlich nur mein Unternehmen kenne. Bei uns ist es total meritokratisch: Zeig, was du kannst, dass du was kannst, und du erhältst Anerkennung. Hierarchieebenen, die man aufsteigen könnte, gibt es bei uns nicht, also gibt es darum auch keine Kämpfe. 

CONSULTING.de: Sind Sie Mitglied in einem Frauen- oder gemischten Netzwerk?

Jonna Meyer-Spasche: Nein, ich bin kein guter Netzwerker, das ist einfach nicht meins.

CONSULTING.de: Gab oder gibt es ein weibliches Vorbild?

Jonna Meyer-Spasche: Ich habe eine Chefin, die ich auch sehr schätze. Auch meine männlichen Chefs können Vorbild für mich sein, der eine als Führungskraft, ein anderer in seiner inhaltlichen Stärke. Ansonsten ist meine Mutter Vorbild für mich, weil sie mir vorgelebt hat, dass es nichts gibt, was man "als Frau" nicht kann. Sie kann tapezieren und bohren, für 20 Leute großartig kochen, Pflanzen bestimmen, sie hat immer gearbeitet, auch in Leitungsfunktionen, und war mir als Kind eine liebevolle und geduldige Mutter. Ganz schöner Anspruch, das auch zu erfüllen.

CONSULTING.de: Hatten sie im Job jemals das Gefühl, als Frau eine Sonderbehandlung zu bekommen – sei es positiver oder negativer Natur?

Jonna Meyer-Spasche: Nein, ich kann mich ehrlich nicht an eine Sonderbehandlung erinnern, in allen meinen Praktikumsstellen oder Jobs.

Unsere Kunden sind manchmal recht konservativ, die reagieren mitunter darauf, dass ich eine Frau bin. Zum Beispiel werde ich gefragt "und wie machen Sie das mit Ihren Kindern, wenn Sie hier bei uns unterwegs sind?", was sie garantiert noch nie einen Mann gefragt haben. Ich sage dann einfach, dass die Kinder ja noch einen Vater haben. Manchmal fühle ich mich auch nicht ganz ernst genommen, solange ich keinen größeren Redebeitrag in einem Termin habe. Da darf man sich dann nicht verstecken.

CONSULTING.de: Was halten Sie von Quotenregelungen?

Jonna Meyer-Spasche: Tja, Jahre der freiwilligen Selbstverpflichtung in den Unternehmen haben kaum Fortschritt gebracht, also braucht es vielleicht mal eine konsequente Quote. So lange nicht mehr Frauen an Entscheider-Stellen sind, werden auch nicht in Größenordnung mehr Frauen eingestellt, befördert usw. Führungskräfte nehmen gern Bewerber, die sind wie die Mitarbeiter, die sie kennen. Da geht es natürlich um eine viel breitere Vielfalt, die abgebildet werden sollte, nicht nur Männer – Frauen.

So lange allerdings die Arbeitsbedingungen oft so sind wie jetzt, also Präsenzpflicht, 40+-Stunden-Woche, jahrelanges Hochdienen usw. als Bedingung für Beförderung, so lange kann ich es Frauen nicht verübeln, wenn sie auf diese Spielregeln keinen Bock haben und gar nicht Führungskraft werden wollen. Außerdem müsste es normaler sein, dass Männer auch lange Elternzeit nehmen, in Teilzeit gehen und solche Dinge.

CONSULTING.de: Sie und Ihr Mann haben zwei Töchter. Wie bekommen Sie Berufliches und Privates unter einen Hut?

Jonna Meyer-Spasche: So mittelmäßig. Besser als man denken könnte, aber für irgendwas fehlt immer die Zeit. Mein Mann und ich teilen uns gut auf - ich arbeite nur zu 80 Prozent und hole die Mädchen meistens von Schule und Hort ab, aber oft macht es auch mein Mann. Dienstreisen oder späte Termine koordinieren wir so, dass nicht beide am gleichen Tag unterwegs sind. Zum Glück muss ich nicht viel reisen, das würde ich auch nicht mitmachen. Mein Mann ist selbständig und kann sich die Zeit ganz gut einrichten. Für Freunde oder um mal was zu zweit als Paar zu unternehmen fehlt mir leider oft die Energie. Auch das kann man alles organisieren, aber man muss sich erstmal dazu aufraffen. 

CONSULTING.de: Was ist Ihnen neben Arbeit und Familie besonders wichtig?

Jonna Meyer-Spasche: Zeit für mich allein zu haben ist sehr kostbar.

CONSULTING.de: Wo holen Sie sich neue Inspirationen für den Job?

Jonna Meyer-Spasche: Oft aus Diskussionen mit meinem Chef. Ich sitze gern mit ihm vor dem leeren Blatt Papier und dann entwerfen wir zusammen etwas. Ansonsten finde ich auch Anregungen in Fachzeitschriften oder Studien, aktuell besonders, wenn sie sich generell mit Zukunft beschäftigen – Zukunft der Städte, der Mobilität, des Arbeitens.

CONSULTING.de: Was war der beste Ratschlag, den Sie für Ihr Berufsleben bekommen haben?

Jonna Meyer-Spasche: Der kam von meinem Vater: Such dir deine Nische. Wo du etwas einbringst, das dich von den anderen abhebt. Bei mir war das das Schreiben – ich wollte früher Journalistin werden und konnte darum, na ja, sagen wir mal flüssiger und prägnanter schreiben als meine BWL-Kollegen. Und analytisches Denken hat mein Politik-Studium auch gut trainiert. So war ich schnell anerkannt bei meinen Kollegen, auch wenn ich von der Energiewirtschaft anfangs keine Ahnung hatte.

Zur Person:

Jonna Meyer-Spasche ist Unternehmensberaterin bei der LBD-Beratungsgesellschaft in Berlin. Sie studierte Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft in Hamburg und hat einen Master of Public Policy der Hertie School of Governance und der London School of Economics.

Veröffentlicht am: 12.12.2018

 

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