Fifty Shades of Blaugrau

Consulting im Style-Check – Kolumne von Wolfram Saathoff

Blaugrau ist das Flecktarn der Beratungsbranche. Als Logo, auf der Internetseite oder im Social Marketing hüllen viele Beratungshäuser ihre Angebote in akzentbefreite Farbwelten und machen sich unsichtbar für Kunden und Bewerber. Warum nur, fragt sich Designer Wolfram Saathoff von der Agentur Haus am Meer, der zukünftig in seiner monatlichen Kolumne über Stylefragen im Consulting schreibt.

Artikelbild Blaugrau (Bild: Haus am Meer)

Bäume: Kennste einen, kennste alle! (Bild: Haus am Meer)

Was ist die seriöseste Farbkombination überhaupt?

Ich stelle es mir ungefähr so vor: Zeitlich irgendwo zwischen dem Bau der Cheops-Pyramide und der Teilung des Roten Meeres saßen eine Handvoll Beratende beisammen und fragten sich, was möge wohl die seriöseste aller Farbkombinationen sein? Man sah sich fragend an, blickte nach rechts und nach links und befand dann, die Krawatte des seriösesten unter ihnen sähe ganz schön seriös aus. Und Krawatten sind ja von Natur aus schon sehr seriös, murmelte einer von ihnen seinen Kopf sanft wiegend.

Blau war sie, die Krawatte. Kein grelles, lautes Blau, das ins Auge springt. Nein, ein gedecktes, leises Blau, ein Blau wie stilles Mineralwasser, zurückhaltend und unaufgeregt. PH-neutral, magenschonend. Raufaserblau, könnte man abschätzig sagen, wenn man denn überhaupt etwas Abschätziges über dieses unauffälligste aller Blaus sagen könnte.

Und zu diesem Blau gesellte sich als ›Akzentfarbe‹ ein nicht zu helles und nicht zu dunkles Grau, das so eigenschaftslos war, dass man es nicht einmal trist nennen konnte.

Das Grau einer traumlosen Nacht. Ein Grau, das sagt: Ich bin grau. Kein Ausrufezeichen, keine Pointe. Und vor allem kein Akzent.

Im Wort Anmutung steckt das Wort „Mut“

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Blau ist durchaus eine sehr schöne Farbe! Und abgesehen von der Geschmacksfrage kann es im Corporate Design durchaus auch eine sinnvolle Farbe sein. Aber wenn Sie gut sind in dem, was Sie tun, und es Ihnen sogar Spaß macht, dann zeigen Sie das doch auch ganz selbstbewusst, statt sich unter einer Tarnkappe zu verstecken. Nicht umsonst steckt im Wort ›Anmutung‹ das Wort ›Mut‹.

Wo ist also das Problem?, frage ich mich. Warum das hartnäckige Festhalten an einer Farbkombination, die aus einer Zeit stammt, als Carsten Maschmeyer noch Schnurrbart trug? In unserer Studie ›Monitor Beratermarketing 2022‹ gaben 68% der Befragten an, sie wollen anziehender auf Kunden und Bewerber wirken und sich stärker von den Mitbewerbern unterscheiden. Kluge Sache, möchte man ausrufen.

Doch wie will man in einem Wald gefunden werden, wenn man sich selbst als Baum verkleidet?

Graublaue Monotonie statt Aufbruch und Transformation

Schaut man auf die Websites vieler Beratungshäuser, seien diese groß oder klein, findet man dort so wohlklingende Begriffe wie ›innovativ‹ und ›modern‹. Es wird viel in die Zukunft gewiesen und von Aufbruch und Transformation gesprochen. Ein Wording, das im erheblichen Widerspruch steht zur graublauen Monotonie, in die sich 90 Prozent der Beratungshäuser hüllen und die eher an die Anfänge des Internets erinnert – nicht an Industrie 4.0.

Als auf Berater spezialisierte Agentur kennen wir natürlich die Vorbehalte, wenn es an das (Re-)Design einer Beratungsmarke geht: »Das Logo und die Farbe sind Teil unserer Erfolgsgeschichte … unsere Kunden werden uns nicht wiedererkennen … Türschilder, Marketing, Vertriebsunterlagen – das können wir doch unmöglich alles ändern!«

Die Liste der Bedenken ist lang, oft stecken dahinter aber vor allem persönliche Ängste vor Veränderung, zum Beispiel der Bruch mit einem ›Running System‹, oder ganz profane Gewohnheit.

Die Gesetzmäßigkeit, dass alles sich verändert, sogar verändern muss, soll also für das eigene Unternehmen nicht gelten?

Eine verpasste Chance, denn genau diese Veränderungs-Symbolik bietet auch eine immense Chance für Ihr Marketing: Sie signalisiert Kunden und Bewerbern, dass Sie sich weiterentwickelt haben. Dass Sie besonders sind, Spaß haben, an dem was Sie tun und sich unterscheiden. Dass Sie mehr oder etwas anderes anzubieten haben als das graublaue Einerlei Ihrer Mitbewerber. Wann nutzen Sie diese Chance und bekennen Farbe?

Über Wolfram Saathoff

Wolfram Saathof (Bild: Simone Scardovelli)
Warum sehen Beratungsunternehmen eigentlich so aus wie sie aussehen? Diese Frage stellt sich Wolfram Saathoff (Schuhgröße 43) zukünftig in seiner monatlichen Kolumne. Der Kommunikationsdesigner und Trendforscher hat in Hamburg an der Design Factory International studiert und führt seit 2004 zusammen mit seinem Partner in Crime Steffen Kratz die Werbeagentur Haus am Meer in Barcelona. Gemeinsam machen sie die Beratungsbranche schöner. Mehr über die Agentur für Berater: www.hausammeer.org

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