Butterwegge, Quark und Soße

Müller meckert

Die Reichen sind durch die Corona-Krise reicher und die Armen zahlreicher geworden. Ist dieser Schluss haltbar? Prof. Horst Müller-Peters überprüft die Aussage.

Horst Mueller Peters "Butterwege, Quark und Soße" (Bild: SNFV GmbH)

Ja, klar: Die Armen haben viel Kapital und die Börsen gehen immer nach oben. Oder etwa nicht?

Jetzt muss es mal von der Seele: Als Professor der Wirtschaftswissenschaften geht mir bei der Lektüre wirtschaftlicher Pressebeiträge regelmäßig der Hut hoch. Nicht, weil Beiträge politisch "links" oder "rechts" sind, sondern weil sie einfach unlogisch sind - zumindest frei von jedem wirtschaftlichen Sachverstand. Oft beruht das auf einem Nicht-Verständnis marktwirtschaftlicher Prozesse und resultiert im Aufbau eines Reich-Arm-Feindbildes, bei dem es nur im die Verteilung, nicht aber um die absolute Größe des Kuchens geht.

So, wenn ein Autor Spiegel Online schreibt, die Niedrigzinsphase schade vor allem den Armen, die Reichen kämen hingegen ungeschoren davon, weil sie ja "am Aktienmarkt spekulieren" oder "Unternehmen gründen" könnten. Natürlich, die Armen haben ja auch viel mehr Kapital, das jetzt nicht mehr verzinst wird. Und die Börsen gehen bekanntlich immer nach oben, und Unternehmensgründungen sind ein Garant für Erfolg und Wohlstand, und das ohne Risiko und Einsatz, versteht sich. Die Empirie über die Überlebenschance neugegründeter Unternehmen spricht hier leider eine andere Sprache.

Die Reichen werden durch die Corona-Krise reicher und die Armen zahlreicher?

Ein Autor im Kölner Stadtanzeiger schrieb vor wenigen Wochen, aufgrund der Corona-Krise und des Wandels zum Onlinehandel könnten sich bald keine Geschäfte mehr die hohen Mieten in den Top-Innenstadtlagen leisten, was zu dauerhaften Leerständen in der Innenstadt führen werde. Dabei haben die Ladenmieten längst reagiert. Und sie werden auf Dauer auch nie höher sein können, als es sich in den entsprechenden Lagen erwirtschaften lässt. Zumindest, wenn wir Adam Smiths "Invisible Hand" walten lassen. Und schlechtere Lagen werden, wenn die Nachfrage ausbleibt, zumindest mittelfristig zu Wohnungen oder Büros, wie wir es derzeit schon vielfach beobachten können. Zumindest, wenn keine Regulation das bremst.

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Ganz besondere Leckerbissen liefert regelmäßig Christoph Butterwegge, immerhin einst Professor der Universität Köln, "Armutsforscher" und 2017 Kandidat der Linken für das Amt des Bundespräsidenten. So schrieb er am 9. September 2020 in einem Gastbeitrag, ebenfalls im Kölner Stadtanzeiger: "Aufgrund der Einkommensverluste durch Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Bankrotte haben in den vergangenen Wochen mehr Familien bei Lebensmittel-Discountern eingekauft, um Geld zu sparen, wodurch die ohnehin sehr reichen Besitzer von Ketten wie Aldi und Lidl noch reicher geworden sein dürften ...". Und schließt: "Das bedrückende Fazit lautet: Die Reichen sind durch die Corona-Krise reicher und die Armen zahlreicher geworden".

Der Kuchen ist geschrumpft

Mag sein, dass einzelne Reiche - Jeff Bezos, die Familie Albrecht oder die Familie Schwarz - dazugewonnen haben. Die breite Masse der Unternehmen dagegen - sei es im Einzelhandel, in der Automobilindustrie oder der Tourismus - leidet, und damit auch deren vielfach ebenfalls "reichen" Eigentümer und Manager. Die zahlreichen Bankrotte hat Herr Butterwegge ja selbst erwähnt, und das dürfte erst die Spitze des Eisbergs sein. Die expansive Geldpolitik führt zu einer weiteren Entwertung jeglichen Kapitals. Darüber kann auch die Erholung am Aktienmarkt nicht hinwegtäuschen, denn die gestiegenen Kurs-Gewinn-Verhältnisse signalisieren, dass nun für deutlich schlechtere Zukunftsaussichten der gleiche Preis gezahlt werden muss. Und wenn am Ende der Krise die angehäuften staatlichen Kredite zurückgefahren werden, geht das wohl auch nur auf Kosten höherer Steuerabgaben. Der Kuchen ist also insgesamt geschrumpft, nicht nur für die Armen.

Dass die Armen durch Corona zahlreicher geworden sind, scheint somit unstrittig, dass hier unterstützende Maßnahmen notwendig sind, wohl ebenso. Der reflexhafte Schluss, die Reichen seien reicher geworden, ist dagegen offensichtlich grundfalsch. Quark mit Soße, wie meine Kinder sagen würden.

Bleibt nur die Frage nach der Kausalität: Steht Herr Butterwegge den Linken nahe, weil er selbst seinen Ausführungen glaubt, oder argumentiert er so, weil er den Linken nahesteht? Oder will er einfach nur sein neues Buch "Ungleichheit in der Klassengesellschaft" promoten, das zeitgleich erschienen ist? Das wiederum könnte ich als Wirtschaftsprofessor sehr gut verstehen.

Lesetipps:

  1. Butterwegge 2020: Ungleichheit der Klassengesellschaft
  2. Bryan, Caplan 2007: The Myth of the Rational Voter: Why Democracies Choose Bad Policies
  3. Fetchenhauer, Enste, Köneke 2010: Fairness oder Effizienz? Die Sicht ökonomischer Laien und Experten
  4. Haferkamp 2008: Die Psycho-Logik der Akzeptanz von Wirtschafts- und Sozialreformen

Über den Autor

Horst Müller-Peters ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Marketing, Marktforschung und Behavioral Economics an der Technischen Hochschule Köln. Zuvor war er Vorstandsvorsitzender der Marktforschungs- und Unternehmensberatungsunternehmens psychonomics AG. Er ist Mitgründer und Herausgeber der Branchenportale CONSULTING.de und marktforschung.de


mvw

Veröffentlicht am: 14.09.2020

 

Kommentare (2)

  1. Horst Müller-Peters am 16.09.2020
    Sehr geehrter Herr Koch, danke für Ihren Kommentar.
    Der von Ihnen zu Recht beschriebene Wandel hin zu Themen wie Resilienz oder Nachhaltigkeit stellt sicherlich eine wesentliche Verschiebung im gesellschaftlichen Zielsystem dar. Das ändert aber nicht per se die Effizienz von Instrumenten oder Systemen, um diese Ziele zu erreichen, und ändert auch nichts an der Frage, ob die von mir zitierten Schlussfolgerungen formal logisch sind oder nicht.
    Zudem zeigt die Empirie, dass ökonomisches, soziales und auch gesundheitliches Wohlergehen von Gesellschaften in hohem Maße positiv korrelieren (vgl. dazu bspw. die Arbeiten von Hans Rosling und seiner Gapminder-Stiftung), und dass intakte Volkswirtschaften besser mit Krisen umgehen können als schwache Volkswirtschaften: Wie wenig resilient Staaten mit hoher Schuldenquote - die Steigerung von Staatsausgaben und Staatsverschuldung ist ja eine fast schon beständige Forderung "linker" Politiker - in Krisenzeiten sind, zeigt sich ja gerade jetzt wieder eindrucksvoll in der Corona-Krise und den jüngst verabschiedeten Rettungspaketen im EU-Haushalt.
    Dass der Text als Meinungskolumne, nicht als wissenschaftliche Ausarbeitung, bewusst spitz formuliert ist, bitte ich nachzusehen.
  2. Juergen Koch am 15.09.2020
    Guten Tag Herr Müller-Peters,
    zunächst einmal muss ich Ihnen bzgl. ihrer Äußerungen recht geben, allerdings nur aus einer begrenzten Sicht der klassischen Betriebswirtschaftslehre.
    Allerdings erwarte ich von einem Professor, auch an einer technischen Hochschule, dass er bei seinen „wissenschaftlichen Äußerungen“, insbesondere in Zeiten der Corona-Krise, von einem philosophischen, kulturellen und tendenziell transdisziplinären Ansatz ausgeht, und seine Perspektiven u. A. auf soziale und ökologische, vielleicht auch gesellschaftliche Perspektiven, ausweitet.
    Ihr Hauptargument „Nicht-Verständnis marktwirtschaftlicher Prozesse“ geht insofern ins Leere, das es hier um gesellschaftliche Prozesse geht, die – selbstverständlich – nicht nur ökonomischen Kriterien unterliegen; diese Denkweise wird gemeinhin als Reduktionismus bezeichnet, die in der Wissenschaft immer weniger Akzeptanz findet.
    Die indirekte Kritik an andere Disziplinen und bestimmten Medien, verknüpft mit persönlichen Verunglimpfungen („Butterwege, Quark und Soße“) ist nicht zu akzeptieren. Fazit: Einseitige ökonomische Betrachtungsweisen, Meckern und verunglimpfen sind unwissenschaftlich!
    Außerdem ist der Diskurs, insbesondere in den Wissenschaften, durch die Corona-Krise beflügelt, längst weiter fortgeschritten. Nach meinem Kenntnisstand werden wirtschaftliche Begriffe wie Geschäftsmodell und Managementsystem zunehmend durch die Begriffe (Über-) Lebensmodell und lebendige Systeme ersetzt, oder zumindest Infrage gestellt; ein wesentlicher Grund ist die Realitätsnähe der beiden letztgenannten Begriffe, in Zeiten des Wandels, die sich nicht nur auf die Ökonomie beschränken. Dies hat auch zur Folge, dass das Denken in Begriffen, wie „Sicherheit und Ordnung“ sowie „Gewinne und Kosten“, einem Veränderungsprozess unterliegen, z.B. hin zu „Resilienz und Robustheit“.
    Barsinghausen, 15.09.2020, Jürgen Koch, Dipl.-Ing. Maschinenbau, studiert an der Leibniz-Universität Hannover.

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