Delivery Hero in den Dax – was heißt das für die finanzielle Führung?

Blick in die Bilanz: CONSULTING.de-Kolumne von Bert Erlen

Delivery Hero hat kein Deutschlandgeschäft und hat noch nie Gewinn gemacht? Sollte so ein Unternehmen in den höchsten deutschen Aktienindex aufgenommen werden?

Bert Erlen: Delivery Hero in den Dax (Bild: Jonathan Kemper - unsplash)

Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle über die finanzielle Führung im Startup geschrieben. Und dass die hochbewerteten Startups zwar noch nichts Substantielles erreicht haben, aber die Kurse oft trotzdem durch die Decke gehen. Delivery Hero hat es mit dieser Strategie nun geschafft, in den DAX aufgenommen zu werden. Viele stört dabei, dass das Unternehmen noch nie Gewinn gemacht hat - aber das ist eben auch nicht der treibende Faktor für den Börsenkurs.

Die Gewinn- (bzw. Verlust-)situation von Delivery Hero

Der Verlust im operativen Ergebnis (EBIT) wächst. Von -242 Mio. Euro im Jahr 2018 auf -648 Mio. Euro im Jahr 2019. Sogar der EBITDA, die für den Venture Capital-Markt wichtigste Kennzahl, ist von -100 Mio Euro bis auf -431 Mio. Euro negativer ausgefallen.

Aber das schreckt den Vorstandsvorsitzenden Niklas Östberg nicht, ganz im Gegenteil. Im 2019er Geschäftsbericht verweist er stolz auf das Umsatzwachstum und die gestiegene internationale Präsenz. Neben den Produktionskosten (Position "Umsatzkosten") sind dementsprechend auch die Marketingaufwendungen die größte Kostenposition. Sie stiegen sogar mehr als der Umsatz, was deutlich auf die konsequente Wachstumsstrategie hindeutet.

(Quelle: Geschäftsbericht 2019 der Delivery Hero AG)

Ein profitabler Geschäftsbereich war zuletzt das Deutschlandgeschäft, aber das wurde 2019 verkauft. Die Profitabilität erkennt man an der Position des Ergebnisses aus "aufgegebenen Geschäftsbereichen" ganz unten.

Warum wurde ein profitabler Geschäftsbereich verkauft? Offenbar brauchte man das Geld. Die im Paket verkauften Lieferdienste pizza.de, Lieferheld und Foodora gehören jetzt der britischen Takeaway.com und haben 487 Mio., Euro in die Kasse gespült; es wäre weniger gewesen, wenn das Geschäft nicht profitabel gewesen wäre. Aber offenbar schlummert für Delivery Hero in den Auslandsgeschäften mehr Potential.

Die Equity Story

(Quelle: Geschäftsbericht 2019 der Delivery Hero AG)

Niklas Östberg folgt damit der klassischen Startup-Geschichte, die Investoren hören wollen: Schnell wachsen, Marktanteile aufbauen und Marktdominanz erreichen. Delivery Hero weist daher stolz seine Wachstumszahlen aus: Nicht nur sind die Bestellungen, die Kunden über die Plattformen vorgenommen haben, gestiegen, sondern auch deren Wert. Die Kennzahl GMV erfasst den Bruttowarenwert aller Bestellungen.

Finanziert werden muss das Wachstum von externen Geldgebern. Denn noch nicht mal der Cashflow aus dem operativen Geschäft (EBITDA) reicht für die Investitionen aus. Das wird auch der Grund für den Verkauf des Deutschlandgeschäfts gewesen sein, was erstaunlicherweise aber den Wachstumskennzahlen nicht geschadet.

Die Geschichte geht also weiter. Niklas Östberg bedankt sich ausdrücklich bei seinen Mitarbeitern, die ja die Unternehmensentwicklung mit vorantrieben müssen.

Der Kapitalwert muss stimmen

(Quelle: www.finanzen.net)

Wie bei Amazon (siehe meine Kolumne im April), ist auch bei Delivery Hero der Business Case die treibende Kraft für die Kapitalgeber. Verluste sind nicht so tragisch, wenn die Wachstumsstory stimmt. Delivery Hero hat seit Beginn negative Free Cashflows und häuft damit immer mehr Finanzlöcher an. Möglicherweise war der Verkauf im letzten Jahr eine wichtige Geldquelle, weil die Kapitalgeber ungeduldig wurden. Denn nach dem Börsengang 2017 war der Aktienkurs immer wieder starken Schwankungen unterworfen.

Aber die Aufnahme in den Dax hilft jetzt, kommt sie doch einem Ritterschlag gleich. Tatsächlich ist der Kurs auch seit Ende 2019 und dann nochmal durch Corona ab März deutlich in die Höhe geschossen. Die Dax-Mitgliedschaft wird es leichter machen, auch das Eigenkapital durch die Ausgabe neuer Aktien noch einmal zu erhöhen.

Dass Delivery Hero neues Geld gut gebrauchen kann, haben wir letzte Woche gesehen. Für beachtliche 230 Mio. Euro kauft das Unternehmen weitere Lieferdienste in Lateinamerkika und kann seine ohnehin schon starke Marktstellung in diesem besonders boomenden Markt weiter ausbauen. Die Wachstumsstory geht weiter.

Mitarbeiterführung

Was leisten also die Mitarbeiter? Sie müssen dafür sorgen, dass die im Business Case geplanten Cashflows auch eintreffen. Dass der Umsatz steigt, dass die Bestellungen zunehmen, dass der Bruttowarenwert zunimmt, dass die Kosten zwar steigen dürfen, aber bitte im geplanten Rahmen und immer streng an der Strategie orientiert.

Und wenn sie das schaffen, sind sie die "Heros" - siehe oben.

Unternehmensplanung ist bei Startups umso wichtiger

Die Aktionäre schauen natürlich genau hin. Schafft das Unternehmen das geplante Wachstum, sind die Kosten im Griff? In welche Märkte wird expandiert und welches Potential steckt jeweils dahinter? Und werden die Marketingausgaben auch wirklich effektiv eingesetzt?

Es braucht viel Vertrauen, damit ein Aktionär seine Aktien nicht verkauft, insbesondere angesichts der großen Schwankungen zwischen 2017 und 2019.

Daher ist das Erreichen von Zwischenzielen so wichtig. Jeder Jahresabschluss, demnächst auch die Quartalsabschlüsse, gibt dem Kapitalmarkt eine Information, ob die versprochenen Ziele auch erreicht werden. Ziele sind dabei das Umsatzwachstum (gliedert sich in die Anzahl der Bestellungen und den Warenwert), der EBITDA, der EBIT und der Free Cashflow.

Im Rahmen des Budgetierungsprozesses werden diese Ziele mit den persönlichen Zielvereinbarungen der Führungskräfte im Unternehmen verknüpft, und wenn alle Führungskräfte ihre Ziele erreichen, erreicht auch das Unternehmen insgesamt seine Ziele. Das ist die Idee.

Finanzielle Führung

Finanzielle Führung bedeutet also, dass das Unternehmen darauf achten muss, dass jeder Mitarbeiter seine persönlich gesetzten Ziele erreicht. Dass der Vertrieb genau die Anzahl neue Restaurants als Partner gewinnt, die geplant war. Dass in der Marketingabteilung die Marketingausgaben die geplante Höhe nicht überschreiten und dabei die Gewinnung von Marktanteilen genauso unterstützt, wie man sich das vorgenommen hatte. Dass sich die Personalkosten genau im geplanten Rahmen entwickeln und dass die Lieferantenpreise genauso hoch sind, wie man es auch geplant hatte.

Das ist eine sehr große Führungsaufgabe. Und ob Delivery Hero hier gut ist, wird die Zukunft zeigen. Denn der bisherige Aktienkurs sprach nicht gerade dafür, dass man die Investoren von der Zielerreichung auch überzeugen konnte. Aber im DAX steht das Unternehmen jetzt stärker im Fokus und wird noch genauer beobachtet werden.

Auf das die Mitarbeiter die Story weiter treiben.

Quellen

  • Geschäftsbericht 2019 der Delivery Hero AG
  • www.finanzen.net

Über den Autor

Bert Erlen, Unternehmercoach, Managementtrainer und Blogger

Bert Erlen begleitet Unternehmen in Veränderungsprozessen. Er begeistert Führungskräfte für unternehmerisches Denken und Handeln, erleichtert die Kommunikation zwischen Controllern und dem operativen Management und stärkt die Finanzielle Führung in Organisationen. Gerade in betriebswirtschaftlichen Schwächephasen kann er mit Wissen und Klarheit eine neue Vision vermitteln. Er ist zertifizierter Unternehmercoach, langjähriger Managementtrainer für Finanzielle Führung, Blogger und betreibt einen Business Podcast.

mvw

Veröffentlicht am: 21.09.2020

 

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Kommentare geben ausschließlich die Meinung ihrer Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht oder gekürzt zu veröffentlichen. Das gilt besonders für themenfremde, unsachliche oder herabwürdigende Kommentare sowie für versteckte Eigenwerbung.

Über CONSULTING.de

consulting.de ist das zentrale Informationsportal für Unternehmensberatungen. Unser breites Informationsangebot rund um Consulting richtet sich sowohl an Management- und Strategieberatungen, Personalberatungen, Controlling- und Finanzberatungen, Wirtschaftsprüfungen, Marketing- und Kommunikationsberatung und IT-Beratungen als auch deren Kunden aus Industrie, Handel sowie Dienstleistung.

facebook twitter xing linkedin linkedin