Berateraffären & wie man sie vermeidet: 7 einfache Tipps

#1Blick vom Beratungsforscher

Berateraffären und -skandale werden oft zunächst in der Presse ausgebreitet und dann von Dritten kommentiert – manchmal genüsslich, manchmal hämisch und manchmal frustriert. Sie kommen in fast allen Ländern vor und fokussieren mal auf die Arbeit der Berater und mal auf die Kunden. Klar ist: Viele Handlungen können Vorwürfe erzeugen. Offensichtlich ist aber auch: Ein paar einfache Hinweise zu berücksichtigen hilft, um zumindest die gröbsten Schnitzer zu vermeiden.

Aurelia Frick (Bild: picture alliance / EPA-EFE | GIAN EHRENZELLER)

Die ehemalige liechtensteinische Außenministerin Aurelia Frick wurde mit Blick auf die zu große Höhe, der von ihr verantworteten Beratungskosten abgesetzt und schließlich in diesem Zusammenhang 2021 wegen Verdacht auf Missbrauch der Amtsgewalt angeklagt.  (Bild: picture alliance / EPA-EFE | GIAN EHRENZELLER)

Affären, Skandale und Fehlverhalten 

„Nicht schon wieder“ mag man sich in den vergangenen Monaten beim Blick auf Nachrichten aus der Consulting-Branche gedacht haben: Eine Affäre hier, ein Fehlverhalten dort und ein Skandal woanders. Beispiel sind: 

  • Fehlende „Chinesische Mauer“: Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass McKinsey in den USA nicht nur Arzneimittelhersteller beraten hat (u. a. Purdue Pharma beim Marketing und Verkauf von Opioiden), sondern parallel und teilweise in Personalunion auch die zuständige Aufsichtsbehörde FDA, die für die Zulassung von Medikamenten verantwortlich ist. Bei einer solchen Doppelrolle besteht die Gefahr, dass vertrauliche Informationen von einem Kunden zum nächsten wandern. 
  • #McKinseyGate: Kurz vor den gerade abgehaltenen französischen Präsidentschaftswahlen prangert ein Senatsbericht an, dass die Ausgaben der Regierung Macron für Beratungsleistungen in den vergangenen Jahren massiv angestiegen sind. McKinsey hat Macron im vergangenen Wahlkampf 2017 ordentlich unterstützt und ist jetzt im Zuge der Kostensteigerungen sowie auf Grund von (nicht gezahlten) Steuern in die Schlagzeilen geraten. 
  • Beraterkostenchaos im Umweltministerium: In der vergangenen Legislaturperiode hat der Bundesrechnungshof festgestellt, dass das Bundesumweltministerium gut 500 Millionen Euro mehr für Beratungsleistungen ausgegeben habe, als dieses selbst im Zuge von Regelberichterstattungen und Antworten auf parlamentarische Anfragen kommuniziert hat. 
  • Höhe der Beratungsausgaben in Liechtenstein: Die damalige liechtensteinische Außenministerin Aurelia Frick wurde zunächst mit Blick auf die zu große Höhe, der von ihr verantworteten Beratungs- und weiterer Kosten abgesetzt und schließlich in diesem Zusammenhang 2021 wegen Verdacht auf Missbrauch der Amtsgewalt angeklagt. 
  • Berateraffäre im Verteidigungsministerium: Politisch hohe Wellen haben die Vorgänge rund um Auswahl und Einsatz externer Berater im BMVg geschlagen. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss wurde zur Aufarbeitung in 2019 und 2020 eingesetzt, vor dem Landgericht Bonn stehen offene Streitigkeiten zur Verhandlung an. 

Viel Feind, viel Ehr 

Viele Beratungen haben sich Verhaltensregeln gegeben, um erst gar nicht den Anschein von Fehlverhalten auftreten zu lassen. Aber die selbst formulierten Guidelines scheinen manchmal ins Leere zu greifen.

Es gilt offenbar nicht immer „Client first“ und manchmal wird auch die „Obligation to dissent“ nicht gehört 

Die herausgehobene Position im Markt und die zu Tage getragene Attitüde mögen Gründe sein, warum der Name McKinsey im Kontext von vielen der bekannt gewordenen Berateraffären und -skandale auftaucht. Es mag dabei der Eindruck entstehen, die Beratung sei ein durch und durch amoralisches Unternehmen. Sicherlich, Fehler wurden dort gemacht. Aber „The Firm“ ist auch eines der bekanntesten, größten und reputationsstärksten Unternehmen der Branche, das nur mit „denen ganz oben“ arbeitet. Das weckt natürlich Interesse für Recherchen, zieht Häme magisch an und macht es zu einer guten Zielscheibe. 

Die bekannt gewordenen Fälle von Fehlverhalten bedeuten natürlich nicht, dass alle 30.000 McKinsey-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter immer regel- oder gar gesetzeswidrig handeln; ebenso wenig wie Nichtnennungen anderer Beratungen bedeutet, dort wäre immer alles im sprichwörtlichen grünen Bereich – zumal der Übergang von normalem zu übertriebenem Geschäftssinn und von dort zu Fehlverhalten oft fließend ist.  

7 einfache Tipps zur Vermeidung 

Ein skandalauslösendes Fehlverhalten liegt mal auf Berater- und mal auf Kundenseite. Manchmal ist „Beratung“ auch nur ein Teil eines größeren Skandals und wird aus Aufmerksamkeitsgründen prominent in Schlagzeilen platziert. Manche Affären schließen mit Rücktritten ab, andere mit Aufarbeitungen und wieder andere werden gerichtlich behandelt. In allen Fällen entsteht aber ein Schaden, finanziell oder an der Reputation. Dabei muss es nicht soweit kommen.  

Die Berücksichtigung von ein paar einfachen Tipps kann schon zur Vermeidung von Skandalen und Affären beitragen. Beratungskunden sollten: 

  1. Regeln aufstellen: Der Umgang mit Beratung und Beratern scheint in der Praxis immer wieder zu Problemen zu führen. Ein paar Rahmeninformationen und Verhaltensweisen für die eigene Organisation zu formulieren kann allen Beteiligten Sicherheit geben und ihnen Leitplanken bieten. Wenige Regeln und Festlegungen können genügen (zum Beispiel: Was ist Beratung? Wer macht was? Was wird wann wie wo dokumentiert?) und sie müssen auch nicht besonders ausgefallen oder kompliziert formuliert werden – existieren sollten sie allerdings schon. 
  2. Regeln einhalten: Das klingt nach dem ersten Tipp nur logisch – wird aber leider oft nicht befolgt. Unternehmensleitungen erwarten die Regeleinhaltung manchmal nur von anderen, werfen Regeln bei eigenen Bedarfen aber gerne über Bord. Das darf selbstredend nicht passieren. „Der Chef will es!“ oder „Es muss schnell gehen!“ sind keine Ausreden für das Umgehen oder Brechen von Regeln. 
  3. Keine Alleingänge: Ein gemeinsames Handeln von beispielsweise Fachseite und Einkaufsabteilung bei der Beratungsauswahl, -steuerung und -bewertung führt nicht nur dazu, dass ein 4-Augen-Prinzip eingehalten wird. Die Teamarbeit wirkt auch als Korrektiv, unterstützt ausbalancierte Entscheidungen und vergrößert die Know-how-Basis. 

Auch Consultants sollten einige Verhaltensgrundlagen beherzigen: 

  1. Keine Geschäfte um jeden Preis: Nicht jeder winkende Auftrag muss angenommen werden. Beispielsweise sind Interessenkonflikte zu vermeiden. Die internen Steuerungsmechanismen (z.B. Bonuszahlungen für Vertriebs- oder Delivery-Leistungen) sind ein guter Ansatzpunkt, um systemische Konflikte zu reduzieren. 
  2. Mit dem richtigen Mut-Mix arbeiten: Consultants tendieren zur Überschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit. Sie sollten daher weder übermütig mit Blick auf die eigenen Möglichkeiten werden, noch ihren Kunden überambitionierte Entwicklungen zumuten. Ein mutiges Projektvorgehen darf dennoch erwartet werden, um beispielsweise Neuland zu betreten, ebenso wie Respekt und sogar eine Portion Demut vor den bisherigen Leistungen bzw. der bisherigen Arbeit ihrer Auftraggeberinnen. 
  3. Den Kunden befähigen: Kunden sind meist Beratungsprojekt-Amateure, Consultants sind -Profis. Diese Asymmetrie sollten Berater nicht einseitig ausnutzen, sondern den Kunden anleiten und im Zweifel erklären, wie Beratung „funktioniert“. Die ist eine gute Basis, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden und eine langfristige Arbeitsbeziehung zu etablieren. 

Goldene Regel 

Abschließend noch ein Tipp für Consultants und Kunden gleichermaßen:

Beide Seiten sollten die „goldene Regel“ berücksichtigen und nichts machen oder sagen, von dem man nicht möchte, dass es am nächsten Tag in der Zeitung steht (oder in wenigen Minuten bei Twitter zirkuliert)! 

Zugegeben: Diese sieben Punkte sind nicht sonderlich elaboriert und sie bieten auch keine Garantie, dass es nicht zu Skandalen kommt. Aber die gröbsten Schnitzer bei einigen der bekannt gewordenen Affären hätten sich bei der Beachtung der sieben Hinweise leicht vermeiden lassen. 

Über Thomas Deelmann

Professor Thomas Deelmann arbeitet seit über 20 Jahren als, mit, für und über Berater. In seiner consulting.de-Kolumne #1Blick kommentiert er Marktentwicklungen aus der Vogelperspektive und schaut hinter die Kulissen der Arbeit von Beratern und ihren Kunden. Er lehrt an der HSPV NRW, twittert @Ueber_Beratung, berät bei strategischen Fragen, ist unter anderem Herausgeber des Handbuchs der Unternehmensberatung, hat mit Prof. Dr. Andreas Krämer „Consulting – Ein Lehr-, Lern- und Lesebuch“ geschrieben und zuletzt „Die Berateraffäre im Verteidigungsministerium“ aus Consulting-Research-Sicht analysiert sowie Handlungsempfehlungen hergeleitet. 

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