"Weder das männliche noch das weibliche Gehirn ist multitaskingfähig"

Frauen im Consulting: Rosi Liem, PwC

01.03.2018

Die Journalistin Ulrike Schäfer schreibt Artikel für Frauenmagazine, in denen es nicht um Beratung geht, sondern um Beziehungen, Lebenskrisen oder das Streben nach Selbstoptimierung. Für CONSULTING.de lädt sie künftig Frauen aus der Branche zum Interview: Wie gelingt es Frauen in der Beratung, nicht nur Marken, Produkte und Strategien stark zu machen, sondern auch sich selbst? 10 Fragen an: Rosi Liem, PwC.

Rosi Liem, PwC

Rosi Liem, PwC

CONSULTING.de: Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Beruf?

Liem: Das Beste an der Beratung, insbesondere bei den Post-Merger-Integrationen, ist für mich, dass es jeden Tag neue Herausforderungen gibt  –  sei es aufgrund inhaltlich komplexer Fragestellungen oder weil es zwischenmenschliche und kulturelle Unterschiede zu überbrücken gilt. Das macht die Tätigkeit gleichermaßen spannend und herausfordernd. An dieser ständigen Abwechslung und Ambiguität im Berufsleben muss man natürlich Spaß haben.

CONSULTING.de: Welches berufliche Ereignis hat Sie besonders geprägt?

Liem: Mein erstes internationales Führungskräfteentwicklungsprogramm mit 48 Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt. Dort wurde jedem Teilnehmer die Eingangsfrage gestellt: "Wo in unserem Unternehmen sehen Sie sich selbst in fünfzehn bis zwanzig Jahren und welche Schritte müssen Sie bis dahin gehen?" Meine Antwort auf diese Frage: Ich bin im nachfolgenden Jahr zu einer Strategieberatung gewechselt. Das ist mittlerweile immerhin über zehn Jahre her...

CONSULTING.de: Wir leben in Zeiten ständiger Erreichbarkeit. Wie gehen Sie damit um?

Liem: Ich erlaube mir – je nach Situation – den Luxus der Nichterreichbarkeit, insbesondere wenn ich in wichtigen Terminen und Gesprächen bin. Ich bin davon überzeugt, dass sich zwischenmenschliche Herausforderungen nur lösen lassen, wenn man allen Beteiligten die volle Aufmerksamkeit schenkt. Und auch inhaltlich komplexe Fragestellungen sollte man mit der erforderlichen Konzentration angehen – da hilft es nicht, wenn man sich durch Anrufe und E-Mails stören lässt. Entgegen stereotypischer Vorurteile ist ja leider weder das männliche noch das weibliche Gehirn multitaskingfähig: Die Herausforderung, alle Gedanken und Signale in einen Ablauf zu bringen, besteht für Mann und Frau also gleichermaßen.

CONSULTING.de: Sind Frauen in der Beratung durch die Mehrfachbelastung durch Familie, Job und Haushalt besonders gefährdet? 

Liem: Nicht mehr und nicht weniger als engagierte Väter. Egal ob Frau oder Mann – Familienleben und persönliche Balance bleiben in der heutigen Zeit, in der ständige Erreichbarkeit oft von Klienten und Kollegen vorausgesetzt wird, eine große Herausforderung. Gestern Abend sagte einer meiner männlichen Kollegen am Telefon: "Hast du noch etwas Wichtiges zu besprechen, das nicht bis morgen warten kann? Ich hole gerade meine Tochter vom Fußballtraining ab ..." Ich musste über die Selbstverständlichkeit dieses Satzes irgendwie schmunzeln. Vor zehn, fünfzehn Jahren hätte das gleiche Gespräch hochwahrscheinlich mit einer Freundin stattgefunden – und sie hätte von ihrem Sohn gesprochen.  

CONSULTING.de: Wo sehen Sie die Vorteile dieser Entwicklung?

Liem: Was häufig in Vergessenheit gerät: Ein gesundes Familien- und Privatleben hat oftmals den großen Vorteil, dass Menschen ihren Job sehr fokussiert, ausgeglichen und effektiv angehen. Und auch zwischenmenschlich bringt die Verantwortung für Familie und soziales Umfeld viel an Reife und Erfahrung mit sich, die sich auch in der Klienteninteraktion positiv auswirken. Schließlich interagieren und arbeiten wir überall in erster Linie mit Menschen.

CONSULTING.de: Stichwort Selbstoptimierung: Heutzutage gilt es ja als verbreitetes Phänomen, dass gerade Frauen es damit leicht übertreiben. Wie ist Ihre Wahrnehmung zu diesem Thema?

Liem: Dass Frauen einen stärkeren Hang zum Perfektionismus haben, mag sein, inwiefern sie sich beruflich wie privat selbst optimieren, kann ich nicht beurteilen. In der Berufswelt hat "Selbstoptimierung" auf jeden Fall wenig mit Teamplay und integrem Verhalten zu tun – beides Stärken, die ich sehr häufig bei Kolleginnen beobachte.

CONSULTING.de: Gab es eine Person, die Sie auf Ihrem Werdegang gefördert hat? Oder ein Vorbild?

Liem: Ich hatte eigentlich immer Kollegen und Vorgesetzte, die mich auf meinem Weg gefördert und gecoacht haben. Dass dies durchgehend Männer waren liegt wohl daran, dass es in meinem beruflichen Umfeld, insbesondere in den ersten zehn Jahren, keine weiblichen Führungskräfte gab. Auch Vorbilder gab es vor PwC ausschließlich männliche. Ich sehe momentan zum ersten Mal weibliche Kolleginnen in der Beratung  – sogar in Führungspositionen – die es vorbildlich schaffen, ihr Privatleben so mit dem Berufsleben zu vereinen, dass es während der Woche tatsächlich noch so etwas wie ein Familienleben gibt.

CONSULTING.de: Was können Frauen sich generell von den Männern abschauen?

Liem: Ein häufiger Ratschlag an zukünftige Führungsfrauen ist, sich die Misserfolgstoleranz der männlichen Fußballer abzuschauen: Wenn die ein Spiel verlieren, gehen sie feiern, betrinken sich und freuen sich aufs nächste Spiel. Ich schaue da lieber auf meinen Lieblingscharakter aus der Cartoon-Welt – Tom aus „Tom und Jerry“: Der bekommt ständig irgendwelche Fallen gestellt, fällt hin, bekommt einen auf die Mütze. Aber er steht immer wieder auf, schüttelt sich, und schreitet gleichermaßen fröhlich und mutig zu neuen Taten – und das sogar, ohne sich sinnlos zu betrinken.

Zur Person: Dr. Rosi Liem führt die M&A-Integration Practice bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC in Deutschland. Sie berät Klienten bei der Post-Merger-Integration, das heißt beim Zusammenschluss eines Unternehmens mit einem anderen Unternehmen oder Geschäftsbereich, nachdem die Transaktion rechtlich und finanziell abgeschlossen ist. Nach ihrer Promotion an der RWTH Aachen war Rosi Liem in verschiedenen Führungspositionen in der Industrie tätig sowie als Beraterin bei McKinsey & Company und der E.ON Inhouse Consulting.

 

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