Was ich in 3 Jahren bei einer großen Beraterfirma gelernt habe

Kevin Wörner, Strategieberater

von: Kevin Jon

Nach mehr als drei Jahren Beratertätigkeit bei einer namhaften Strategieberatung in Deutschland habe ich meinen Job vor einigen Wochen gekündigt. Eine Frage, die man als frischer Aussteiger oft bekommt, ist: "Was hast du in den 3 Jahren gelernt?"

"Die steile Lernkurve ist einer der Gründe, warum sich viele junge Absolventen um einen Job in der Strategieberatung bemühen." (Bild: rawpixel.com - Pexels)
"Die steile Lernkurve ist einer der Gründe, warum sich viele junge Absolventen um einen Job in der Strategieberatung bemühen." (Bild: rawpixel.com - Pexels)

Im Durchschnitt bleiben junge Berater 2-3 Jahre in der Beratung. Danach entscheiden sich viele für einen Wechsel. Gründe für diese kurze Verweildauer gibt es viele (einer davon sicherlich die steigenden Job-Opportunitätskosten durch attraktive Jobangebote mit zunehmender Seniorität), jedoch ist es ein industrieweites Phänomen und mehr oder weniger "normal".

Eine Frage, die man als frischer Aussteiger oft bekommt, ist: "Was hast du in den 3 Jahren gelernt?" Nicht weiter verwunderlich, schließlich ist die steile Lernkurve einer der Gründe warum sich viele junge Absolventen um einen Job in der Strategieberatung bemühen.

Meine Antwort variiert in den meisten Fällen, enthält aber oft die folgenden 3 Kernelemente:

1. Ein starkes fachliches Fundament

Als Berater habe ich stets funktionsübergreifend gearbeitet. Im einen Projekt war ich Experte für Kostenoptimierung in der Motorradindustrie, im nächsten Projekt verantwortlich für die Konzipierung einer M&A Strategie für einen führenden Lebensmittelkonzern. Durch eine große Breite an funktionalen Projektthemen und die ständige Erwartungshaltung der Projekt-Stakeholder auf einer Höhe mit dem Kunden diskutieren zu können lernt man unglaublich viel - unglaublich schnell.

Nach meiner Einschätzung hat man nach durchschnittlich 2 Jahren ein starkes fachliches Fundament aufgebaut. Weitere 1-2 Jahre in der Beratung können helfen dieses Fundament zu vertiefen oder in eine gewünschte Richtung auszubauen.

2. Struktur

Ehemalige Berater haben oftmals alternative Herangehensweisen an Herausforderungen. Häufig liegt eines der Hauptdifferenzierungsmerkmale in der extrem strukturierten Denkweise. Ich habe in den letzten Jahren  festgestellt, wie sich mein eigenes Denken gewandelt hat: Es gab in den letzten 3 Jahren unzählige Fälle, in denen ich mit schwierigen Projektsituationen konfrontiert wurde. Hinzu kommt bei den meisten Projekten hoher Zeitdruck. Der einzige Lösungsweg führt über die Struktur, eine sehr gut durchdachte Herangehensweise. Das beinhaltet sowohl einen langfristigen Zeitplan für das Projekt und zu erarbeitende Dokumente, aber auch tagesgenaue Aufgabenplanung für alle Teammitglieder. Alles, basierend auf einer logischen Dekonstruktion des finalen Projektziels.

Nach einigen Projekten und durch die Zusammenarbeit mit erfahreneren Beratern fing ich an, Muster in der Struktur zu erkennen.
Und durch die ständige strukturierte Arbeitsweise während der Beratungsprojekte wurde strukturiertes Denken ein Teil von mir selbst, etwas, das ich auch in privaten Situationen (manchmal zum Leidwesen meines Umfelds) anwende.

3. Umgang mit Menschen

Einer der für mich schönsten Aspekte der Beratung war der Umgang mit unterschiedlichen Menschen. Als Berater interagiere ich mit mehreren Interessengruppen: 1. Der Kunde, der uns beauftragt hat, 2. Der Partner, der das Projekt an den Kunden verkauft hat,  3. Der Projektmanager, der das Team operativ steuert, 4. Meine Teamkollegen, die gemeinsam mit mir die Projektaufgaben bearbeiten. Zusätzlich kommen oft noch Interviews mit verschiedensten Experten, Industrievertretern oder Verantwortlichen aus der Politik, um eine externe Sicht auf Projektherausforderungen zu ermöglichen.
Durch den Austausch mit diesen verschiedensten Interessengruppen habe ich in den letzten 3 Jahren viel lernen können.

Nicht nur lernt man von den Menschen (beispielsweise profitiert man von der enormen Industrieerfahrung des Projektpartners oder des Industrievertreters).
Man lernt auch den Umgang mit den Menschen. Welche Nuancen muss ich in der Kommunikation mit hochrangigen Regionalpolitikern beachten? Wie ändert sich die Interaktionsdynamik, sobald ein Aufsichtsrat den Raum mit Vorstand und Beratern betritt? Es ist extrem spannend diese Nuancen im Umgang mit den Menschen zu erlernen.

Kevin Jon betreibt einen YouTube Kanal, auf dem er Einblicke in das Leben als Management-Berater gibt.

Veröffentlicht am: 19.03.2019

 

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