Berateraffäre – Fingerpointing & sachdienliche Hinweise

#1Blick vom Consulting-Prof.

Der Einsatz von Beratern im Verteidigungsministerium ist im letzten Jahr intensiv untersucht worden und hat für einigen Wirbel gesorgt. Zwischenzeitlich kehrte vermeintlich Ruhe ein – bis vor wenigen Tagen drei Berichte vorgelegt wurden. Prof. Deelmann hat sie gelesen und hinter die Kulissen geschaut.

75 Seiten Schonkost, 105 Seiten deftige Kritikhappen und eine kleine leichte Beilage. Wie verdaulich sind die Berichte zur Berateraffäre für Politik und Beratungsszene? Der Beitrag geht auf Hintergründe und Positionen ein.

Vorwurf: Ein „System von der Leyen“ zu Gunsten von McKinsey, Accenture et al.

2019 wurde vom Deutschen Bundestag ein Untersuchungsausschuss ins Leben gerufen, der den Umgang mit Beratung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung aufklären soll. Vorangegangen waren Presseberichte und Untersuchungen des Bundesrechnungshofes, die Unstimmigkeiten beispielsweise bei der Auswahl, der Beschaffung und dem Einsatz von Beratern identifiziert hatten.

Zu den Beratungsunternehmen, die im Fokus stehen, gehören McKinsey und Accenture. Bis Anfang 2020 hat der Untersuchungsausschuss Akten gesichtet und Zeugen befragt, zuletzt Dr. Katrin Suder (Staatssekretärin a.D. und McKinsey-Alumna) sowie Dr. Ursula von der Leyen (Verteidigungsministerin während des Untersuchungszeitraums, heute Präsidentin der Europäischen Kommission).

Nach Abschluss der Befragungen ist es um die Ausschussarbeit ruhig geworden, da die Bundestagsfraktionen den Abschlussbericht bzw. ihre Bewertung der Ausschusstätigkeit formulierten. Die Koalitionsparteien CDU/CSU und SPD haben als erste ihren Entwurf vorgelegt. Er ist von den Oppositionsparteien und der Presse erwartungsgemäß kritisch beurteilt worden. Frau von der Leyen wurde als „Ministerin Ahnungslos“ tituliert, es wurde geurteilt, dass die Unionsparteien die Ergebnisse weichspülen und dass es sich bei dem Bericht um „75 Seiten Schonung“ für das „System McLeyen“ handele. Diese Reaktionen sind so plakativ-passend, wie erwartbar.

Im Anschluss daran haben die Oppositionsparteien FDP, Grüne und Linke trotz aller programmatischen Differenzen in der Verteidigungspolitik ein gemeinsames Sondervotum abgegeben. Das Papier der AfD-Fraktion fällt gegenüber den anderen beiden in mehrerlei Hinsicht stark ab und wird daher hier nur kurz der Vollständigkeit halber erwähnt.

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Zwei Perspektiven

Die Berichte, die noch nicht offiziell verfügbar sind, können aus zwei Perspektiven betrachtet werden. Die erste ist politisch. Augenscheinlich standen die beiden damaligen Top-Vertreterinnen des BMVg im Fokus. Frau von der Leyen und Frau Suder haben jedoch zum einen zwischenzeitlich das Ministerium verlassen und zum anderen ihre jeweiligen Aussagestrategien im Zeugenstand professionell umgesetzt. So wurde beispielsweise eingestanden, dass Fehler passiert seien – allerdings auf den eher unteren Ebenen und man selber habe nichts gewusst. Auf dieses Verhalten weist die Opposition hin, aber wohl folgenlos. Für viele politische Beobachter ist diese Entwicklung vermutlich enttäuschend.

Die zweite Perspektive der Berichte ist aber für die Beratungsbranche und vor allem für die Kundenseite interessant. Hier werden nämlich sehr detailliert und sehr sauber die Ergebnisse aus langen und umfangreichen Untersuchungsarbeiten formuliert. Sie legen dar, wie Vertreter externer Beratungsunternehmen mit dem BMVg und seinen Beteiligungsgesellschaften umgegangen sind sowie was die Kundenseite getan oder auch nicht getan hat – und diese Darstellungen erschrecken.

Beratermanagement mit Luft nach oben

Einige Beispiele aus den Bewertungen der Ausschussarbeit durch die Koalition sowie die Opposition mögen dies verdeutlichen:

  • Berater formulieren ihre eigene Leistungsbeschreibung, aus der dann Ausschreibungsdokumente hervorgehen – mit erwartbaren Ergebnissen.
  • Persönliche Bekanntschaften werden genutzt, um Auftragsvergaben zu beeinflussen.
  •  Aufträge werden so gestaltet, dass Folgeaufträge notwendig sind – und die Anbieterauswahl auf eine einzige Beratung hinausläuft.
  • Externe Berater haben kundeninterne E-Mail-Signaturen.
  • Rahmenverträge werden leicht erkennbar missbraucht und es werden unpassende Vertragsabrufe getätigt.
  • Vorschnelle Festlegung auf einen Anbieter ohne ein Screening von Alternativen.
  •  Externe Berater entscheiden über die Beauftragung weiterer externer Berater und steuern diese.

Manche dieser Beispiele und der weiteren aufgezeigten Verhaltensweisen erscheinen zwar dilettantisch – aber man könnte sie mit viel gutem Willen in einem Graubereich von Berater-Kunden-Interaktionen ansiedeln; jedoch nur, wenn es in der Privatwirtschaft passiert und es nur um das Geld des Unternehmenseigentümers geht. Wenn aber mit Steuergeldern gearbeitet wird, dann sind aus gutem Grunde einschlägige Vorschriften und Verhaltensnormen zu beachten.

Zwischenfazit: Genau so, nur andersrum

Für ein abschließendes Fazit der ganzen Untersuchungsarbeit ist es natürlich noch zu früh, da die Diskussion im Plenum des Deutschen Bundestages aussteht. Vielleicht werden sogar Maßnahmen beschlossen (hoffentlich!), um das System der organisierten Ziel- und Verantwortungslosigkeit beim Einsatz externer Berater zu beenden.

Aber als Zwischenfazit darf man schon jetzt festhalten, dass die beiden Berichte sehr wertvoll sind und viele Chancen aufzeigen. Sie enthalten eine wirklich wunderbare Anleitung, wie Kunden und Berater zusammenarbeiten sollten: Man muss das beschriebene Vorgehen nur um 180 Grad drehen und komplett andersherum machen!

 

Über den Autor

Professor Thomas Deelmann arbeitet seit über 20 Jahren als, mit, für und über Berater. In seiner CONSULTING.de-Kolumne kommentiert er Marktentwicklungen aus der Vogelperspektive und schaut hinter die Kulissen der Arbeit von Beratern und ihren Kunden. Er lehrt an der HSPV NRW, twittert @Ueber_Beratung, berät bei strategischen Fragen und ist unter anderem Herausgeber des Handbuchs der Unternehmensberatung.

cb

Veröffentlicht am: 25.06.2020

 

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