Computer says no!

#1Blick vom Beratungsforscher

In der britischen Comedy-Serie „Little Britain“ wird die Aussage „Computer says no“ zu einem geflügeltem Wort, um damit fragwürdige, von einem Computer getroffene Entscheidungen zu kommentieren. Ein Computer hat jetzt auch für Meta gegenüber Accenture-Vertragsarbeitern „Nein“ gesagt und ihre Verträge beendet. Ob die Entscheidung fragwürdig oder wegweisend für die Kundenprofessionalisierung war, muss sich aber wohl noch herausstellen. Dieser #1Blick ordnet die Entscheidung zunächst einmal ein.

Anstelle einer sorgfältigen händischen Auswahl an Beratern, könnte in Zukunft auch ein Algorithmus passende zu beauftragende Consultants identifizieren. (Bild: picture alliance / Zoonar | Robert Kneschke)

Überraschung

Die Kombination von Beratung und Digitalisierung ist bisher in drei Ausprägungen anzutreffen:

  • Digitalisierung „nur“ als Beratungsgegenstand oder -produkt; zum Beispiel im Rahmen eines Projektes zur Erstellung einer Digitalisierungsstrategie für einen Kunden.
  • Digitalisierung als pragmatischer Weg, die Effizienz innerhalb des Beratungsunternehmens zu steigern; zum Beispiel durch die Nutzung von Videokonferenzen an Stelle von Präsenzmeetings.
  • Digitalisierung als Vorstufe zu einer signifikanten Veränderung des Consulting-Geschäftsmodells - zum Beispiel der Ersatz von menschlicher durch computerisierte Arbeitsleistung.

Die erste Ausprägung scheint sehr erfolgreich zu sein und auch bei der zweiten gibt es spätestens seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie gewisse Fortschritte. Die Digitalisierung der Kernaufgaben und des Geschäftsmodells hat allerdings noch Potenzial, wobei es hier schon einige bemerkenswerte Entwicklungen gibt. Ein Beispiel ist der Einsatz von KI für die Content-Erstellung.

Überraschende Bewegung in die Digitalisierung der Beratungswelt kommt jetzt aber von einer anderen Seite, nämlich von den Kunden: Meta hat die Auswahl von Beratern automatisiert.

Algorithmus in der Beraterauswahl

Ebenso wie andere Tech-Giganten hat auch das Facebook- und Instagram-Mutterunternehmen Meta in den letzten Wochen die Beschäftigung von externen Kräften reduziert. Bei Meta fielen diesem Schritt 60 Externe zum Opfer, die über Accenture beim Unternehmen beschäftigt waren.

Die Besonderheit hier: Die betroffenen Personen sollen von einem Algorithmus ausgewählt worden sein.

Auch wenn es sich „nur“ um Dienstleister im Rahmen eines größeren Beratungsauftrages handelt, so ist mit etwas Phantasie das Potenzial dieses Vorgehens gut erkennbar. Es könnte zum einen eine Weiterentwicklung durch die Verfeinerung von Auswahlkriterien erfolgen und zum anderen könnte man die Funktion der Negativauswahl (wie bei Meta geschehen: Von vielen eingesetzten Externen sind 60 ausgewählt worden) eine Positivauswahl umwandeln (und aus einem zunächst unbekannten Lieferantenportfolio die passenden zu beauftragenden Beratungen identifizieren).

Kundenorganisationen, die sich in der Praxis häufig mit einer sorgfältigen Auswahl ihrer Berater schwertun, könnten hier direkt profitieren. Mit einer solchen Funktionalität wären vermutlich die letzten Berateraffären und -skandale (beispielsweise bei: RBB, NDR, BMVg) nicht oder zumindest nicht mit den bekannten Schlagzeilen entstanden. Eine Weiterentwicklung von KI-Funktionen mag zu einem positiven Effekt auf die Professionalisierung der Kunden führen.

Offene Fragen

Selbstredend bleiben hier noch Fragen offen, zum Beispiel zur Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens, über die ethische Dimension von automatisierten Personalentscheidungen oder mit Blick auf die (historische und quantitative) Fallbasis, mit denen eine KI beispielsweise im Kontext der Kundenprofessionalisierung lernen kann.

Wenn die Fragen aber gut und mutig beantwortet werden, dann können viele Kunden davon profitieren. Nicht nur die großen Nachfrager haben dann die Möglichkeit auf eine gute Wissens- und Erfahrungsbasis (nämlich ihre eigene) zur Auswahl von Beratungen zurückzugreifen, auch kleinere Kunden könnten aus (anonymisierten) Prozessergebnissen Dritter Nutzen ziehen und qualitativ hochwertiger arbeiten. Aus einem „man müsste ja eigentlich“ (sich beispielsweise am passenden ISO-Standard orientieren,  Regeln aufstellen und einhalten oder die Projektbewertung mal von vermeidbaren voreingenommenen Einschätzungen befreien) ohne direkt sichtbare Auswirkungen bietet sich durch die sprichwörtliche Hintertür eine handfeste Qualitätssteigerung an.

Diese Tür ist bereits aufgestoßen und die Berater-Kunden-Beziehung mit einem neuen Impuls versehen worden. Offen bleibt, ob die Anwendungen schließlich intelligenter werden, als diejenigen, die zum stupiden „Computer says no“ in der Fernsehserie führen.

Über Thomas Deelmann

Thomas Deelmann
Professor Thomas Deelmann arbeitet seit über 20 Jahren als, mit, für und über Berater. In seiner consulting.de-Kolumne #1Blick kommentiert er Marktentwicklungen aus der Vogelperspektive und schaut hinter die Kulissen der Arbeit von Beratern und ihren Kunden. Er lehrt an der HSPV NRW, twittert @Ueber_Beratung und berät bei strategischen Fragen. Als Buch erschien von ihm zuletzt „Die Berateraffäre im Verteidigungsministerium“ (2021, Erich Schmidt Verlag, 49,95 Euro).

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