"Frauenquoten können Muster aufbrechen"

Frauen im Consulting: Dr. Barbara Hudec, Arcadis

Dr. Barbara Hudec ist seit über 30 Jahren als Unternehmensberaterin tätig und hat in mehreren Ländern gearbeitet. Im Interview erklärt sie, warum sich Deutschland die skandinavischen Länder zum Vorbild nehmen sollte und wie Frauen im Consulting ihren eigenen Führungsstil entwickeln können.

Dr. Barbara Hudec, Arcadis

Dr. Barbara Hudec, Arcadis

CONSULTING.de: Womit beschäftigen Sie sich in Ihrem Job?

Dr. Barbara Hudec: Bei Arcadis, einem internationalen Ingenieur- und Consultingbüro, leite ich Teams in Europa und dem mittleren Osten, die Projekte mit Umweltbezug bearbeiten. Für Kunden aus der Privatwirtschaft sowie öffentliche Auftraggeber entwickeln wir umweltverträgliche Lösungen für Bau- und Planungsvorhaben, Produktionsprozesse sowie Zukunftsstrategien für eine ganzheitliche, nachhaltige Unternehmensausrichtung. Mit strategischer Umweltberatung und Umweltplanung setzen wir jährlich etwa 70 Millionen Euro um. Als Leiterin habe ich den Anspruch und die Aufgabe, Dinge vorauszudenken, den Markt gut zu kennen, und die fachlichen Voraussetzungen weiter zu entwickeln.

CONSULTING.de: Sie haben Geologie studiert und in Umwelttechnologie promoviert. Warum haben Sie sich für eine Karriere in der Beratung entschieden?

Dr. Barbara Hudec: Nach dem Studium der Geologie – übrigens ein wunderbares, vielseitiges Studienfach – habe ich in der Erdölexploration gearbeitet und bin dann in öffentliche Forschungseinrichtungen gewechselt. Dort haben mich die teilweise langwierigen Prozesse von Genehmigungen für Fördermittel oder Untersuchungsmaterialien sehr unzufrieden gemacht. Darüber hinaus wollte ich nicht nur etwas untersuchen – und dann zusehen müssen, dass die Ergebnisse in Schubladen verschwinden, sondern ich wollte etwas bewegen, umweltrelevante Entscheidungen vorbereiten und Prozesse beeinflussen. Der Schritt in die Beratung war dann logisch.

CONSULTING.de: Sie haben schon in verschiedenen Ländern gearbeitet. Wo waren die Bedingungen für Frauen im Beruf am besten und was könnten wir uns in Deutschland davon abschauen?

Dr. Barbara Hudec: In Deutschland haben der Ausbau der Kinderbetreuungen und die Einführung der Ganztagsschulen viel zu lange gedauert und sind auch immer noch nicht flächendeckend abgeschlossen. Zudem ist ungleiche Bezahlung bei gleicher Qualifikation noch sehr verbreitet. Besser ist es in den klassischen skandinavischen Vorreiter-Ländern, aber auch in den Benelux-Ländern sowie Frankreich und Großbritannien. Hier werden Frauen auch in Bezug auf Karriere als gleichberechtigte Partnerinnen angesehen, und die Männer beteiligen sich selbstverständlich an Haushalt und Kinderbetreuung.

CONSULTING.de: Haben Sie Frauen besonders im Fokus, um sie bei Bedarf zu fördern? Wenn ja: wie?

Dr. Barbara Hudec: In meinem Umfeld gibt es mehrere jüngere Kolleginnen, die ich coache. Ich gebe gerne meine Erfahrungen weiter, berate und unterstütze sie in ihrer beruflichen Entwicklung. Es ist enorm wichtig, Vorbild zu sein, Talente zu erkennen und zu fördern. Zu Beginn meiner Karriere gab es leider keine Frauen, die in meinem Umfeld in Führungspositionen waren.

CONSULTING.de: Was halten Sie von Quotenregelungen?

Dr. Barbara Hudec: Wenn sich nichts bewegt, muss der Druck erhöht werden – da können Quoten sinnvoll sein. Damit werden Verantwortliche dazu gezwungen, sich mit dem Gedanken anzufreunden, auch weibliche Bewerberinnen für Positionen in Erwägung zu ziehen, die sie eigentlich aufgrund ihrer männlichen Sichtweise und Beurteilung nicht berücksichtigt hätten. Noch immer gilt: Männer fördern Männer. So können mit Quoten als Initialzündungen Muster aufgebrochen werden. Ich befürworte übrigens auch eine Männerquote zum Beispiel für Kindergartenteams. Teams ohne Geschlechtervielfalt, unterschiedliche Sichtweisen und Arbeitsansätze sind nachweislich weniger erfolgreich.

CONSULTING.de: Was zeichnet weibliche Führung aus Ihrer Sicht aus?

Dr. Barbara Hudec: Grundsätzlich finde ich eine Unterscheidung zwischen "weiblicher" und "männlicher" Führung überholt. An jede Führungspersönlichkeit werden die gleichen Ansprüche und Ziele gestellt. Frauen entwickeln aber aufgrund von weniger Vorbildern eher einen individuellen Führungsstil. Sie agieren situationsangepasster und haben einen stärkeren Teamfokus, da sie seltener den machtdemonstrierendem "Stereotyp-Chef" kopieren, dessen Zeit längst abgelaufen ist. Mir persönlich sagte ein Kollege einmal: "Als ich erfuhr, dass ich eine weibliche Chefin bekomme, war ich erst sehr skeptisch. Jetzt bin ich froh – die Art der Führung ist zwar ungewöhnlich, aber ich finde es super".

CONSULTING.de: Frauen können aus dem Berufsleben oft Geschichten von unpassenden männlichen Kommentaren erzählen ... Sie auch?

Dr. Barbara Hudec: Ja. Unpassende Kommentare gibt es in allen Schattierungen und zu allen Gelegenheiten. Entsprechend unterschiedlich fallen auch meine Reaktionen darauf aus. Männer realisieren nicht immer, dass ihre Kommentare Frauen gegenüber despektierlich sind, ein entsprechender Kommentar, der humorvoll aufgreift, was gerade gesagt wurde, hilft dann auf leichte Art, Gesagtes in die richtige Perspektive zu setzen und Bewusstsein zu schaffen. Bei ernsthaft abwertenden, geschmacklosen Bemerkungen adressiere ich dies unmittelbar und mit aller Deutlichkeit. Da gibt es kein Pardon.

CONSULTING.de: Was ist Ihnen neben der Arbeit besonders wichtig? Und wie bringen Sie es mit dem Job unter einen Hut?

Dr. Barbara Hudec: Ich habe viele Interessen, darunter aktiv Musik spielen, Fremdsprachen, Naturbeobachtungen, Zeit mit Freunden verbringen. Da ich beruflich viel reise und häufig mehrere Tage hintereinander unterwegs bin, bleibt mir zu regelmäßigen Verabredungen und Aktivitäten leider wenig Zeit. Meine Familie hat Verständnis für meine Arbeit und wir verteilen die Aufgaben zu Hause gleichmäßig.

CONSULTING.de: Nach 30 Jahren im Beruf: Was sind Ihre persönlichen Ziele, die Sie noch erreichen möchten?

Dr. Barbara Hudec: Derzeit gibt es im Umweltbereich viele Herausforderungen. Einerseits wird durch die wachsende Bevölkerung und den Klimawandel der Druck auf die Naturräume immer größer, andererseits ermöglicht die Digitalisierung unserer Welt eine immer bessere Erfassung und damit verbundenes Verstehen der natürlichen Prozesse. Im Beratungsbereich sehen wir eine immer schnellere Veränderung der Anforderungen unserer Kunden im Kontext der Digitalisierung. Das ist spannend und hier möchte ich gerne meine Teams noch vergrößern und fit für die Zukunft machen.

Zur Person: Dr. Barbara Hudec ist Prokuristin sowie Director Strategic Environmental Consulting and Planning für die Region Europa, UK and Middle East bei dem Planungs- und Beratungsunternehmen Arcadis in Darmstadt. Sie studierte Geologie in Bonn und promovierte später in Umwelttechnologie an der TU Berlin. Danach war sie in verschiedenen Beratungsfirmen in Deutschland und in Großbritannien tätig.

Das Interview führte Ulrike Schäfer

 

 

Veröffentlicht am: 25.09.2018

 

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