VW, Daimler und BMW - ein Blick in die Bilanz

Blick in die Bilanz: CONSULTING.de-Kolumne von Bert Erlen

In der CONSULTING.de-Kolumne "Blick in die Bilanz" nimmt sich Bert Erlen Unternehmen unterschiedlicher Branchen vor. In dieser Ausgabe geht es um die deutsche Automobilindustrie und ihre drei globalen Konzerne Volkswagen, Daimler und BMW: Ist der größte auch der profitabelste? Welcher Tricks bedienen sich die Drei, um ihren Absatz zu pimpen?

VW, Daimler und BMW (Bild: Bilderandi - pixabay)

Tesla ist der Branchenschreck. Lange belächelt, insbesondere aus Deutschland, hat das Unternehmen bewiesen, dass Tesla auch im großen Stil bauen kann. Müssen sich die deutschen Autobauer jetzt warm anziehen? Wir schauen auf die Zahlen.

Der größte Autobauer der Welt: Volkswagen

Volkswagen war in den letzten 20 Jahren eine Erfolgsgeschichte. Und ist es bis heute, bis auf den Einbruch 2015 wegen der Dieselmanipulationen.

Absatz von Volkswagen in Mio. PKWs von 2004 bis 2018

Durch zahlreiche Zukäufe und Etablierung neuer Konzernmarken und die kontinuierliche Investition in immer größere Produktionskapazitäten sollten die Kosten signifikant gedrückt werden. Die Basis dafür sind drei Effekte:

  1. Skaleneffekte: Die immens hohen Fixkosten für die Produktentwicklung und die Produktion, aber auch die Fixkosten für Vertrieb und Verwaltung, verteilen sich bei größeren Produktionsmengen auf viel mehr Autos, die Kosten pro Stück sind geringer. Denken Sie als Beispiel nur einmal an die immens hohen Kosten für IT-Systeme, sowohl in der Produktion als auch in der Verwaltung.
  2. Günstigere Einkaufspreise: Wer mehr produziert, braucht mehr Einkaufsteile. Und wer mehr einkauft, kann Mengenrabatte mit Zulieferern verhandeln. Die Zulieferer können ein Lied davon singen, Volkswagen gilt als sehr harter Verhandler.
  3. Prozesseffizienz: Wer mehr herstellt und verkauft, hat mehr Möglichkeiten, an effizienteren Prozessen zu arbeiten. Beispielsweise ist eine Roboterstraße für die Produktion in der Anschaffung zwar teuer, lohnt sich aber bei großen Stückzahlen. Und die hat ein Massenhersteller wie Volkswagen, denn pro gebautem Auto ist die Anlage wesentlich günstiger als bei einem kleinen Hersteller. Ein Effekt, der rein an der Stückzahl hängt.

Umsatz und EBIT von Volkswagen in Mrd. Euro von 2004 bis 2018

Diese drei Kosteneffekte wurden durch die konsequente Anwendung der Plattform- und damit Gleichteilestrategie noch verstärkt. Volkswagen war nicht der erste Autobauer, der diese Kosteneffekte erkannt hat, das große Vorbild war Toyota. Aber Volkswagen hat diese Effekte mit Konsequenz und großer Durchsetzungskraft des Managements umgesetzt. Und damit im Verlauf der letzten 20 Jahre sehr viel Geld verdient.

Daimler und BMW, die beiden anderen globalen deutschen Autokonzerne

Die anderen beiden globalen Autokonzerne aus Deutschland sind Daimler und BMW. Volkswagen hat es aber trotz der Größe nie geschafft, seine EBIT-Marge über die der beiden Wettbewerber zu heben. Im Jahr 2014, also vor der Dieselkrise, lag sie bei 6,3%, Daimler hatte 8,3% und BMW 11,3%. BMW ist seit vielen Jahren der profitabelste Autokonzern, und das ist erstaunlich, ist er doch der kleinste der drei großen.

EBIT-Margen von VW, Daimler und BMW von 2010 bis 2018

Die reine Größe sollte eigentlich darauf hindeuten, dass die Münchner teurer produzieren. Eine tiefergehende Analyse der Herstellungskosten zeigt aber genau das Gegenteil: Daimler hat die geringsten Kosten für die Herstellung seiner Autos, auch BMW produziert wesentlich günstiger als VW. Das Problem bei Volkswagen ist seit vielen Jahren die Variantenvielfalt, zu viele Sonderwünsche der Kunden treiben die Kosten unverhältnismäßig in die Höhe, so dass der Größenvorteil wieder verschwindet. Und diese Variantenvielfalt wird offenbar von den Kunden nicht entsprechend bezahlt – im Unterschied zu BMW.

Herstellungskosten vom Umsatz in 2014 von VW, Daimler und BMW

Und seit der Dieselkrise?

Übrigens erkennt man gut, dass die Dieselkrise bis 2018 nur bei Volkswagen die Profitabilität signifikant hat einbrechen lassen. Im Jahr 2015 wurden erhebliche Rückstellungen für künftige Risiken gebildet. Bei BMW ist von den Abgasmanipulationen bisher nichts bekannt, und Daimler musste kaum vorsorgen – mal sehen, was der neue Vorstandsvorsitzende Ola Källenius in seinem ersten Abschluss in diesen Tagen zutage fördert.

Autobauer pimpen ihren Absatz mit den hauseigenen Banken

Soviel zur Profitabilität. Interessant ist der Blick auf die Liquidität in den Kapitalflussrechnungen. Der operative Cashflow ist bei allen drei Autobauern seit vielen Jahren relativ gering oder negativ, eigentlich ein No-Go. Dann kann er nämlich die Investitionen nicht decken, der Free Cashflow ist negativ. 

Dieser Effekt betrifft aber nicht das reine Produktgeschäft, sondern liegt daran, dass die Unternehmen über ihre hauseigenen Banken Autokredite an die Kunden vergeben und in große Leasingflotten investieren. Wir alle kennen die Werbung mit den oft günstigen Kreditkonditionen und wir all wissen auch von den geleasten Firmenwagenflotten vieler Unternehmen nicht nur in Deutschland.

Cash-flow laufendes Geschäftsjahr von Volkswagen

Beispiel Volkswagen 2018: Dieser Effekt hat bei Volkswagen fast 19 Mrd. Euro vom operativen Cashflow aufgefressen, im Jahr 2017 waren es sogar 23,2 Mrd. Euro. Man erkennt, dass das Unternehmen seinen Absatz offenbar massiv ankurbeln musste.

Die Automobilkrise nach Tesla, Diesel und Corona

Das Geld fehlt für Investitionen. Alle drei Unternehmen stehen massiv unter Zugzwang ihrer Aktionäre. Die Aktienkurse waren vor Corona schon im Keller, die Aktien gelten als sehr billig. Zwar wurden große Investitionsprogramme für die Zukunft versprochen, aber offenbar traut die Börse den dreien den Turnaround nicht zu. Die guten Geschichten mit ehrgeizigen Ankündigungen sind bisher verpufft und spiegeln sich nicht im Aktienkurs wider. Jetzt, nach den massiven Einbrüchen aufgrund der Coronakrise, umso mehr.

Sollte man jetzt Autoaktien von VW, Daimler und BMW kaufen, weil sie so billig sind? Gute Frage!

Volkswagen ist vor Toyota mit fast 11 Mio. ausgelieferten Fahrzeugen der größte Autobauer der Welt. Volkswagen gehört mehrheitlich der Porsche Holding, die wiederum von den Familien Porsche und Piech kontrolliert wird. BMW gehört zu 46,8 Prozent den beiden Hauptaktionären Stefan Quandt und Susanne Klatten. Beide Unternehmen sind also vor feindlichen Übernahmen geschützt. Daimler nicht, 75 Prozent der Aktien sind in Streubesitz. Daimler ist damit auf eine effektive Equity Story sehr angewiesen.

Quellen:

  • Jahresabschlüsse der erwähnten Unternehmen

Weiterführende Links:

Bert Erlen (Bild: Bert Erlen)
Bert Erlen, Unternehmercoach, Managementtrainer und Blogger
 Bert Erlen begeistert Führungskräfte für unternehmerisches Denken und Handeln und erleichtert die Kommunikation zwischen Controllern und Führungskräften in Unternehmen. Er ist zertifizierter Unternehmercoach, langjähriger Managementtrainer für Finanzielle Führung und Blogger zum Thema Kennzahlenanalyse. Sein Fokus ist die nachhaltige Unternehmensführung als Kombination aus konsequenter Renditeorientierung, fundierter Kundenorientierung und ausgewogener Mitarbeiterorientierung.

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