11 Punkte: Die Managementphilosophie des Jeff Bezos – Amazons Erfolgsgeheimnis

Blick in die Bilanz: CONSULTING.de-Kolumne von Bert Erlen

280,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz, 840.000 Mitarbeiter, reichster Erdenbürger: aber wie? Kennen Sie die Managementphilosophie vom Amazon-Captain Jeff Bezos?

Der Amazonas war Teil des frühen Amazon-Logos (Bild: themorningglory - adobestock)
Der Amazonas war Teil des frühen Amazon-Logos (Bild: themorningglory - adobestock)

Das Husarenstück des Jeff Bezos: Amazons langer Weg zum Erfolg

Amazon ist nicht nur der größte Versender der Welt, es ist eines der großen amerikanischen Technologieunternehmen und gemeinsam mit Microsoft und Apple eines der wertvollsten Unternehmen der Welt. Amazon ist eine unternehmerische Glanzleistung!

Dem Geschäftsbericht steht traditionell ein Brief seines Vorstandsvorsitzenden Jeff Bezos an die Aktionäre voran und im 2019er Bericht wurde der Brief von 1997 noch einmal abgedruckt – sehr interessant. In 1996 hatte der Umsatz 16 Mio. US-Dollar betragen, heute beträgt er 280,5 Mrd. Dollar. Allein im Jahr 1997 verdreifachte sich die Mitarbeiterzahl und verneunfachte sich der Umsatz.

Zielorientierung ist Trumpf

Jeff Bezos hat dieses Wachstum geplant und mit einer unglaublichen Konsequenz über viel Jahre hinweg umgesetzt. Seine Managementphilosophie beschreibt er im ersten Brief an die Amazon-Aktionäre 1997:

  1. "Every day is day 1!" 1997 war für Bezos der Tag 1 des Internets und auch der Tag 1 für Amazon. Bezos wollte mit dem Internet zusammen wachsen und die geschäftlichen Chancen bestmöglich nutzen. Und das hat er geschafft!

    Auch heute noch werden Mitarbeiter – mittlerweile sind es unglaubliche 840.000 Menschen – mit dieser Aufforderung dazu aufgerufen, sich maximal für die Firma und ihre Aufgaben einzusetzen. Die Firmenzentrale in Seattle heißt "Day 1 Tower".

  2. Kompromisslose Kundenorientierung. Alle Produkte des Unternehmens und alle unternehmerischen Handlungen sollten konsequent am Kundennutzen ausgerichtet sein.

  3. Dazu passt das langfristige Denken. Von Beginn an hat Bezos das Unternehmen auf der Basis von langfristigen Entscheidungen aufgebaut. Er hat geplant, dass der Aufbau eines signifikanten Unternehmenswertes nur durch den langfristigen Aufbau von Wertschöpfungsketten gewährleistet werden kann.

  4. In die Controllersprache übersetzt heißt das, dass nicht der EBIT, ein irgendwie sonst definiertes operatives Ergebnis oder ein Jahresgewinn der Erfolgsmaßstab sein können, sondern nur der NPV, der Net Present Value von Investitionsprojekten.

    1997 und auf dem vom kurzfristigen Denken dominierten amerikanischen Kapitalmarkt war das geradezu revolutionär. Heute sind NPV-Rechnungen der Standard im Controlling.

  5. Es wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Nur aus großen Investitionsvorhaben können große Unternehmenswerte entstehen. Und wenn diese zum Erfolg geführt werden, wird das die Börse auch honorieren – siehe die Aktienkursentwicklung.

    Aktienkursentwicklung von Amazon von 1999 bis heute


  6. In seinem Brief an die Aktionäre verspricht Bezos, jede große Investition dem Aktienmarkt transparent zu machen und sich für jede dieser Entscheidungen "die Erlaubnis der Aktionäre zu holen". "Schließlich ist es Ihr Geld!"

  7. Umsatzwachstum ist der wichtigste Erfolgsfaktor, eben nicht die Profitabilität der Geschäfte. Das funktioniert aber nur, wenn man jeden Business Case streng controllt. Und das wiederum erfordert eine strenge Managementleistung. Dass Amazon das geschafft hat, hat sicherlich mit der Person von Jeff Bezos zu tun.

  8. Dazu wiederum passt die Philosophie, laufend dazulernen zu wollen. Aus Erfolgen wie auch aus Fehlern. Menschen machen Fehler und Bezos verspricht 1997 eine ausgeprägte Fehlerkultur.

  9. Konsequentes Portfoliomanagement. Neue Geschäfte werden ausprobiert und was entsprechend dem Marktwachstum nicht genug Umsatz generiert, wird wieder eingestellt. Amazons Erfolg basiert auch auf der Erkenntnis, dass nur signifikante Größe diejenigen Kostenvorteile bringt, die den nötigen Spielraum für weiteres Wachstum generieren.

  10. Ebenso verlautbarte Bezos bereits 1997, diesen Kostenspareffekt genau zu überwachen. Er verspricht konsequentes Kostenmanagement und die Absicht, trotz Wachstum auch immer auf Effizienz zu achten. "Insbesondere wenn wir Verluste machen und negative Cashflows generieren, sind wir es unseren Aktionären schuldig, mit deren Geld effizient umzugehen."

  11. Und schließlich verspricht Bezos, stets nur mit hochqualifizierten Mitarbeitern zusammenarbeiten zu wollen, die darüber hinaus zu einem großen Teil aktienkursabhängig bezahlt werden. Denn es gehe um den Aufbau von künftigen Erfolgen, nicht um das Jetzt. Es verwundert auch nicht, dass dabei die Anforderungen hoch sind: Mitarbeiter müssen "lang, hart und gut arbeiten, und zwar alles zusammen und jederzeit".

    Die Amazon-Programmierer gelten als die besten der Welt. Und der Umgang mit den Algorithmen ist der absolute Erfolgsfaktor im Internetgeschäft.

Die Hidden Champions machen es vor

Diese Grundätze spiegeln erstaunlich genau die Führungs- und Managementgrundsätze wider, die Herrmann Simon bei den Hidden Champions, den erfolgreichen deutschen Weltmarktführern, ausgemacht hat. Starke Führung, langfristiges Denken, Innovationskraft, kompetente Mitarbeiter mit hohen Freiheitsgraden in der Produktentwicklung, Risikofreude und stringentes Controlling.

Alle diese Tugenden können Unternehmen im Familieneigentum eigentlich viel besser erfüllen als börsennotierte Unternehmen, die jedes Quartal gute Ergebnisse vorweisen müssen. Aber Amazon ist ein leuchtendes Gegenbeispiel.

Übrigens hat Jeff Bezos im letzten Herbst mit anderen amerikanischen Konzernchefs eine Erklärung veröffentlicht, dass nicht der kurzfristige Shareholder Value im Vordergrund der Unternehmensführung stehen sollte, sondern der langfristig orientiert Stakeholder Value. Also nicht Unternehmenswertsteigerung nur für die Aktionäre, sondern vielmehr auch der Employee Value für die Mitarbeiter und der Customer Value für die Kunden.

Das so von langer Hand geplante und stringent forcierte Unternehmenswachstum hat sich bis heute konsequent fortgesetzt. Es wurde viel Geld investiert. Seit drei Jahren aber ernten sowohl Jeff Bezos persönlich (aber das ist hier nicht das Thema), die aktienbasiert bezahlten Mitarbeiter und auch die sonstigen Aktionäre. Die Geschäfte laufen dank dieser Managementphilosophie und dank der stringenten Führung so exzellent, dass sich das Unternehmen seit drei Jahren gar nicht mehr gegen die Gewinne wehren kann. Denn vorher hat Amazon entsprechend der Vorhersage immer Verluste generiert. Die Erfolge jetzt sind das Ergebnis dieser sehr langfristigen Aufbauarbeit.

Jeff Bezos war Investmentbanker in einem Family Office, bevor er Amazon.com 1994 gründete, um den Handel zu revolutionieren. Angefangen mit Büchern und später Unterhaltungselektronik ist Amazon heute der global umfassendste Marktplatz. Der Amazon Cloud-Service AMS, der heute den größten Anteil zum Gewinn beiträgt, wurde gegründet, um die Unterauslastung der unternehmenseigenen Server zu Geld zu machen. Jeff Bezos ist mit einem geschätzten Vermögen von 140 Mrd. US-Dollar der reichste Mensch der Welt.

Bert Erlen, Unternehmercoach, Managementtrainer und Blogger
 Bert Erlen begeistert Führungskräfte für unternehmerisches Denken und Handeln und erleichtert die Kommunikation zwischen Controllern und Führungskräften in Unternehmen. Er ist zertifizierter Unternehmercoach, langjähriger Managementtrainer für Finanzielle Führung und Blogger zum Thema Kennzahlenanalyse. Sein Fokus ist die nachhaltige Unternehmensführung als Kombination aus konsequenter Renditeorientierung, fundierter Kundenorientierung und ausgewogener Mitarbeiterorientierung.

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