Abschluss der Berateraffäre: Der politische Drops ist gelutscht, aber …

#1Blick vom Beratungsforscher

Die Aufarbeitung der Berateraffäre des Bundesministeriums der Verteidigung ist abgeschlossen – zumindest auf der politischen Ebene. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sich der Einsatz und das Management von Consultants dort und in anderen Behörden verbessert hat. Vor diesem Hintergrund ein paar Gedanken zum Abschluss der Untersuchungsausschussarbeit.

Thomas Deelmann: Berateraffäre: Der politische Drops ist gelutscht, aber … (Bild: SNFV GmbH)

Vorwürfe - Worum ging es?

Dr. Ursula von der Leyen stand vom 2013 bis 2019 dem Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) vor. Zu ihren Zielen gehörte es, die Bundeswehr auf verschiedenen Ebenen zu modernisieren. Das Ministerium griff dabei zur Unterstützung vielfach auf externe Consultants zurück. Der Bundesrechnungshof hat zwar bereits sehr früh den Einsatz von Beraterinnen und Beratern und insbesondere die Auftragsvergabe und die Steuerung der Consultants kritisiert, im BMVg hat man jedoch hierauf kaum reagiert.

Die Opposition im Bundestag hat sich dieses Verhalten des Ministeriums und insbesondere der Hausspitze - im August 2014 ist Dr. Katrin Suder (vorher: Senior Partnerin bzw. Director bei McKinsey und verantwortlich für das Berliner Büro der Firma sowie das Geschäft mit dem öffentlichen Sektor) als Staatssekretärin ins BMVg gekommen - nicht gefallen lassen.

Sehr schnell verbreitete sich der Verdacht, dass ein System aus Vetternwirtschaft, Vergaberechtsverstößen und unwirtschaftlichen Beratungsprojekten existiert.

Aufklärung: Die Arbeit des Untersuchungsausschusses

Um "den Umgang mit externer Beratung und Unterstützung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung aufzuklären" wurde im Januar 2019 ein Untersuchungsausschuss des Bundestages eingesetzt. Über 1,5 Jahre lang hat der Ausschuss Sachverständige sowie Zeuginnen und Zeugen teilweise bis in die frühen Morgenstunden hinein befragt, 4.720 Akten gesichtet und schließlich einen 745 Seiten langen Bericht zuzügliches einem sehr umfangreichen Anhang vorgelegt.

Zu den 41 Zeuginnen und Zeugen gehörten Angehörige aller Ebenen und aus dem gesamten Geschäftsbereich des BMVg, also auch von Beteiligungsgesellschaften und Ämtern, zudem Vertreter von Beratungsunternehmen und auch die (zum Befragungszeitpunkt) ehemaligen Spitzenpersonalien des BMVg, Ursula von der Leyen und Katrin Suder.

In den Befragungen wurde unter anderem deutlich, dass es tatsächlich so genannte Kennverhältnisse zwischen der Ministeriumsspitze und Partnern von Beratungen gab (ein Abteilungsleiter war beispielsweise Taufpate der Kinder von einem seiner Consulting-Dienstleister), dass Berater im Ministerium arbeiten konnten, ohne dass sie als solche erkennbar waren (sie konnten "normale" BMVg-E-Mail-Adressen sowie -Signaturen nutzen), dass Berater die Steuerung von anderen Beratern übernommen haben (sie haben sogar andere Berater beauftragt) und dass Vergabeverfahren nicht so durchgeführt wurden, wie man es erwarten würde.

Der Bericht des Untersuchungsausschusses wurde im November im Bundestagsplenum abschließend diskutiert. Die Presse hat die Debatte treffend als "Randnotiz im Bundestag" charakterisiert.

Abgeschlossen: Die politische Aufarbeitung

Diese eher knappe und abwertende Umschreibung der umfangreichen parlamentarischen Arbeit überrascht auf den ersten Blick. Beim zweiten Hinsehen ist jedoch zu erkennen, dass neben der Kontrolle der Exekutive das Hauptaugenmerk der Legislative zu Beginn der Ausschussarbeit auch auf die Ministeriumsspitze gerichtet war. Hier wurden persönliche Konsequenzen gefordert und erwartet.

Diese personenorientierte Aufmerksamkeit hat jedoch an Spannung verloren, weil hochrangige Beteiligte sukzessive und aus verschiedenen Gründen ihre Funktion verlassen haben: Versetzung, Aufhebung eines Geschäftsführervertrages oder das eigengetriebene Ausscheiden aus dem Dienst waren einige der Wege, welche die Spitzenkräfte gegangen sind.

Mit der Wahl zur Präsidentin der Europäischen Kommission hat auch Ursula von der Leyen im Juli 2019 das BMVg verlassen. Der Untersuchungsausschuss hat dadurch eine wesentliche personelle Reibungsfläche verloren und der politische Drops war damit weitgehend gelutscht.

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Weiterhin dringend notwendig: Verbesserungen beim Management von Consultants

Den Beobachter an der Seitenlinie hätte ein Nachlassen der Motivation der Ausschussmitglieder nicht gewundert. Ein solches war aber kaum zu bemerken und die Arbeit am Untersuchungsgegenstand ging noch über ein Jahr lang intensiv weiter.

Erkenntnisse wurden in dieser Zeit unter anderem über den Zustand der operativen Beraterbeschaffung und -steuerung, über die Interaktion von Ministerium und Beschaffungsamt, über deren jeweiliges Selbstverständnis sowie über den Mangel eines strategischen Beratermanagements gesammelt, diskutiert und aufbereitet. Andere Fragen, zum Beispiel zu einem wirtschaftlichen beziehungsweise materiellen Schaden, wurde nicht abschließend beantwortet.

Zum Ende der Ausschussarbeit konnten sich die Parlamentarierinnen und Parlamentarier zwar auf eine gemeinsame Beschreibung des Sachverhalts einigen, die Bewertung der Erkenntnisse verlief dann aber erwartungsgemäß uneinheitlich: Die Oppositionsfraktionen haben Sondervoten abgegeben, die deutlich kritischer formuliert sind, als die Bewertung der Koalitionsfraktionen.

Mein persönliches Kurzfazit: Schreck, Freude, Furcht

Der Blick hinter die Kulissen der Arbeit von Consultants, der Kundenseite und des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Berateraffäre kann stark verkürzt mit zwei erstaunlichen und einem erfreulichen Aspekt umschrieben werden:

  • Erstaunlich ist, wie unprofessionell sich die Kundenseite über weite Strecken hinweg verhalten hat. Der vom Untersuchungsausschuss betrachtete Zeitraum (Oktober 2013 bis Januar 2019) war eine Art Eldorado für Consultants.

  • Erstaunlich ist weiterhin, mit welcher Chuzpe Consultants ihre Kunden "ausnehmen" wollten. In Erinnerung geblieben ist hier das Ziel eines Beraters, das BMVg zu einem "Diamant-Kunden" seines Unternehmens zu machen. Hierfür wäre ein Umsatzvolumen von mehr als 100 Mio. Euro pro Jahr notwendig und damit ein Vielfaches der seinerzeitigen Beratungsausgaben des Ministeriums.

  • Erfreulich ist, dass die staatliche Gewaltenteilung funktioniert - allen Unkenrufen zum Trotz. Die Legislative hat sich (mit Ausnahme vielleicht der CDU/CSU-Fraktion, die ja mit Frau von der Leyen die Ministerin gestellt hat) klar gegenüber der Exekutiven positioniert. Sie hat ihre Kontrollfunktion sehr ernst genommen. Vertreter der Regierungsparteien gehörten dabei zu den engagiertesten Aufklärern.

Neben diesem Rückblick macht sich allerdings auch eine Befürchtung breit. Die Gefahr ist vorhanden, dass das Beratungsmanagement auf Seiten der öffentlichen Verwaltung in ein "weiter wie bisher" verfällt und der Umgang mit Consultants weiterhin recht unprofessionell bleibt. Man muss als Kunde selbstredend keinen Spitzenplatz bei der Lieferantensteuerung und beim Category Management einnehmen, aber Basisanforderungen dürfen natürlich auch nicht unterlaufen werden.

Potential ist vorhanden gerade bei Aspekten rund um die Datentransparenz, einem gemeinsamen Beratungs-Verständnis, der Steuerung von Beratern in Projekten, der Aufbereitung von Projekterfahrungswissen sowie der Verhinderung des Umgehens von Vergabevorschriften durch die Einbeziehung von "erprobten Nachauftragnehmern". Und genau an diesen Stellen droht neues Ungemach, wenn zukünftige Recherchen und Kontrollen von Parlamenten, Rechnungshöfen und Medien weitere Schwachstellen aufdecken: Eine "Berateraffäre 2.0".

Über den Autor:

Thomas Deelmann
Professor Thomas Deelmann arbeitet seit über 20 Jahren als, mit, für und über Berater. In seiner consulting.de-Kolumne #1Blick kommentiert er Marktentwicklungen aus der Vogelperspektive und schaut hinter die Kulissen der Arbeit von Beratern und ihren Kunden. Er lehrt an der HSPV NRW, twittert @Ueber_Beratung, berät bei strategischen Fragen, ist unter anderem Herausgeber des Handbuchs der Unternehmensberatung und hat mit Prof. Dr. Andreas Krämer "Consulting - Ein Lehr-, Lern- und Lesebuch" geschrieben.

mvw

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