"Die Staatsbeteiligung würde der Lufthansa-Bilanz mehr als gut tun" - Ein Blick in die Bilanz der Lufthansa

Blick in die Bilanz: CONSULTING.de-Kolumne von Bert Erlen

Der wirtschaftliche Einbruch durch Corona hat Fluggesellschaften besonders hart getroffen. Wie schlimm ist das Ausmaß der Pandemie auf die Liquidität der Lufthansa? Bert Erlen hat sich den Lufthansa-Jahresabschluss genauer angeschaut und geprüft, wie sich die Staatshilfen auf die Fluggesellschaft auswirken würden.

Blick in die Bilanz der Lufthansa (Bild: Alexas Fotos - Pixabay)

von Bert Erlen

Der wirtschaftliche Einbruch durch Corona ist epochal. Unglaublich, in welchem Ausmaß Unternehmen und unsere Volkswirtschaften insgesamt betroffen sind, wie schnell unser Wohlstand dahinschmilzt. Weltweit mit am stärksten betroffen sind die Fluggesellschaften. Der globale Flugverkehr ist um einen hohen zweistelligen Prozentsatz zurückgegangen, die Lufthansa hat zuletzt 90% ihre Passagierflüge gestrichen.

Die Folge ist ein saftiger Einbruch bei der Liquidität und beim Ergebnis. Da ist klar, dass die Lufthansa auf Staatshilfe angewiesen ist. Dabei geht es um so hohe Summen, dass darüber diskutiert wird, der Lufthansa das Geld als Eigenkapital zu geben, so dass die Bundesrepublik (wieder) als Eigentümer beteiligt wäre.

Wir schauen in den Lufthansa-Jahresabschluss und prüfen, wie sich die Staatshilfen auswirken.

Die Lufthansa ist nicht gerade solide finanziert

Mit einer Eigenkapitalquote von 23% ist die Lufthansa nicht sehr gut kapitalisiert. Ist auch kein Wunder, abgesehen von dem Jahr der Airberlin-Pleite ist das Geschäft schon seit Jahren herausfordernd. Delta Airlines, die größte amerikanische Fluggesellschaft, steht mit 20% Eigenkapital übrigens noch ungünstiger da, was für die stärker aktienfinanzierte US-Industrie ein noch wesentlich schlechterer Wert ist.

Am Wochenende heiß es in den Medien, man rechne mit einem Unterstützungsbedarf von neun bis zehn Mrd. Euro. Käme diese Summe als Kredit (rotes Szenario), würde sich die Eigenkapitalquote auf 17% verringern und das am internationalen Kapitalmarkt übliche Debt-to-equity-ratio läge bei 2. Für ein akzeptables Rating sollte dieser Wert aber höchstens 1 sein, wo er aktuell auch steht. Es gibt also aus Ratingsicht keinen Spielraum, das Geld als Kredit in Anspruch zu nehmen. Am Fremdkapitalmarkt sind Unternehmen mit solchen Zahlen normalerweise nicht mehr kreditwürdig.

Würde die Staatshilfe dagegen als Eigenkapital gewährt (grünes Szenario), würde die Eigenkapitalquote respektable 34% erreichen und das Debt-to-equity-ratio würde 0,5 betragen. Die Staatsbeteiligung würde der Lufthansa-Bilanz also mehr als guttun.

Die Politik pocht auf Mitspracherechte

Aber wäre eine Staatsbeteiligung auch gut für die Unternehmensführung? Insbesondere Politiker der SPD und Gewerkschaftskreise fordern, der Bund müsste dann Mitsprache beim geplanten Arbeitsplatzabbau haben. Das Lufthansa-Management rechnet damit, nach der Krise eine um 100 Flugzeuge kleinere Flugzeugflotte zu haben, daraus ergebe sich ein rechnerischer Überhang von 10.000 Mitarbeitern.

Diese zusätzlichen unproduktiven Personalkosten müssen also in absehbarer Zeit abgebaut werden, damit die Lufthansa wettbewerbsfähig bleibt. Und dabei ist eine Staatsbeteiligung, mit deren Hilfe die Politiker auf ihr nächstes Wahlergebnis schielen, sicher nicht hilfreich.

Wie viel finanzielle Hilfe benötigt die Lufthansa?

Im letzte Woche veröffentlichten Quartalsergebnis ist die Rede von einem Kassenbestand von 4,4 Mrd. Euro. Gleichzeitig verliert die Lufthansa laut ihrem Chef Carsten Spohr stündlich einen Cashflow von 1 Mio. Euro, das sind 720 Mio. Euro pro Monat. Die Kasse würde also gerade mal sechs Monate reichen, dann wäre das Unternehmen pleite. Mit dem Zuschuss von 10 Mrd. hätte die Lufthansa ein ausreichendes Liquiditätspolster für immerhin 20 Monate.

Welche Auswirkung hat der Umsatzrückgang auf den Gewinn?

Im ersten Quartal ist der Umsatz um 18% eingebrochen, alleine im März – der ja der erste signifikante Corona-Monat ist – um 47%. Und im März konnte die Lufthansa noch Umsatz aus Charterflügen für den Bund im Rahmen des Rückholprogramms erzielen. Wenn man davon ausgeht, dass auf Jahressicht der Umsatz um 50% einbricht (was unternehmerisch für jedes Unternehmen eine schier unvorstellbare Entwicklung ist), wird man im Laufe des Jahres 2020 nur circa 18 Mrd. Euro erlösen., also 18 Mrd. Euro weniger als 2019. Und wie verändern sich die Kosten?

Die größten Aufwandspositionen sind Material- (zu einem Großteil Treibstoff) und Personalaufwand. Laut einer unabhängigen Studie beträgt der Anteil der Treibstoffkosten an den Gesamtkosten von Airlines 22%, bei der Lufthansa wären das 8 Mrd. Euro. Bei einem Rückgang des Flugbetriebes um 50% würde man also 4 Mrd. Euro beim Material einsparen.

Für die 138.000 Mitarbeiter des Konzerns entsteht der Lufthansa pro Jahr ein Personalaufwand von 9,1 Mrd. Euro, das sind 66.094 Euro pro Mitarbeiter. Bei einem Abbau von 10.000 Mitarbeitern würden die Personalkosten um 661 Mio. Euro sinken.

Die Abschreibungen gehen bei einer Reduzierung um 100 Flugzeuge um etwa 555 Mio. Euro. zurück. Die sonstigen Aufwendungen sinken um geschätzt 500 Mio. Euro – eine genaue Berechnung aus den Jahresabschlussdaten ist nur grob möglich, die größte Position sind Reise- und Schulungskosten sowie Kosten für Fremdpersonal.

Insgesamt würden dem Umsatzeinbruch von 18 Mrd. Euro in 2020 also Kosteneinsparungen von 5,7 Mrd. Euro gegenüberstehen, das Ergebnis würde um 12,3 Mrd. Euro auf minus 11 Mrd. Euro sinken – ein Supergau am Kapitalmarkt.

Diese 11 Mrd. Minus entsprechen auch ungefähr dem vom Vorstand angegebenen Liquiditätsbedarf von 9 bis 10 Mrd.

Strategisch bleibt das Geschäft herausfordernd

Wir wissen nicht, wann der Flugverkehr wieder Vorkrisenniveau erreicht. Wir alle nutzen jetzt viel mehr Videokonferenzen, der große Nutzen und vor allem die Kosteneinsparungen lassen uns auch in Zukunft zweimal nachdenken, ob wir für eine Besprechung in´s Flugzeug steigen. Und Ähnliches gilt wahrscheinlich für den Tourismus. In Bezug auf Delta Airlines gibt es in den USA die gleiche Situation wie bezüglich der Lufthansa in Deutschland und angesichts der noch geringeren Eigenkapitalquote scheint die Entscheidung vorgezeichnet.

Übrigens hat sich Ryanair-Chef O’Leary wie üblich laut zu Wort gemeldet und die Staatshilfen für die Lufthansa, seinen größten Wettbewerber, strikt abgelehnt. Ryanair benötige keine Staatshilfen, was nicht verwundert, weil ja das Personal viel schneller kündbar ist wie bei anderen Fluggesellschaften. Ryanair ist seit Jahren die mit Abstand profitabelste Fluggesellschaft Europas und würde eine Marktbereinigung wahrscheinlich überleben. Da möchte man keine Staatseingriffe!

Über Lufthansa

Früher war die Lufthansa ein Staatsunternehmen, Fluggesellschaften sind systemrelevant. Auch heute ist es noch gesetzlich vorgeschrieben, dass mindestens 50% der Aktien von deutschen Fluggesellschaften von deutschen Aktionären gehalten werden müssen. Das war übrigens der Grund, warum Etihad damals keine Aktienmehrheit an Airberlin erwerben konnte und sein Geld als Kredit gewähren musste. (Der dann später zurückgezogen wurde.)

Die Lufthansa ist Europas größte Airline vor AirFrance-KLM und der britisch-spanischen IAG. Ryanair erwirtschaftet zwar deutlich weniger Umsatz, transportiert in Europa aber die meisten Passagiere.

Eine bedeutende Staatsbeteiligung sind die 15% Eigentumsanteil der Bundesrepublik an der Commerzbank. Nach der Finanzkrise drohte die Commerzbank pleite zu gehen, so dass sich der Staat mit dem Argument der Systemrelevanz beteiligte.

(Quellen: Jahres- und Quartalsabschlüsse der erwähnten Unternehmen, www.wikipedia.comwww.handelsblatt.comhttps://www.wiin-aviation.de/kostenstrukturen-und-kostenmanagement/)

Über den Autor

Bert Erlen, Unternehmercoach, Managementtrainer und Blogger
Bert Erlen, Unternehmercoach, Managementtrainer und Blogger
 Bert Erlen begeistert Führungskräfte für unternehmerisches Denken und Handeln und erleichtert die Kommunikation zwischen Controllern und Führungskräften in Unternehmen. Er ist zertifizierter Unternehmercoach, langjähriger Managementtrainer für Finanzielle Führung und Blogger zum Thema Kennzahlenanalyse. Sein Fokus ist die nachhaltige Unternehmensführung als Kombination aus konsequenter Renditeorientierung, fundierter Kundenorientierung und ausgewogener Mitarbeiterorientierung.

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