Die ersten ihrer Art - Vorläufer des modernen Consultings

#1Blick vom Beratungsforscher

Die erste Beratungsfirma wurde 1886 von Arthur Dehon Little in Boston/USA gegründet - diesen oder einen ähnlichen Satz findet man häufig, wenn es um die Anfänge des Consultings geht. Eine Beratung mit Littles Namen existiert noch immer – und auf den ersten Blick gibt es hier eine durchgehende Erfolgsgeschichte. So einfach ist die Situation allerdings nicht, weiß Prof. Thomas Deelmann. In seiner Kolumne erläutert er, warum sich die Historie des Consultings etwas differenzierter darstellt.


In diesem #1Blick geht es um Ahnenforschung und Spurensuche. Das scheint notwendig zu sein, denn Texte zur Consulting-Geschichte vermeiden häufig klare Aussagen oder sind sogar sachlich nicht ganz richtig. Oft heißt es beispielsweise, Arthur D. Little sei der erste Unternehmensberater gewesen. Dies ist jedoch nicht der Fall und verkürzt die Entwicklung stark.

Little hat sein erstes Unternehmen zwar schon 1886 gegründet, aber es ist nicht ganz so einfach, ihn als ersten Consultant darzustellen.

Geht man zunächst einen Schritt zurück, dann stellt man schnell fest, dass es Ratgeberinnen und Ratgeber für die Mächtigen, Wohlhabenden und Herrschenden schon seit langer Zeit gibt.

Der Philosoph Peter Sloterdijk ordnet Konsultanten begriffsgeschichtlich ein und sieht Anfänge in der Antike bei Diogenes [1]. Das Orakel von Delphi wird gerne als Beraterin beziehungsweise Berater genannt, Auguren und Haruspizien werden als Vogel- beziehungsweise Eingeweideschauer bemüht, damit sie Ratschläge ableiten und geben können [2] und auch im Alten Testament finden sich viele Ratgebergeschichten. Neuere Beraterinnen und Berater werden in den Hofnarren der Herrschenden gesehen, in Geishas und Mätressen, und Machiavelli wird hervorgehoben [3]. Sie alle können – mehr oder minder direkt – als Vorläufer der heutigen Beraterinnen und Berater betrachtet werden, fokussieren aber typischerweise auf Personen.

Den Beginn der modernen Beratung von Unternehmen und sonstigen Organisationen kann man auf die Zeit der Zweiten Industriellen Revolution datieren, also auf die Jahre rund um den Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Diese Revolution lässt neue funktionale organisatorische Strukturen entstehen und gesamtgesellschaftliche Basisinfrastrukturen befinden sich in einem Prozess des Ausbaus und des Wachstums. Der stattfindende Übergang von Herstellungsprozessen innerhalb von Manufakturen hin zur Fabrikproduktion bildet im Wesentlichen die Grundlage für die auch heute noch vorzufindende Betriebsstrukturen [4].

In diesen Organisationen kommt es zu Situationen und es treten Probleme auf, die denen verblüffend ähneln, die auch gut 100 Jahre später noch immer aktuell sind. Hier war also der Nährboden und das Beschäftigungsfeld für Consultants, die „professionelle Organisationsproblembearbeitungsbegleiter“ waren. Sie haben in der Beratung von Dritten ihre Profession gefunden, hauptberuflich Unternehmen Ratschläge erteilt und hier beispielsweise Produktionsweisen verbessert.

Der (vermutlich) erste Consultant

Frederick Winslow Taylor lebte von 1856 bis 1915. (Bild: picture alliance / Index / Heritage-Images)

Frederick Winslow Taylor wird häufig mit dem so genannten Scientific Management in Verbindung gebracht. [5] Die Ursprungsidee hierbei liegt, grob gesagt, darin, den menschlichen Arbeiter wie eine Maschine wahrzunehmen und seine Arbeitsbewegungen zu optimieren. Es wird unterstellt, dass es den einen besten Weg („one best way“) zur Aufgabenerledigung gibt.

Taylor und andere haben die Arbeitsausführungen verschiedener Arbeiter mit der Stoppuhr in der Hand betrachtet, die beste beziehungsweise schnellste Zeit für einzelne Aufgabenerledigungen herausgesucht und die Arbeitsschritte des entsprechenden Arbeiters den übrigen Arbeitern als Vorlage und zur Nachahmung gegeben („time and motion studies“).

Dabei legte Taylor auch sehr bewusst Wert auf Pausen- und Ruhezeiten und konnte durch geschickte Kombination die Produktivität der von ihm untersuchten Bereiche steigern. Bekannt geworden sind seine Studien als Manager der Midvale Steel Company in den Jahren 1878 bis 1890.

Taylor verließ Midvale, arbeitete von 1890 bis 1893 für die Manufacturing Investment Company und schließlich von 1893 bis 1901 als Consultant. Er hat seine gesammelten Praxiserfahrungen auf andere Unternehmen übertragen und an der Vermittlung des Scientific-Management-Konzeptes an Dritte gearbeitet. Zur Unterstützung hat er ein kleines Team aufgebaut. Der wohl bekannteste Mitarbeiter wird Henry Gantt gewesen sein – heute als Namensgeber des Gantt-Charts bekannt.

Taylors Biograf Cobey notiert explizit, dass dieser sich auf Briefbögen, Stempeln und Visitenkarten als „Consulting Engineer“ bezeichnet hat. [6] Er kann daher als der erste Management Consultant bezeichnet werden. [7] Zwar gab es bereits vorher andere Unternehmer, die ihre Erfahrungen weitergegeben haben – jedoch nicht als professionelle Haupttätigkeit und eher in Form einer kollegialen Unterstützung. [8] Nach dem Tod von Taylor 1913 gibt es kein Unternehmen mehr, das seinen Namen trägt und das als Nachfolger seiner Beratung gesehen werden kann.

Das Konzept des Taylorismus hat aber bis in die Gegenwart überlebt. Man findet es beispielsweise in den detaillierten Arbeitsanweisungen, die verschiedenen Berufen und Tätigkeitsfeldern zu Grunde liegen.

Die lange Historie von Marsh & McLennan

Ein Unternehmen, das heute Consulting-Leistungen anbietet und dessen Wurzeln sehr weit zurückreichen, ist die Marsh & McLennan Gruppe. Sie hat mit den Consulting-Marken Mercer (Mercer Management Consulting, MMC) und Oliver Wyman einen der größten Namen in der Beratungsbranche, verfügt aber auch über einen Geschäftsschwerpunkt im Versicherungssektor. Entlang einer Reihe von Firmenübernahmen und -übergängen lassen sich die historischen Wurzeln von Marsh & McLennan bis 1845 zurückverfolgen. In diesem Jahr wurde das Versicherungsunternehmen Johnson & Higgins gegründet, das 1854 zu Foster Higgins umfirmierte.

Consulting-Leistungen haben dort im Zeitverlauf (vermutlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts) einen wachsenden Anteil an den Unternehmenstätigkeiten eingenommen. Die Übernahme durch Marsh & McLennan erfolgte 1997 [9]. Die Beratung von William Mercer wurde 1959 übernommen und Oliver Wyman 2003. Marsh & McLennan ist damit, so die berechtigte Annahme, das älteste Unternehmen, das heute Consulting-Leistungen anbietet beziehungsweise die Beratung mit den ältesten Wurzeln.

Die Durchhaltefähigkeit von ADL

Arthur Dehon Little lebte von 1863 bis 1935. Foto von ca. 1910. (Bild: Courtesy of Science History Institute)

Mit den beiden gerade skizzierten Elementen kann nun der Rahmen aufgezogen werden, in dem sich die Beratung „Arthur D. Little“ (ADL) einfügen kann. Arthur Dehon Little gründete 1886 gemeinsam mit Roger B. Griffin das Unternehmen Little & Griffin. Bekanntheit erlangten sie seinerzeit für ihre Überlegungen zur Chemie der Papierherstellung. Griffin starb nach einem Laborunfall 1893. Little hat 1900 mit William H. Walker ein weiteres Unternehmen, Little & Walker, gegründet. Walker wiederum wechselte 1905 an das MIT und das Unternehmen wurde aufgelöst. Little hat zunächst als Einzelperson weitergearbeitet und in 1909 formal das Unternehmen „Arthur D. Little, Inc.“ gegründet. Der Fokus lag in diesen Jahren zumeist auf der angewandten chemischen Forschung. [10]

Erstmalig für das Jahr 1906 wird in der Unternehmenshistorie von ADL eine ratgebende Tätigkeit im modernen Consulting-Verständnis notiert – also deutlich nach dem Beginn der Beratungsaktivitäten von Taylor, aber auch noch vor denjenigen von Marsh & McLennan. Seit der Gründung 1909 hat ADL ein bewegtes Unternehmensleben hinter sich – inklusive einer Insolvenz im Jahr 2002, der weitgehenden Übernahme durch Altran, einen französischen Engineering-Consulting-Konzern (heute Teil von Capgemini) und einer wiedergewonnen Eigenständigkeit 2011.

ADL ist damit vermutlich das Consulting-Unternehmen, welches am längsten in der Branche aktiv ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Quintessenz

Landläufig wird behauptet, Arthur D. Little wäre der erste Unternehmensberater gewesen. Dies scheint jedoch verkürzt zu sein und kann als unrichtig hingestellt werden. In nicht wenigen Texten zur Consulting-Historie finden sich zudem unklare Aussagen und man muss „zwischen den Zeilen“ lesen, um Informationen zu extrahieren. Damit dieser #1Blick anders abschließen kann, gibt es als Zusammenfassung nochmal drei klare Ergebnisse auf Basis der vorgenommenen Spurensuche:

  • Frederick Winslow Taylor war der erste Consultant.
  • Marsh & McLennan ist vermutlich das Consulting-Unternehmen mit den ältesten Wurzeln.
  • Arthur D. Little bietet am längsten Consulting-Leistungen an.

Quellen:
[1] Sloterdijk, P. (2008): Konsultanten – Eine begriffsgeschichtliche Erinnerung. In: Revue für postherorisches Management. Heft 2/2008, S. 8-19, insb. S. 8-9.
[2] Wandhoff, H. (2016): Was soll ich tun? Eine Geschichte der Beratung. Corlin, Hamburg 2016, S. 36.
[3] Heuermann, R.; Herrmann, F. (2003): Unternehmensberatung – Anatomie und Perspektiven einer Dienstleistungselite. Vahlen, München 2003, S. 23-29.
[4] Deelmann, T. (2014): Meilensteine und Trends der Betriebswirtschaft. Erich Schmidt, Berlin 2014, S. 35-41.
[5] Taylor. F. W. (1911): The Principles of Scientific Management. Harper, New York 1911.
[6] Copley, F. B. (1923): Frederick W. Taylor – Father of Scientific Management. Harper, New York 1923, S. 391.
[7] McKenna, C. D. (2006): The World’s Newest Profession. Cambridge UP, New York/USA 2006, S. 35.
[8] Kubr, M. (2004): Management Consulting – A Guide to the Profession. 4. Aufl., ILO, Bookwell, New Delhi/Indien 2004, S. 31.
[9] International Directory of Company Histories. Vol. 14., St. James Press, Farmington Hills/MI/USA 1996. 
[10] Scatter Acorns That Oaks May Grow – Arthur D. Little, Inc.: An Exhibit. Am 12.03.2017 online hier, Abruf am 06.04.2022.

Über Prof. Thomas Deelmann

Professor Thomas Deelmann arbeitet seit über 20 Jahren als, mit, für und über Berater. In seiner consulting.de-Kolumne #1Blick kommentiert er Marktentwicklungen aus der Vogelperspektive und schaut hinter die Kulissen der Arbeit von Beratern und ihren Kunden. Er lehrt an der HSPV NRW, twittert @Ueber_Beratung, berät bei strategischen Fragen, ist unter anderem Herausgeber des Handbuchs der Unternehmensberatung, hat mit Prof. Dr. Andreas Krämer „Consulting – Ein Lehr-, Lern- und Lesebuch“ geschrieben und zuletzt „Die Berateraffäre im Verteidigungsministerium“ aus Consulting-Research-Sicht analysiert sowie Handlungsempfehlungen hergeleitet.

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