Wie kann ein Beratungshaus nachhaltig werden?

Interview mit David Südi, Partner Struktur Management Partner

Für ein einstündiges Kunden-Meeting nach München fliegen? Statt ÖPNV doch immer Taxi fahren? Consultants gehören nicht zu den Vorreitern in Sachen Nachhaltigkeit. Doch es gibt Häuser, die sich auf den Weg zum klimaneutralen Beratungshaus gemacht haben. David Südi spricht im Interview mit CONSULTING.de offen darüber wie sich SMP auf den Weg zu einem nachhaltigen Consultingunternehmen gemacht hat.

Interview-Nachhaltigkeit-Suedi-Beitrag (Bild: Interviewter)
David Südi spricht im Interview über die Nachhaltigkeit von Consultinghäusern (Bild: Interviewter)

Sie haben sich als Struktur Management Partner auf den Weg zu einem klimaneutralen Consulting gemacht. Wir finden das super! Aber muss das aufgrund der Notwendigkeit von Geschäftsreisen nicht zwangsläufig scheitern? Oder ist die Lösung einfach alles zu kompensieren? 

David Südi: Mit dem Ruf ständiger Erreichbarkeit in Kombination mit vielen Geschäftsreisen gilt die Consultingbranche landläufig nicht gerade als Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Und natürlich: Reisen und der persönliche Kontakt mit unseren Kunden gehören zu unserer Stellenbeschreibung selbstverständlich dazu. Aus unserer Unternehmensphilosophie ist die enge Zusammenarbeit mit dem Mandanten nicht wegzudenken und ein wesentlicher Garant unseres Erfolgs. So können und wollen wir unsere Reisen nicht auf null reduzieren. Deswegen beschäftigen wir uns schon seit über zwölf Jahren aktiv mit der Frage, wie wir den schädlichen Auswirkungen der durch uns verursachten Treibhausgasemissionen entgegenwirken können. Dies schließt auch alle Scope-3-Emissionen ein – also indirekte Emissionen, die in der Wertschöpfungskette des Unternehmens entstehen. 

Wie schaffen wir das? Beispielsweise durch den aktiven Einsatz im Moorschutz. Das mag auf den ersten Blick nicht als das Naheliegendste wirken. Aber: Moore sind nachweislich einer der größten und effektivsten Kohlenstoffspeicher aller Landlebensräume. Sie bedecken zwar nur rund drei Prozent unserer Erdoberfläche, binden aber ein Drittel des terrestrischen Kohlenstoffes – doppelt so viel wie alle Wälder dieser Erde zusammen. Seit 2009 unterstützen wir deshalb die in Greifswald ansässige Succow-Stiftung, die sich für den Erhalt der Moore in Deutschland sowie weltweit durch Revitalisierung und Wiedervernässung einsetzt.  

Natürlich reicht es nicht, einfach nur die eigenen Emissionen zu kompensieren. Besonders mit Blick darauf, dass Deutschland für dieses Jahr seinen Vorrat an natürlichen Ressourcen bereits am 5. Mai erschöpft hat, besteht dringender Handlungsbedarf. Wir müssen auch über die Kompensation hinaus darauf hinarbeiten, unsere Vorstellung von grenzenloser Mobilität zu überdenken, neue Konzepte entwickeln und nachhaltige Energiegewinnung vorantreiben. Grundlegend ist, mehr und mehr das Bewusstsein zu schärfen, dass die Ressourcen endlich sind und wir nicht auf Kosten der kommenden Generationen unseren Wohlstand bewahren können.  

Haben Sie es als Unternehmen geschafft, Ihre Mitarbeiter mit auf den Weg zu nehmen? Oder wird im Zweifelsfall aus Zeitgründen eben nicht doch das Taxi statt dem ÖPNV gewählt, wenn der Kundentermin naht? 

David Südi: Wie gesagt: Die Kundenzufriedenheit steht bei uns an alleroberster Stelle. Es geht hier um Existenzen und den Erhalt vieler Arbeitsplätze.  

Deshalb werden wir sicher auch mal das Taxi nehmen, um rechtzeitig beim Kunden zu sein. Aber auch diese Fahrten fließen in die Nachhaltigkeitsrechnung mit ein und werden kompensiert.  

Wir denken, es ist zunächst wichtig, als ersten Schritt einer langen Reise hier ein Bewusstsein zu schaffen und davon wegzukommen, das Auto als einzig mögliches Fortbewegungsmittel zu sehen. Und die Reisen so zu planen, dass man eben nicht immer auf den eigenen Wagen oder Taxis angewiesen ist.  

Kompensieren Sie alle Reisen bzgl. der CO2-Emissionen vollständig? Bezahlt das nicht letztendlich der Kunde?  

David Südi: Seit 2019 sind wir komplett klimaneutral, das heißt, alle durch uns verursachten Emissionen werden kompensiert. So konnten wir für das Jahr 2019 mit unserem Engagement 760 Tonnen CO2-Emissionen kompensieren. Wir finden: Eine großartige Investition in unsere Zukunft, die sich sogar mit den "Sustainable Development Goals! der Vereinten Nationen decken. Sicher fiel das im vergangenen Jahr, wo wir alle auch coronabedingt auf viele Reisen verzichten mussten, weit weniger ins Gewicht. Aber wenn die Reisetätigkeit wieder ansteigt, werden wir auch unsere Initiativen entsprechend anpassen.  

Und nein, die Kosten für die Nachhaltigkeitsprojekte werden nicht auf unsere Kunden umgelegt, dafür haben wir ein gesondertes Budget.  

Woher kam die Motivation, sich auf den Weg zum klimaneutralen Consulting zu machen? Aus der Führungs- oder der Beraterebene? 

David Südi: Sowohl als auch. Wir sind als Beratungsunternehmen immer schon wertebasiert aufgestellt. Die Führungsebene gibt hier natürlich die Linie vor, aber alle, die sich bei uns bewerben, kennen unsere Wertestruktur. Wenn man als Berater gegenüber solchen Themen nicht aufgeschlossen ist oder sie ablehnt, sind wir am Ende dann vielleicht auch nicht der richtige Arbeitgeber. Die starke Orientierung an Werten zeigt sich übrigens auch in anderen Bereichen: Neben dem Engagement für den Klimaschutz haben bei uns alle Beraterinnen und Berater wirklich vollkommen gleiche Aufstiegschancen – wenn es um Beförderungen geht, zählt ausschließlich die Leistung.  

Um Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, stellen wir natürlich auch die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung. Eine Taskforce engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeitet laufend an der Konzeption und Umsetzung von weiteren internen CO2- und Abfall-Vermeidungsinitiativen. 

Natürlich blicken wir beim Thema Nachhaltigkeit auch über die Landesgrenzen hinaus: Auch international macht sich Struktur Management Partner für Klimaschutzprojekte stark, wie beispielsweise für das Trinkwasserbrunnenprojekt Gatsibo in Ruanda.  

Tue Gutes und sprich darüber: Warum gehen Sie mit dem Thema "Klimaneutrales Consulting" jetzt in die Öffentlichkeit?  

David Südi: Ökologisches und soziales Verantwortungsbewusstsein ist in erster Linie eine Frage der Werte und Geisteshaltung. Diese Werte möchten wir gerne in der Branche weitergeben und zeigen, dass man nachhaltiger wirtschaften und gleichzeitig ein erfolgreiches Beratungsunternehmen sein kann. Wir möchten Veränderungen anstoßen und Beispiele geben, wie sich jedes Unternehmen aktiv für den Umweltschutz engagieren kann.  

Bei so entscheidenden Punkten wie dem Klimaschutz sehen wir vor allem auch die Unternehmen in der Pflicht, sich zu positionieren und zu engagieren.  

Und so von vornherein Zweifel zu entkräften, dass das einzelne Unternehmen oder auch jeder einzelne Mensch ja keinen großen Beitrag leisten könne. Hier möchten wir mit gutem Beispiel vorangehen. 

Es ist ja das Eine, wie Sie das Thema "Klimaneutralität" im Büro umsetzen. Beeinflusst das auch Ihre Haltung in Kundenprojekten? Würde Ihre Haltung so weit gehen, dass Sie Kundenprojekte in bestimmten Branchen ablehnen?  

David Südi: Vor dieser Frage standen wir bisher noch nicht. Aber sicherlich ist es auch ein Ansatz in unserer Beratung, Unternehmen zu helfen, sich nachhaltiger aufzustellen. Aus unserer Sicht ist das nicht nur eine Frage der Verantwortung. Sondern auch des Images als Unternehmer und Arbeitgeber. In vielen Branchen ist der Fachkräftemangel eine gewaltige Herausforderung und viele junge Arbeitnehmer verlangen heute, dass sich ihr Unternehmen auch Themen wie dem Klimaschutz annimmt.  

Dazu kommt auch, dass Unternehmen in Schieflage geraten, weil sie eben nicht nachhaltig ausgerichtet sind – da spielt in der Beratung dieser Punkt natürlich eine ganz zentrale Rolle. Die Verschwendung von Ressourcen wie Wasser oder Lebensmittel sind beispielsweise ein enormer Kostenfaktor. Wenn es um Einsparungen geht, müssen solche Themen in vielen Fällen zwingend berücksichtigt werden.  

Wir helfen den Kunden dabei, im Turnaround-Prozess entsprechende Strategien für sich zu definieren und beraten im zweiten Schritt gerne, um die Prozesse auch bezüglich ihrer Nachhaltigkeit optimiert aufzustellen. 

Wenn sich ein Beratungshaus auf den Weg zur Klimaneutralität machen will, wo sollte es anfangen? Wo verstecken sich die größten Umweltsünden in der Beratung? 

David Südi: Entscheidend und gleichzeitig am schwersten ist es sicherlich, überhaupt "anzufangen". Es ist wichtig, den Stein ins Rollen zu bekommen. 

Aus unserer Sicht sollte das anfängliche Bemühen in der Tat bei den Geschäftsreisen liegen – das ist sicherlich im Fall von Beratungshäusern der größte Posten.  

Hier kann man hinterfragen, ob wirklich jedes persönliche Treffen notwendig ist – die vergangenen Monate haben uns allen mit dem Umstieg auf digitale Kollaboration neue Wege aufgezeigt, die in der Praxis hervorragend funktionieren. Reisen, die notwendig sind, können statt dem Flugzeug sehr oft auch mit dem Zug durchgeführt werden. Statt dem Dienstwagen kann man den Mitarbeitenden gegebenenfalls eine BahnCard 100 zur Verfügung stellen. Flugreisen, sofern nötig, sollten konsequent kompensiert werden. Diesen Absichten müssen logischerweise auch Taten folgen: So habe ich persönlich bewusst auf den mir "zustehenden" Dienstwagen verzichtet. 

Darüber hinaus gibt es viele weitere Stellschrauben, die Unternehmen kritisch beleuchten sollten. Vom E-Bike statt dem Dienstwagen für alle, die sich viel in der Stadt fortbewegen, über klimaneutrale Energieversorgung für die Geschäftsräume bis hin zur Unterstützung von Umweltinitiativen gibt es viele Wege. Der gezielte Einsatz von Data Analytics und auch die Zusammenarbeit mit entsprechenden Experten kann hier helfen, die größten Potenziale im eigenen Unternehmen zu analysieren und entsprechende Schritte einzuleiten.  

Stichwort Zero Waste: Woher beziehen Sie z.B. ihre Büroartikel?  

David Südi: Da unsere Beraterinnen und Berater keine festen Büros haben und sehr viel remote oder bei unseren Kunden arbeiten, setzen wir hier auf die Eigenverantwortung unserer Mitarbeitenden – was immer besser funktioniert, weil sich wirklich alle auf die Unternehmenswerte verständigt haben und sie zunehmend auch leben. Das beginnt schon bei unseren Mehrwegbechern oder Trinkflaschen. Das sind teilweise ganz kleine Schritte – die aber in der Summe trotzdem zählen. 

Wenn wir Giveaways und Werbemittel für Veranstaltungen in Auftrag geben, achten wir natürlich auch immer auf haltbare, wiederverwertbare Produkte statt Wegwerfartikel. Die Maßstäbe, nach denen wir selbst leben, setzen wir auch bei unseren Partnern an. 

Wie gehen Sie bei der Anschaffung von Rechnern und Smartphones in Bezug auf Klimaneutralität vor?  

David Südi: Guter Punkt. Wir sind auf Laptops und Mobiltelefone angewiesen, sie sind ja unser wichtigstes Arbeitsgerät. Wir tun das, was in diesem Bereich nach unserer Einschätzung bei weitem am wirksamsten ist und was man gleichzeitig am Ehesten selbst beeinflussen kann: wir setzen auf Qualität, die Langlebigkeit sichert, und wir nutzen einmal hergestellte und angeschaffte Geräte dann auch wirklich so lange wie möglich und lassen sie reparieren, wenn etwas kaputtgeht.  

Welche Mehrkosten sind mit dem Umstieg auf Klimaneutralität in Ihrem Haus angefallen? 

David Südi: Als Restrukturierer minimieren wir lieber Kosten: Statt viele Firmenwagen zu leasen, stellen wir lieber BahnCards und andere Mobilitätslösungen zur Verfügung – das macht die Kosten sehr transparent und gut kalkulierbar. Die Möglichkeit zu Remote Work, die Kosten für die technische Infrastruktur und Hardware nach sich zieht, besteht in unserem Unternehmen bereits seit langer Zeit. Im Vergleich zu anderen Unternehmen mussten wir hier also zu Beginn der Krise nicht aufrüsten.  

Zwar stellen wir in unserem Unternehmen Ressourcen zur Verfügung, um kontinuierlich an Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu arbeiten – auch das ist ein Kostenfaktor. Doch Klimaschutz ist eines unserer Unternehmensziele, das gleichgestellt ist mit den unseren anderen Zielen und ebensolchen Einsatz verlangt und auch bekommt.  

Wenn Sie die Macht hätten: Welche drei Dinge sollte jedes Beratungshaus in Bezug auf seine Klimaneutralität ändern müssen?  

David Südi: Erstens: Auch nach der Pandemie das eigene (Reise-)Verhalten kritisch hinterfragen. Muss ich wirklich für eine Stunde Termin durch die halbe Republik fahren? Müssen beispielsweise größere Veranstaltungen im Ausland stattfinden und alle Beteiligten dafür dann doch wieder eingeflogen werden? Kann ich als Unternehmen nicht doch weitestgehend auf Inlandsflüge verzichten?  

Zweitens: Verantwortliches Handeln thematisieren, bewusst machen und fest in den Unternehmensrichtlinie verankern. Wir alle tragen dafür Verantwortung, dass die kommenden Generationen gut auf diesem Planeten leben können. Natürlich hat auch unsere Arbeit per se eine große Bedeutung für jeden einzelnen unserer Kunden – schließlich geht es regelmäßig um Existenzen. Doch wenn wir den Klimawandel nicht aktiv bekämpfen, werden nicht zuletzt durch Naturkatastrophen ganz andere Herausforderungen auf uns zukommen.  

Drittens: Auch in der Beratung spielen Strategien, die auf Nachhaltigkeitsziele einzahlen, eine immer größere Rolle. Sich langfristig erfolgreich aufzustellen, bedeutet heute auch, sich nachhaltig aufzustellen. Vom Image als Arbeitgeber über die Vorbildfunktion für andere in der Branche bis hin zum großen Ganzen, dem Erhalt unserer Lebensgrundlage – Unternehmen können und dürfen dieses Thema heute nicht mehr ausklammern. Nebenbei: Unsere Mandanten, ja die ganze Wirtschaft wird sich sehr ernsthaft mit Nachhaltigkeitsfragen befassen müssen – dafür sorgen schon sehr bald auch die Regulatorik und Gesetzgebung. Es zeichnet sich heute schon klar ab, dass auch Finanzierungen zunehmend von Nachhaltigkeitskriterien abhängig gemacht werden. 

Jedes Beratungshaus sollte heute den Punkt "Nachhaltigkeit" immer auch in seiner Arbeit mit und für die Kunden als festen Punkt auf der Agenda haben. 

Über David Südi: 

David Südi, Partner – Struktur Management Partner (Bild: Person)
Der diplomierte Volkswirtschaftler ist seit 1996 bei Struktur Management Partner tätig, seit 2005 als Partner und Gesellschafter. Er betreut überwiegend Familienunternehmen mit Umsätzen im dreistelligen Millionenbereich und komplexeren Strukturen aus den Branchen Automotive, Maschinen- und Anlagenbau, Erneuerbare Energien sowie Lebensmittel.  

Der Newsletter der Consultingbranche

News +++ Jobs +++ Whitepaper +++ Webinare

/pj

Über CONSULTING.de

consulting.de ist das zentrale Informationsportal für Unternehmensberatungen. Unser breites Informationsangebot rund um Consulting richtet sich sowohl an Management- und Strategieberatungen, Personalberatungen, Controlling- und Finanzberatungen, Wirtschaftsprüfungen, Marketing- und Kommunikationsberatung und IT-Beratungen als auch deren Kunden aus Industrie, Handel sowie Dienstleistung.

facebook twitter xing linkedin linkedin