"Vielfalt ist genau die Quelle der Innovation, die wir brauchen"

Frauen im Consulting: Layla Keramat, frogdesign

Layla Keramat ist Executive Creative Director bei frogdesign. Sie besuchte erst eine Kunstschule, dann eine Business School. Hier erzählt sie unter anderem, wie unterschiedlich Amerikaner und Deutsche arbeiten und was sie von einer Frauenquote hält.

Layla Kermat

Layla Keramat

CONSULTING.de: Was ist Ihre Aufgabe bei frogdesign?

Layla Keramat: Ich bin Executive Creative Director eines multidisziplinären Kreativteams mit Sitz in München. Wir bieten Designberatung basierend auf dem Ansatz des Human Centered Design, was bedeutet, dass wir Lösungen auf Basis quantitativer und qualitativer Forschung erstellen.

CONSULTING.de: Sie haben zunächst eine Kunstschule besucht, später dann eine Business School. Eine ungewöhnliche Kombination?

Layla Keramat: Wie Harvard-Professor Clayton Christensen in seinem Buch "How to Measure your Life" feststellt, sind einige Dinge im Leben bewusst geplant und andere entstehen aus unerwartet auftauchenden Herausforderungen oder Gelegenheiten. Mein Weg führte mich zunächst zum Grafikdesign. Ich wusste damals noch nicht, was eine "Berufung" ist, aber ich spürte, dass ich beim Entwerfen Zeit und Ort vergaß. Später kam die Beschäftigung mit dem frühem Internet hinzu, dann E-Commerce und Anwendungsdesign bis hin zum Experience Design. Inzwischen beschreibe ich meine Erfahrungen und Interessen als dreidimensional: Sie enthalten technische und geschäftliche Aspekte, mit einem Schwerpunkt auf Design. Diese Mischung ist heutzutage nicht mehr ungewöhnlich.

CONSULTING.de: Was ist das Wichtigste, was Sie während Ihrer Ausbildung für Ihren Berufsweg gelernt haben?

Layla Keramat: Neugierde. Als Kind war ich sehr neugierig. Ich wollte unbedingt verstehen, wie die Dinge funktionieren. Als Designer muss man den Mut haben, zu fragen, "warum?" und zu untersuchen, "was bedeutet das?" Das ist grundlegend für jeden, der den Ehrgeiz hat, einen Schritt weiterzugehen und die Dinge zukünftig besser zu machen.

CONSULTING.de: Welche Eigenschaften braucht man, um sich als Frau in der Beratung durchzusetzen?

Layla Keramat: Es gibt da keine generische Formel nach dem Motto: "10 Wege, um als Frau erfolgreich zu sein". Aber ich mag das Zitat von Clayton Christensen: "Das gleiche heiße Wasser, das eine Karotte weich macht, härtet ein Ei".

CONSULTING.de: Sie haben einige Jahre in New York gelebt und gearbeitet. Was können wir uns von den Amerikanern abschauen?

Layla Keramat: Optimismus. Um eine Aufgabe in Deutschland oder in den USA zu erledigen, braucht es die gleiche Anzahl an Schritten. Aber aus meiner Erfahrung, und ich entschuldige mich im voraus für meine Verallgemeinerung, wird ein Amerikaner den Prozess als erreichbar ansehen, als etwas, das leicht und erfolgreich ausgeführt werden kann. Ein Deutscher wird den gleichen Prozess voller Zweifel  angehen und die einzelnen Phasen als beschwerlich und mühsam empfinden.

CONSULTING.de: Gerade wird ja viel darüber geredet, wie Frauen sich gegenseitig pushen und kooperieren können. Wie ist es bei Ihnen: Haben Sie Frauen besonders im Fokus, um sie bei Bedarf zu fördern? Wenn ja: wie?

Layla Keramat: Ich unterstütze andere Frauen, wenn sie großartige Dinge zu sagen haben, ich sporne sie an, gehört zu werden, und lade sie ein, mitzudiskutieren und zu entscheiden. Viele Frauen sind entmutigt, weil sie sich nicht respektiert fühlen und weil es keine Chancengleichheit gibt. Ich für meinen Teil finde, dass ich mich nicht dafür entschuldigen muss, eine Frau zu sein und mich auch so zu verhalten. Ich höre oft: "Nun, so denken Frauen, aber um in einer Männerwelt zu überleben, sollte man dies und das ändern" Aber warum sollten wir das tun? Vielfalt ist genau die Quelle der Innovation, die wir brauchen. Es ist erwiesen, dass diverse Gruppen mehr unterschiedliche Ideen hervorbringen und manchmal sogar radikal Neues.

CONSULTING.de: Gab es eine Person, die Sie bei Ihrem Werdegang gefördert hat? Vielleicht sogar eine(n) Mentor/-in? Oder ein Vorbild?

Layla Keramat: Ja. In jedem Kapitel meines Lebens hatte ich das Glück, einige wirklich gute Menschen um mich zu haben, die hervorragende Zuhörer waren und mir geholfen haben. Diese Frauen inspirieren mich noch immer. Insbesondere meine Mutter, Großmütter, Tanten und Kusinen sowie einige enge Freunde. Aber auch viele einfühlsame Männer, die mich beraten und unterstützt haben.

CONSULTING.de: Was halten Sie von Quotenregelungen?

Layla Keramat: Studien wie die "Credit Suisse Gender 3000" haben gezeigt, dass die Eigenkapitalrendite für Unternehmen mit Frauen in mehr als 10 Prozent der Schlüsselpositionen um 27 Prozent höher war und die Dividendenausschüttungen um 42 Prozent höher lagen als bei jenen mit weniger als 5 Prozent Frauen. Und eine Studie von Richard Warr vom Poole College of Management fand heraus, dass das Ergreifen von Maßnahmen zur Förderung von Vielfalt ein Unternehmen innovativer macht, was Produktinnovationen und Patente angeht. Warr erklärte: "Um es klar zu sagen, haben wir herausgefunden, dass es eine ursächliche Verbindung gibt – es ist nicht nur eine Korrelation. Und sie erstreckt sich über ein breites Spektrum von Branchen." Also ist die Frage für mich nicht für oder gegen eine Quote. Es geht vielmehr darum, wer in Zukunft erfolgreich bestehen kann.

CONSULTING.de: Wir leben in Zeiten ständiger Erreichbarkeit. Wie gehen Sie damit um?

Layla Keramat: Der von mir gern zitierte Clayton Christensen rät dazu, sich zu fragen: "Wird es in einem Jahr noch bedeutsam für mich sein, ob ich diese Mail oder diesen Anruf beantworte oder dieses bestimmte Problem löse? Oder gibt mir die Zeit mit Familie und Freunden mehr Erfüllung und Glück?" Mir persönlich hilft es, mich selbst daran zu erinnern, dass ich die Zeit nicht zurückdrehen kann. Und ich habe noch keinen Return-on-Investment bekommen für eine Mail, die ich vor dem Zu-Bett-gehen abgeschickt habe.

CONSULTING.de: Sind Frauen durch die oft vorhandene Doppel- oder sogar Dreifachbelastung (Familie, Job, Haushalt) besonders gefährdet? Sehen Sie Auswege?

Layla Keramat: Zusätzlich zu den drei in der Frage erwähnten Aspekten kommt inzwischen noch einer dazu: Denn der rasante Wandel in Technologie und Innovation bringt es mit sich, dass die Haltbarkeit für das, was wir lernen, nicht mehr 30 Jahre beträgt, sondern nur noch 5 Jahre. Neben Familie, Job und Haushalt müssen wir uns heute auch um Lernen und Entwicklung, Selbstreflexion und Wohlbefinden kümmern. Ich denke, der Ausgangspunkt, um das Problem zu lösen, ist die Gleichstellung der Geschlechter und die gleichmäßige Aufteilung der Aufgaben.

CONSULTING.de: Was ist Ihnen neben der Arbeit besonders wichtig? Und wie bringen Sie es mit dem Job unter einen Hut?

Layla Keramat: Meine Familie, meine Freunde, Zeit für mich selbst, viele Formen der Kreativität, Phantasie, Inspiration, Tagträumen, Bewegung, Selbstreflexion, Wohlbefinden und Lernen – das alles ist mir wichtig. Ich kann nicht behaupten, dass es mir gelingt, das richtige Gleichgewicht zu finden, aber ich versuche es. Wie alles andere ist auch das wohl ein schrittweiser Prozess.

CONSULTING.de: Danke für das Gespräch!

Veröffentlicht am: 26.07.2018

 

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